Geschäftsbericht aus Ganderkesee

Die fleißigsten Mitarbeiter

Das Bienensterben ist ein großes Thema. Aber was steckt eigentlich dahinter und wie lässt es sich vermeiden? Dieter Schimanski hat eine Antwort darauf gefunden und ein Geschäftsmodell daraus gemacht.
22.04.2019, 20:07
Lesedauer: 4 Min
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Die fleißigsten Mitarbeiter
Von Annika Lütje
Die fleißigsten Mitarbeiter

Wo ihre Beute, also ihre Nisthöhle steht, ist den Honigbienen fast egal – Hauptsache, sie finden genug Blüten.

fotos: Ingo Möllers

Wenn Dieter Schimanski ins Reden kommt, weiß man erst einmal nicht so recht: Ist er ein Umweltschützer oder ein Geschäftsmann? „Beides“, sagt er, und das stimmt wohl auch. Er möchte Verantwortung für unser aller Zukunft übernehmen, „aber dafür braucht man eben auch das nötige Schmiermittel, sprich Geld“.

Und so hat Schimanski im Juli 2015 ein Unternehmen mit bald unzähligen Mitarbeitern gegründet – den wohl fleißigsten, die man sich vorstellen kann: Bienen. Und ein paar Menschen. Bee-Rent heißt seine Firma, die den Untertitel „Hilfe für Deutschlands Bienenvölker“ trägt. Sein Geschäftskonzept: Er vermietet Bienenvölker.

Warum? Weil die Honigbiene, die Apis mellifera, dem Tode und damit dem Aussterben geweiht wäre, wenn sich niemand für sie engagieren würde, wie Schimanski erklärt. „Es gibt keine wilden Honigbienen mehr“, sagt er.

Schuld ist die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe, die Honigbienen langfristig tötet. „Ohne Imker kann ein Honigbienenvolk nicht überleben. Deshalb ist es gut und schön, wenn überall Blühstreifen angelegt werden, damit es viele Blumen und Blüten gibt. Davon bekommen wir aber kein einziges zusätzliches Bienenvolk. Was den Bienen fehlt, sind Imker“, erzählt Schimanski.

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Ein Bienenvolk bestäubt am Tag über 20 Millionen Blüten, wie er weiter erklärt. In einem 500-Gramm-Glas Honig steckten etwa zwölf Millionen bestäubte Blüten. „Daran erkennt man, wie wichtig die Biene ist, und dass wir abhängig von ihr sind“, sagt Schimanski. Doch nur 20 Prozent des Honigbedarfs in Deutschland würden von deutschen Imkern gedeckt. Die restlichen Honiggläser, die man in den Supermarktregalen findet, kommt aus aller Welt.

Das Problem: Zu wenig Imker

Das Problem: Imker gibt es auch nicht gerade wie Sand am Meer. Und die Menschen, die sich Bienenvölkern widmen, betreiben das in der Regel als Hobby. „Es gibt rund 135 000 Imker in Deutschland, und davon machen das weniger als ein Prozent hauptberuflich“, erzählt Schimanski.

Für ihn geradezu ein Skandal, wenn man bedenkt, dass die Honigbiene im Nutztier-Ranking auf Platz drei steht – hinter dem Rind und dem Schwein, aber noch vor dem Geflügel. „Erzählen Sie mal einem Milchviehbauern, dass seine Arbeit nur ein Hobby ist. Und das Imkern ist nicht weniger Arbeit, wenn man das groß aufzieht“, sagt er.

Dieter Schimanski weiß das, denn sein Vater kümmerte sich trotz seines Berufes als Elektriker „nebenbei“ um 40 Bienenvölker. Mit seinem Bruder hat er schon als Kind geholfen, da lag es nahe, selbst auch Imker zu werden. Doch er wollte sich die Arbeit nicht für umsonst aufbürden, er wollte das beruflich machen.

