Berufsförderungswerk in Bookholzberg

„Das Spieldorf wird zugänglich bleiben“

Pierre Noster und Lars Pallinger, Geschäftsführer der Inn-tegrativ gGmbH, die das Berufsförderungswerk in Bookholzberg betreibt, wollen in diesem Jahr weitere 2,5 Millionen Euro in den Standort investieren.
12.03.2019, 17:52
Lesedauer: 7 Min
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„Das Spieldorf wird zugänglich bleiben“
Von Jochen Brünner
„Das Spieldorf wird zugänglich bleiben“

Lars Pallinger und Pierre Noster (von links) sind Geschäftsführer der Inn-tegrativ gGmbH, die das Berufsförderungswerk in Bookholzberg betreibt. In diesem Jahr wollen sie erneut 2,5 Millionen Euro in den Standort investieren.

INGO MöLLERS
Erst etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass Sie einen Teil der Schulungsgebäude aufwendig saniert haben. Jetzt stehen die nächsten Umbauten an. Was genau haben Sie geplant?

Pierre Noster: Wir werden einen weiteren Gebäudeteil in unserem U-Komplex sanieren und haben dafür etwa 2,5 Millionen Euro veranschlagt. Die Entwicklungen in der IT schreiten sehr schnell voran: Verkabelungen und Bandbreiten müssen erneuert werden, aber auch Entwicklungen im Bereich Energetik und Lichtschutz sind ein Thema – und bei den Flachbauten natürlich auch immer die Dachsanierung, die gehen wir in diesem Zuge gleich mit an.

Sie bauen also nicht neu, sondern sanieren im Bestand.

Pierre Noster: Ja, wobei das fast gleichbedeutend mit einem Neubau ist. Letztlich bleibt nur die Stahlkonstruktion der Außenhülle stehen. Die Raumstrukturen werden deutlich anders, weil die Anforderungen heute einfach andere sind. Wir werden die Räume so gestalten, dass man sie flexibel nutzen kann. Wir werden wieder sehr transparent mit großzügigen Glasflächen bauen, wobei wir uns am Raumkonzept der vorherigen Sanierungen orientieren. Mit den anstehenden Maßnahmen wollen wir Unternehmensbereiche räumlich zusammenführen. Der ehemalige Verwaltungstrakt ist doch ziemlich versprengt, weshalb wir versuchen, alles in unserem U-Komplex zu zentralisieren. Für die Mitarbeitenden ist es wichtig, dass sie Tür an Tür sitzen, so ist eine verbesserte integrative Leistungserbringung möglich. Deshalb haben wir den alten Verwaltungstrakt weitgehend geräumt, und mit der Sanierung werden wir auch alle Mitarbeitenden in dem neuen Komplex unterbringen können.

Und was passiert dann mit dem alten Trakt?

Pierre Noster: Wir überlegen zurzeit, wie wir diesen Bereich nachnutzen können und denken dabei auch über Vermietungen nach.

In welchem zeitlichen Rahmen wird sich das abspielen?

Pierre Noster: Die Ausschreibungen sind gelaufen, die Vergabegespräche und die Terminabstimmungen finden gerade statt. Die wesentlichen Umbauarbeiten werden während der Betriebsschließung im Sommer stattfinden. Die Eröffnung ist dann Ende des Jahres geplant. Darüber hinaus gibt es aber auch Dinge, die man außen gar nicht sieht. Im Sommer vergangenen Jahres haben wir beispielsweise massiv an allen drei Standorten die WLAN-Infrastruktur ausgebaut. So haben wir über eine halbe Million Euro in die komplette Verkabelung unserer Internate gesteckt, damit Teilnehmende mit Smartphone oder Tablet im Internet kostenlos unterwegs sein können. Auch das ist ein Angebot, mit dem wir in der BFW-Szene weit vorne liegen.

Die berufliche Rehabilitation als solche hat sich in den vergangenen Jahren auch stark verändert. Ist dieser Prozess abgeschlossen?

