„Bienenglück“ in Ganderkesee Vier Hektar großer Experimentierkasten

Landwirt Onno Osterloh und Ökologe Klaus Handke, Initiatoren des „Bienenglücks“ in Ganderkesee, erkennen im Vergleich zu 2019 eine „deutliche Qualitätssteigerung“. Allerdings mangele es an Unterstützern.
07.06.2020, 16:43
Lesedauer: 3 Min
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Vier Hektar großer Experimentierkasten
Von Jochen Brünner

Der Hummelschwärmer ist ein etwa vier bis fünf Zentimeter großer, tagaktiver Schmetterling, dessen Körper dem einer Hummel ähnelt. Der Falter, den viele Laien in Unkenntnis glatt übersehen, ist für den Landschaftsökologen Klaus Handke eine absolute Sensation. „Den habe ich in Norddeutschland überhaupt noch nicht erlebt“, zeigt er sich begeistert. Und jetzt ist der Hummelschwärmer auf der „Bienenglück“-Fläche am Bürsteler Fuhrenkamp anzutreffen, jenem ökologisch-landwirtschaftlichen Experimentierkasten, den Handke im vergangenen Jahr gemeinsam mit Landwirt Onno Osterloh und dem Imker Franz Winzinger initiiert hat.

Inzwischen ist das „Bienenglück“ in seine zweite Saison gestartet, und ein Meer an blühenden Margeriten, Kornblumen und Phacelia prägen weite Teile des vier Hektar großen Areals. Dazwischen sorgen Ringelblumen und Mohn für Farbtupfer. „Die Margeriten sind nach der Aussaat im Mai 2019 so gut wie gar nicht gekommen, und jetzt ist alles voll davon“, freut sich Handke über eine „unwahrscheinliche Qualitätsverbesserung“. Ziel sei es, eine wechselnde Blütenpracht über den gesamten Zeitraum von April bis Oktober zu erhalten. Wobei die Frage, welche Pflanzen sich durchsetzen, auch immer stark von der Witterung abhängig ist.

Selbst die verblühten Sonnenblumen aus dem vergangenen Jahr erfüllen noch eine Funktion und dienen seltenen Vögeln als „Singwarte“: So seien etwa Neuntöter, Goldammer, Baumpieper oder Gartenrotschwanz endgültig im „Bienenglück“ angekommen. Und Fledermäusen bietet das „Bienenglück“ quasi einen reich gedeckter Tisch: „Unser Fledermausexperte hat innerhalb von einer Stunde sechs verschiedene Arten beobachtet, vier davon gefährdet“, erklärt Handke. „Und diese Tiere irren sich nicht.“ Sein Wunsch wäre, 15 bis 20 Flächen dieser Art in der Gemeinde Ganderkesee zu etablieren: „Dann würde es der Umwelt schon viel besser gehen“, ist der Ökologe überzeugt. Doch die geeigneten Flächen würden nicht ausreichend bewirtschaftet: „Und wenn man eine Fläche sich selbst überlässt, erzielt man dort nicht die gewünschte Artenvielfalt.“

Aber nicht nur für den Ökologen, auch für den Landwirt bieten sich auf der „Bienenglück“-Fläche Möglichkeiten für neue Erkenntnisse. So experimentiert Osterloh gerade mit der Durchwachsenen Silphie, einer Energiepflanze aus Nordamerika, die eine mögliche Alternative zum Mais sein könnte. „Die ist zwar teuer in der Aussaat, muss anschließend aber zehn Jahre nicht mehr angefasst werden“, erläutert er.

Dass viel Saatgut nicht immer viel hilft, zeige sich etwa bei Kamille und Spitzwegerich: „Hier haben wir uns an einer Stelle ein bisschen in der Dosierung versehen“, verrät Osterloh. Die Konsequenz sei, dass die Pflanzen dort deutlich schlechter wachsen würden als an den korrekt dosierten Stellen. Auch die Kartoffeln, die Interessierte Anfang Mai unter der Anleitung von Landwirt Ronald Bredendiek gepflanzt haben, zeigen bereits erste Triebe. Wobei man auch die Unterschiede erkennen könne, wie sorgfältig die Hobbygärtner dabei gearbeitet hätten, etwa beim Rückverfestigen der Erde.

Als Ärgernis etwa gilt den Initiatoren der Ampfer, eine durchsetzungsstarke Pflanze, deren Samen überdies sehr zäh seien. „Ampfersamen halten sich bis zu 100 Jahre im Boden“, weiß Osterloh und berichtet von einem befreundeten Landwirt, der unlängst eine etwa 110 Jahre alte Scheune abgerissen hat. „Da wuchsen plötzlich Kräuter, die man seit Jahrzehnten in dieser Region nicht gesehen hat.“

Etwa die Hälfte der Fläche hat der Landwirt in diesem Jahr teilweise in mühsamer Arbeit auf kleinsten Parzellen neu ausgesät, wobei er und seine Mitarbeiter insgesamt 55 verschiedene Pflanzenarten in den Boden gebracht haben. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um das Saatgut aus dem vergangenen Jahr. „Es ist ja nicht Sinn und Zweck, jedes Jahr alles neu zu pflanzen“, betont Osterloh.

Die Initiatoren beklagen allerdings, dass das öffentliche Engagement für das „Bienenglück“ im Vergleich zum Vorjahr deutlich nachgelassen habe – was natürlich auch der Corona-Krise geschuldet ist. „Damit es weiter Spaß macht, brauchen wir 2021 aber wieder mehr Unterstützer“, appellieren Osterloh und Handke an Naturliebhaber, eigene Parzellen zu pachten. Um die Aufmerksamkeit hoch zu halten, haben die Initiatoren zudem ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm aufgelegt, das zurzeit aber coronabedingt noch brach liegt. „Wir scharren mit den Hufen und warten darauf, dass wir endlich loslegen können“, sagt Handke, der unter anderem verschiedene Insektenseminare anbieten will. Darüber hinaus soll es im August auch eine Fledermaus-Exkursion geben.

Nicht zuletzt ist das Projekt „Bienenglück“ inzwischen auch im Fokus der Politik angekommen: Die Mitglieder des Ausschusses für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz haben verabredet, sich bei einem Ortstermin über die Vorzeigefläche, deren Bedeutung längst weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus strahlt, zu informieren.

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