Ganderkeseer Pastor Friedrich Bultmann

Ikone der Nächstenliebe

Der Todestag des legendären Ganderkeseer Pastors Friedrich Bultmann jährt sich 2021 zum 50. Mal. Nicht nur aufgrund seines bedingungslosen Antimilitarismus genießt er bis zum heutigen Tag Kultstatus.
07.05.2021, 19:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Jochen Brünner
Ikone der Nächstenliebe

Der legendäre Ganderkeseer Pastor Friedrich Bultmann war begeisterter Pfeifenraucher. Den Tabak für sich und die Nachbarschaft beizte er selbst.

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Der 8. Mai 1945 war für den Ganderkeseer Pastor Friedrich Bultmann mit Sicherheit ein großer Freudentag, auch wenn „der Krieg zwar vorbei war, nicht aber das Leid, das uns der Krieg gebracht hatte“, wie es der stellvertretende Bürgermeister Hans-Joachim Selke 1995 anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsendes zum Ausdruck gebracht hatte. Gerade in den letzten Kriegstagen hatte der Ort schwer gelitten und war zu 60 Prozent zerstört worden. Zudem standen die damals 9000 Einwohner der Gemeinde vor der Herausforderung, noch einmal 6000 Flüchtlinge zu integrieren. Mitten drin Fritz Pastor, wie er im Ort genannt wurde, der sich von der britischen Militärregierung und Landrat Carl Ballin eher widerstrebend dazu überreden ließ, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. 2021 jährt sich der Todestag Friedrich Bultmanns zum 50. Mal.

Kaum eine Ganderkeseer Familie hatte das Leid des Krieges so hart getroffen wie die Bultmanns: Fünf ihrer acht Söhne verloren bei den Kampfhandlungen ihr Leben. „Wenn in Ganderkesee ein örtlicher NSDAP-Funktionär wieder einer Familie den 'Heldentod' eines Angehörigen mitteilte, dann konnte man die hilflosen Tröstungen der Nachbarn hören: 'Denk doch mal an die Bultmanns'“, erinnert sich der Ganderkeseer Heimatforscher Hermann Speckmann in einem Beitrag über den „roten Pastor“.

Nachdem der 1882 geborene Geistliche 1910 die 2. Pfarrstelle in Ganderkesee übernommen hatte, war er 1922 in die SPD eingetreten. Aus seiner politischen Gesinnung machte er nie einen Hehl: So verurteilte Bultmann die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, nahm am Mai-Umzug teil und predigte gegen die Aufrüstung. Im Rahmen seiner Forschungen zur Geschichte friedensbewegter Strömungen in der Evangelischen Kirche Deutschlands ist auch der Dortmunder Theologe Johannes Weissinger auf Bultmann gestoßen: „In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre ist er die zentrale Ansprechperson der Gesinnungsgemeinschaft kriegsgegnerischer Pfarrer in Deutschland für die Oldenburger Landeskirche gewesen", hat Weissinger herausgefunden. Die dem Bund antimilitaristischer Pfarrer angeschlossene Gemeinschaft rief etwa 1928 in ihrer Vierteljahresschrift "Die Eiche" dazu auf: "Daß wir nicht länger ruhig mit ansehen können, wie angesichts des Arbeitslosen- und Wohnungselends und der vielfachen Einschränkung der öffentlichen Ausgaben nicht nur die Rüstungsausgaben stetig steigen, sondern auch der Glaube an den Sinn militärischer Gewalt in christlichen und nicht-christlichen Kreisen nicht abnimmt. Darum wollen wir Zeugnis ablegen von einem neuen Sinn und einem neuen Geist, dessen die Welt bedarf."

Als Bultmann schließlich auch noch die Fürbitte für Adolf Hitler ablehnte, war es den Machthabern zu viel und sie entfernten ihn 1933 aus dem Kirchendienst. In den folgenden Jahren durfte er nur sporadisch als Pastor wirken – unter anderem als Strafanstaltsgeistlicher in Vechta. 1939 brachte ihn eine kritische Bemerkung über das „Mutterkreuz“ vor Gericht, und er wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.

Trotz aller Schikanierungen und Schicksalsschläge hat Friedrich Bultmann seine Nächstenliebe und seine Bescheidenheit nie verloren. So unterstützte er arme Kirchenmitglieder, nahm Pflegekinder auf, kümmerte sich um Flüchtlinge und Vertriebene und verzieh sogar ehemaligen Nationalsozialisten. Nach den ersten Gemeinderatswahlen im September 1946 konnte Bultmann sein ungeliebtes Amt wieder abgeben und für einige Monate in den Kirchendienst zurückkehren, ehe er 1947 in den Ruhestand versetzt wurde. Fortan widmete er sich seiner Tätigkeit als Heimatforscher und Familienkundler. Friedrich Bultmann starb 1971 im Alter von 88 Jahren, und bis heute gilt er in der Gemeinde als kauzige Kultfigur. Nicht nur wegen seiner pazifistischen Weltanschauung, sondern auch wegen einer großen Portion Pragmatismus, mit der er immer wieder Lösungen abseits von Regularien und Verwaltungshandeln fand.

„Ein Ausnahmepastor, immer noch nicht gänzlich erkannt“, kommentiert Speckmann. „Seine klare Weitsicht, für die er einstand und Konsequenzen hinnahm, ist rückblickend schon fast unheimlich.“

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