Lars Pallinger: Wir haben unsere Angebote komplett umgestellt, um auf die veränderten Zielgruppen – sowohl in ihrer Altersstruktur als auch in ihren Vermittlungshemmnissen – zu reagieren. Die gesamte Organisationsentwicklung fassen wir mit den Schlagworten Individualisierung, Modularisierung und Flexibilisierung zusammen. Die Teilnehmer können also etwa wohnortnah ein Assessment oder ihre Praktika absolvieren und werden vom jeweils nächsten Beruflichen Reha- und Integrationszentrum begleitet. Wenn ein Assessment ergibt, dass der Betreffende teilqualifiziert werden muss, dann gibt es einzelne Leistungspakete, die den Reha-Verlauf so gestalten, dass die Menschen genau das kriegen, was sie benötigen. Dazu haben wir das sogenannte „Case-Management“ als Standard zur Steuerung durch die Reha- und Integrationsmanager eingeführt. Wir arbeiten also sehr viel adressatenorientierter.

Pierre Noster: Früher haben wir geguckt: Welche Angebote haben wir, wo passt der Teilnehmer am besten rein. Heute kommt der Teilnehmer zu uns und wir gucken, welche Bedarfe hat er. Danach stellen wir dann unsere Angebote zusammen – teilweise auch unter Einbeziehung externer Partner. Das ist der wesentliche Unterschied. Es ist also mehr ein Baukasten und nicht mehr so sehr die Gießkanne.

Lars Pallinger: Der Blickwinkel hat sich komplett verändert – weg von der Bildungsorientierung hin zum konkreten Bedarf für den Arbeitsmarkt. Unsere Reha- und Integrationsmanager steuern und koordinieren sowohl den Reha-Prozess als auch die Leistungserbringung. Wir nehmen auch nicht nur die Krankheit in den Blick, sondern das gesamte Lebensumfeld.

Gibt es in diesem Bereich weitere Perspektiven?

Pierre Noster: Unter dem Schlagwort „INN3“ haben wir in Bad Pyrmont ein Modell entwickelt, die berufliche Rehabilitation und die medizinische Rehabilitation miteinander zu verklammern. Und unsere Planung sieht vor, etwas Vergleichbares spätestens im kommenden Jahr auch am Standort Bookholzberg anzubieten.

Lars Pallinger: In Bad Pyrmont setzen wir diesen Ansatz in Kooperation mit einer Klinik für Psychosomatik seit zwei Jahren sehr erfolgreich um. Wir wollen dieses strategische Thema nun gern auch hier platzieren, weil wir merken, dass wir mit diesem auch therapeutisch angereicherten Angebot vielen Problemlagen der Klientel, die wir bekommen, gerecht werden. Die INN-tegrativ gGmbH ist Gesellschafter am Zentrum für seelische Gesundheit in Bremen, einer Einrichtung der Becker Klinikgruppe, und wir beraten gerade über ein mögliches Modell, das unserer Leistungen mit denen der Einrichtung verklammert. Das wäre dann vergleichbar mit dem INN3-Modell in Bad Pyrmont und ein besonderes Angebot für unsere Klienten, weil sie therapeutische Angebote im Bereich der beruflichen Reha bekommen würden, die sie bisher nicht bekommen. Da sind jetzt die ersten konzeptionellen Ideen auf dem Tisch, aber bis sich das realisiert, wird sicherlich dieses Jahr noch ins Land gehen.

Pierre Noster: In unserem Angebot tauschen sich unsere Mitarbeitenden mit dem Psychotherapeuten aus, und man kann damit untereinander abgestimmte Phasen der Anspannung und der Entspannung schaffen – und zwar so, dass das Ziel der Arbeitsaufnahme stets bei allen Beteiligten im Blick bleibt. Das ist ungeheuer effektiv und produktiv und wir glauben, dass das der Weg ist, den nicht nur die Rentenversicherungsträger künftig verstärkt nachfragen werden, sondern auch Langzeitarbeitslose – also die Klientel der Jobcenter – künftig wieder näher an den Arbeitsmarkt bringen kann.

Seit einigen Jahren sitzen Sie ja nun nicht mehr vor Ort, sondern leiten die Geschäfte von Hannover aus. Ist das nicht sehr weit weg?

