Musikalische Andacht

Ein großer Name in Ganderkesee

Altistin Wiebke Lehmkuhl tritt sonst in Bayreuth auf, die Pandemie und ihre Auswirkungen gaben einem Kreis von Ganderkeseern die Möglichkeit, ihre Stimme in der St. Cyprian- und-Corneliuskirche zu bewundern.
22.04.2021, 16:16
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Von Günter Matysiak
Ein großer Name in Ganderkesee

Altistin Wiebke Lehmkuhl ließ sich bei ihrem Auftritt in Ganderkesee von Kreiskantor Thorsten Ahlrichs an der Orgel begleiten.

TAMMO ERNST

Die Pandemie hat erschreckend viel Musik, Musikaufführungen und viele andere Kunst unmöglich gemacht. Manchmal hat sie aber auch ungewöhnliche Begegnungen ermöglicht. Sonst singt die Altistin Wiebke Lehmkuhl bei den Bayreuther Festspielen oder in der Elbphilharmonie in Hamburg - Dirigenten mit großen Namen wie Thomas Hengelbrock oder Ricardo Chailly gehören zu ihren Begleitern. Am Mittwochabend sang sie in der St. Cyprian- und Corneliuskirche in einer musikalischen Andacht. Nicht große Oper sondern Psalmvertonungen aus dem Frühbarock von Komponisten, deren Namen sicher nur Kennern der Alten Musik geläufig sind. Und ihre Begleiter waren Hausherr und Kreiskantor Thorsten Ahlrichs, der die Sängerin aus Hamburger Studienzeiten kennt, und die Bremer Gambistin Gabriele Nogalski.

Die „große Oper“ muss hier noch einmal erwähnt werden. Denn gleich im einleitenden „Bringt her dem Herrn“, ein „Kleines geistliches Konzert“ von Heinrich Schütz (1585-1672) ließ Wiebke Lehmkuhl auf aufregende Weise hören, was mit den Mitteln einer großen Opernstimme an Espessivo-Feinheiten aus dieser Musik herauszuholen ist. Da wurde jede melodische Linie in aller Zartheit gesanglich ausgeformt, der Allelujah-Jubel strahlte voller Alt-Wärme, die bewegten Partien hatten unangestrengte Leichtigkeit. Und alles zeugte von schönster Stilsicherheit im Umgang mit Alter Musik. Thorsten Ahlrichs begleitete die Sängerin auf der Empore auf der Arp-Schnitger-Orgel, deren Farben sich dicht mit der Vokalstimme mischten.

Der liturgische Teil der Vesper, den Pastorin Irene Schlawin übernommen hatte, war dicht mit dem musikalischen Teil verflochten, hatte er doch den Psalm zum Thema. Die Pastorin nannte ihn das Gebetbuch der Lieder, in denen sich „alle menschlichen Empfindungen und Regungen“ widerspiegeln, Dank und Lob, Klage und Verzweiflung, Jubel und Hoffnung. Es sind diese Psalmen, die uns übrigens auch mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern verbinden, zu deren Gebeten sie auch gehören. Irene Schlawin nannte die Psalmen „eine Schatzkiste zum Entdecken“, in der sie dann ausgiebig stöberte. Manche dieser Psalmworte haben uns ja ein Leben lang begleitet. Wie etwa „Der Herr ist mein Hirte“ oder „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Auch das „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ gehört zu den Sinnsprüchen, mit denen wir umgehen, auch ohne über ihre Herkunft aus den Psalmen Bescheid zu wissen. Die Pastorin betonte auch die reichhaltige Bildersprache der Psalmen, die allerdings oft in unsere heutige Sprache übersetzt werden müsse. Da könne auch die Musik eine Art der Übersetzung werden. Wie diese Musikalische Vesper eindringlich zeigte. Zu „Ego sum pauper“ und „Confitebor tibi“, zwei geistliche Konzerte von Ludovico da Viadana (1560-1627), kam das Musiker-Trio in den Altarraum, wo ein Portativ, die Kleinorgel als Begleitinstrument stand. Das erste Konzert entwickelten Wiebke Lehmkuhl, Gabriele Nogalski und Thorsten Ahlrichs aus einer hoch gespannten Verhaltenheit, aus der sich eine Aria mit perlenden Altkoloraturen aufbaute. Im zweiten Viadana-Konzert hatten auch Viola da Gamba und Orgel ihre kantablen Partien, und die Altistin konnte wieder mit makellosem, vibratolos strahlenden Ton überzeugen. Nach der Psalmenlesung spielte Thorsten Ahlrichs an der großen Orgel „Erstanden ist der heilig Christ“, Choral und drei Variationen von Martin Düben (1598-1640), gab der Choralmelodie jeweils eine markante Registerfarbe, gab jeder der Variationen jeweils ihren eigenen Tonfall. Von Constantin Christian Dedekind (1628-1715) war das Geistliche Konzert „Was betrübst du dich meine Seele“. Wie Wiebke Lehmkuhl hier zwischen drohend-schwarzer Alt- Tiefe und zärtlichen Höhen alle Alt-Schönheiten auskostete, war einfach toll. Gambe und Orgel waren hier eingebunden in höchst spannende musikalische Entwicklungen auf engem Raum. Auch im abschließenden „Sei nun zufrieden meine Seele“, einer Motette von Andreas Hammerschmidt (1611-1675), herrschte dies sehr dichte kammermusikalische Singen und Spielen.

Nach „Vaterunser“ und Segen ermunterte die Pastorin das Publikum dann zu freudigem Applaus.

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