Spiel meines Lebens Meike Orth wird zur Pokalheldin des TV Neerstedt

Bei ihrem ersten Auftritt für Neerstedts Handballerinnen zeigt Torfrau Meike Orth gegen den drei Klassen höher spielenden TV Dinklage eine Glanzleistung und führt das Team zu einem 16:15-Sieg.
15.02.2021, 13:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Franke

Die Handballerinnen des TV Neerstedt sind seit vielen Jahren eine feste Größe im Frauenhandball des Landkreises. Die Entwicklung wurde entscheidend von Uwe Brandt mitgeprägt, der viele Jahre als Trainer fungierte. Er hat so viele Spiele als Coach absolviert, dass er sich zunächst, gefragt nach dem Spiel ihres Lebens seines Schützlings Meike Orth, etwas ratlos zeigte: „Meike hat so viele überragende Spiele gemacht, da ist es schwierig, eines besonders hervorzuheben.“ Meike Orth, inzwischen verheiratete Meyenburg, erinnert sich da viel präziser: „Na klar, das war mein allererstes Spiel in der Frauenmannschaft. Im Pokalspiel gegen den TV Dinklage ist unser ganzes Team über sich hinausgewachsen, und ich konnte als Torwart mit etlichen gehaltenen Strafwürfen meinen Teil zum Sieg beitragen.“

Erst recht spät, mit 20 Jahren, wechselte Meyenburg, die aus einer sportbegeisterten Familie stammt, zum Handball. „Ich war Reiterin und wollte eigentlich Olympiasiegerin im Springreiten werden“, erzählt die Lehrerin, die heute an der Oberschule Cappeln im Cloppenburger Land eine fünfte Klasse in den Fächern Deutsch und Sport unterrichtet, mit einem Schmunzeln.

Lange vor ihrem ersten Spiel in der Frauenmannschaft hatte sie schon einmal eine Spielzeit in der Jugend des TV Neerstedt absolviert, war dann aber zunächst beim Reiten geblieben. Durch das Chicago-Turnier, ein Freizeitspaßturnier des TV Neerstedt mit gemischten Teams, fand sie den Weg in die Mannschaft von Trainer Uwe Brandt. Monika Kirchner, Elke Bleydorn, Nicole Frese und Daniela Vosteen hießen die Leistungsträger in jenem Team, das am 28. August 1993 den TV Dinklage im HVN-Pokalspiel empfing, eine Mannschaft, die drei Klassen höher angesiedelt war. „Unser Trainer Uwe Brandt motivierte uns, alles zu geben, bis zum Umfallen zu kämpfen und tunlichst mit weniger als zehn Toren Differenz zu verlieren. Wenn wir das schaffen würden, spendiere er dem Team einige Platten mit Schnittchen“, erinnert sich Meyenburg.

Die Spielerinnen hatten ihrem Trainer genau zugehört. Im Spiel zeigten sie sich dem hohen Favoriten nicht nur ebenbürtig, sondern bauten rasch eine Führung auf, die zum Halbzeitstand von 10:7 führte. Im zweiten Durchgang zogen die Neerstedter Gastgeberinnen sogar auf 14:7 davon, ehe die mit nur zehn Akteurinnen angetretenen Grün-Weißen die Kraft verließ. In den letzten 15 Minuten kamen die Gäste bedrohlich auf, verkürzten langsam, aber stetig. Das 16:12 in der 52. Minute durch Elke Bleydorn bedeutete das letzte Tor für den TVN an diesem Tag. Dass Dinklage anschließend gegen die erschöpfte Abwehr nur noch zwei Tore in den letzten acht Minuten zu erzielen vermochte, war das Verdienst der jungen Torhüterin des TVN. In der 59. Minute kassierten sie lediglich noch das 16:15 – Meike Orth hatte ihrem Team mit unglaublichen Paraden den Sieg gerettet. Sie hielt fünf der acht Siebenmeter und wies insgesamt eine traumhafte Quote auf. So zog der seinerzeitige Underdog aus der Bezirksklasse in die nächste Pokalrunde ein. Gleichzeitig war es bis dahin der größte Erfolg für eine Neerstedter Frauenmannschaft, der am selben Abend beim anschließenden „Sockenball“ des TVN zünftig gefeiert wurde.

Meike Orth zeigte in dieser Partie, was später ihr Markenzeichen wurde: ein geschmeidiges, schnelles Torwartspiel mit ausgezeichneter Technik, große koordinative Fähigkeit und ein schnelles Umschaltspiel in den Gegenstoß. Mit diesem für sie typischen Torwartspiel avancierte sie zu einem Garanten für die weitere Entwicklung des TV Neer­stedt, der heute in der Oberliga Nordsee anzutreffen ist.

Ihr ehemaliger Trainer Uwe Brandt bewertet in der Rückschau ihr Spiel: „Das war jener schicksalhafte Tag, an dem sie ihr erstes Pflichtspiel in der 1. Damen des TV Neerstedt absolvierte und dabei gegen den drei Spielklassen höher angesiedelten TV Dinklage das Spiel ihres Lebens machte. Immer, wenn das Geschehen zu kippen drohte, war Meike zur Stelle und vernagelte mit großartigen Paraden das Tor. Es war einfach ihr Tag. Mit sagenhaften Glanzparaden wuchs sie regelrecht über sich hinaus, hielt fünf Sieben-Meter-Strafwürfe und lenkte die Mannschaft so höchstpersönlich auf die Siegerstraße. Das war schon wirklich ganz großes Kino.“ In den Zeitungen war von der Hexerin im Neerstedter Tor zu lesen, ein Vergleich mit dem „Hexer“ Andreas Thiel vom VfL Gummersbach.

Ihre Teamkameradin Monika Kupka, ehemals Kirchner, erinnert sich genau an jene Partie: „Als junge Torhüterin hat Meike unserem Team in diesem Pokalspiel mit ihren tollen Paraden zum Sieg verholfen. Die Feier abends beim Sockenball, dem gesellschaftlichen Höhepunkt der Neerstedter Handballer, war für unser Team dann natürlich das Tüpfelchen auf dem i“, erinnert sie sich.

Vor einigen Monaten hat Meike Meyenburg mit dem coronabedingten Saisonende in der 3. Damenmannschaft des TV Neer­stedt mit dem Handball aufgehört: „Zum Schluss habe ich mit den Freundinnen meiner Töchter zusammengespielt. Bevor das vielleicht mal albern wird, habe ich mich wieder dem Reiten zugewandt.“ Und scherzend fügt sie hinzu: „Wartet mal vier Jahre ab, dann wird das noch was mit dem Olympiasieg im Springreiten“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+