Pierre Noster: Zu Beginn der INN-tegrativ gGmbH gab es an allen drei Standorten Bookholzberg, Goslar und Bad Pyrmont die Sorge: Was passiert mit uns? Da gab es Bedenken unter den Mitarbeitenden. Für unsere Aufsichtsgremien war aber immer klar, dass alle drei Standorte nicht nur ihre Daseinsberechtigung haben, sondern dass wir die Standorte auch weiterentwickeln wollen. Wir haben hochkompetente und motivierte Mitarbeitende, an denen wir ein großes Interesse haben, auch wenn wir die Geschäftsführung inzwischen aus Hannover organisieren. Diese müssen adäquat vergütet werden. Deshalb war für Aufsichtsgremien und Geschäftsführung ebenso klar, dass in der INN-tegrativ orientiert an einen anerkannten Tarifvertrag bezahlt werden soll. Am Ende ist es der Tarifvertrag der Diakonie Niedersachsen geworden. Ein Ausnutzen des Betriebsübergangs zum Vereinbaren von Dumping-Gehältern kam nie in Frage. Zwischenzeitlich betreiben wir acht berufliche Reha- und Integrationszentren – von Göttingen im Süden bis Leer im Norden, von Osnabrück im Westen bis Lüneburg im Osten. Und wir können uns vorstellen, auch noch weitere zwei oder drei Geschäftsstellen in den nächsten Jahren zu gründen. Die Mitarbeitenden merken jetzt, dass wir das umsetzen, was wir mal geplant beziehungsweise versprochen haben. Das Vertrauen der Mitarbeitenden in die INN-tegrativ gGmbH wächst.

Standortleiterin Perdita Engeler überraschte bei einem Ortstermin kürzlich mit der Aussage, dass das Spieldorf geräumt und mit einem Zaun versehen werden soll…

Lars Pallinger: Ich möchte klarstellen, dass wir nicht vorhaben, das Spieldorf für die Öffentlichkeit abzuschotten. Das brennt mir auf der Seele. Um unserer Verkehrssicherungspflicht nachzukommen, müssen wir das Spieldorf aber auf irgendeine Art und Weise einzäunen. Wir verstehen das als Schutzmaßnahme, denn es kommt vor, dass Fremde das Gelände außerhalb unserer Betriebszeit entern und wir nicht im Blick haben, was dort passiert. Am vergangenen Wochenende hatten wir dort einen Einbruch mit Personen, die dort übernachtet haben. Und genau diesen Dingen müssen wir vorbeugen. Natürlich werden aber Besuchergruppen auch weiterhin auf das Gelände kommen und es besichtigen können. Ein konkretes Konzept dazu werden wir noch auflegen. Wir haben ja einen Internatsdienst, der ist an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr besetzt. Und vielleicht kann man dort möglicherweise Schlüssel hinterlegen und gegen Quittung den Zugang ermöglichen. Aber das ist noch ins Unreine gesprochen.

Wie ist der Stand beim Haus 21, also dem geplanten Informations- und Dokumentationszentrum?

Lars Pallinger: Beim Informations- und Dokumentationszentrum stehen wir in guten Gesprächen mit der Gemeinde Ganderkesee zum Verkauf eines bebauten Grundstückes, das dann wahrscheinlich vom Förderverein der Freilichtbühne genutzt wird. Natürlich wäre es völlig unsinnig, wenn das Info- und Dokuzentrum entsteht, aber das eigentliche Spieldorf nicht mehr zugänglich ist. Wir werden eine ordentliche und verträgliche Lösung finden.

Pierre Noster: Auch unsere Vorgänger haben viel Energie investiert, um zu überlegen, welche alternativen Nutzungsmöglichkeiten es für das Spieldorf geben könnte. Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo wir sagen: Für die berufliche Reha benötigen wir die Fläche nicht mehr. Wir selbst haben zurzeit eher den Fokus darauf, wie wir mit der Verwaltungsfläche und mit den Leerständen im Internat umgehen. Ich glaube, wenn das Dokumentationszentrum erst einmal gegründet ist und eine überregionale Strahlkraft entwickelt, dann kommt auch irgendwann jemand mit einer Idee und sagt: Mensch, das könnte man da wunderbar machen. Wobei man natürlich auch die Finanzierung und die langfristigen Folgekosten im Blick behalten muss. Wir selbst haben diese Idee im Augenblick nicht. Auch das muss man fairerweise sagen.

Die Fragen stellte Jochen Brünner.

Info

Zur Person

Lars Pallinger

ist gelernter Sozialpädagoge und kam 2011 zum Berufsförderungswerk Goslar. Seit 2013 leitete er dort den Geschäftsbereich Gesundheit und Assessment. Seit 1. Januar 2019 ist er als Nachfolger von Jörg Barlsen Geschäftsführer der Inn-tegrativ gGmbH.

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