Nach einiger Recherche kam er allerdings zu dem Schluss: „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das Wahnsinn.“ Er rechnet vor: „Wenn ein Jahr richtig gut läuft, macht ein Imker mit einem Volk rund 80 Kilo Honig. Bei 500 Völkern sind das 40 000 Kilo, also 80 000 Gläser. Das muss aber schon ein perfektes Jahr sein! Die Beuten müssen drei- bis viermal umgestellt werden – eben dorthin, wo die Blüten sind.

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Und der Honig muss geschleudert, die Gläser müssen befüllt und etikettiert werden.“ Das schaffe mit so vielen Völkern kein Imker allein, dafür sei Personal nötig. Und solche Mengen könne man auch nicht mehr allein auf dem Wochenmarkt verkaufen. Da müsse man zum Großmarkt.

„Dort bekommt man pro Kilo 3,50 bis vier Euro – und das ist schon viel“, sagt Schimanski, und rechnet weiter: „Am Ende des Jahres hat man etwa 160 000 Euro verdient und muss davon noch das Personal bezahlen. Das ist eine Nullnummer.“ Und da setzt Schimanskis Geschäftskonzept an. „Ein Mietvertrag über ein Bienenvolk für beispielsweise drei Jahre kostet 189 Euro im Monat. Das sind für uns minus die Mehrwertsteuer 158 Euro pro Monat.

Bei 500 Bienenvölkern macht das rund 950 000 Euro im Jahr. Das sieht schon besser aus“, führt er aus. Und was haben die Kunden davon? Sie können den Honig behalten und ihn zum Beispiel an Geschäftspartner verschenken, sie können etwas für die Umwelt tun und ihr Image pflegen, und sie können sich für die Natur im Allgemeinen und die Biene im Speziellen begeistern.

Mehr müssen die Kunden nicht tun. Denn Schimanski und sein zweiköpfiges Team kümmern sich um alles. Sie pflegen und vermehren ständig die Völker, die auf zwei Grundstücken in Ganderkesee und Bremen in ihren Nisthöhlen auf einen neuen Standort warten. Nach Abschluss eines Mietvertrages nehmen sie die Anmeldung beim Veterenäramt vor, stellen die Beuten auf und fahren dann bis zu 15-mal im Jahr zu den Standorten, um sich um die Völker zu kümmern. Dabei arbeiten sie mit den Imkern vor Ort zusammen.

Genug zu tun gibt es schließlich. Es müssen nicht nur die Bienen kontrolliert und eventuell behandelt, sondern auch der Honig geerntet, verarbeitet und abgefüllt werden. Die Ware muss kontrolliert und die Gläser müssen etikettiert und ausgeliefert werden. Zur kalten Jahreszeit werden die Bienen und ihre Beuten winterfest gemacht.

Die Kundschaft von Bee-Rent besteht zu 95 Prozent aus Unternehmen – von mittelständischen bis zu Großkonzernen. Da stehen die Beuten schon mal neben Satellitenschüsseln auf einem Hochhausdach. „Aber die Bienen fühlen sich dort wohl. In der Stadt finden sie ja sowieso fast mehr Blüten als auf dem Land“, sagt Schimanski. Aber auch einige Privatleute lassen sich ein Bienenvolk in den eigenen Garten stellen.

Schimanskis Geschäftskonzept geht auf. Während er 2017 – zwei Jahre nach der Gründung – rund 7000 Gläser Honig abgefüllt hat, waren es 2018 bereits 30 000. „In diesem Jahr können wir sechsstellig werden“, sagt er.

Auch das Unternehmen selbst vergrößert sich. Schon 20 Franchise-Partner in ganz Deutschland gehören inzwischen dazu. „Zehn davon sind allein in den vergangenen drei Monaten hinzugekommen“, so Schimanski. Noch in diesem Jahr soll das Unternehmen nach Europa ausgeweitet werden.

Ein Teil unser aller Zukunft

Reich wird er damit allerdings nicht. „Wir brauchen das Geld, damit das Ganze auch funktioniert“, sagt er. Und dass es funktioniert, will er unbedingt. „Ich finde es extrem faszinierend, wie weit die Biene in unsere Biodiversität eingreift. Sie ist ein Teil von unser aller Zukunft, und es ist unsere Verantwortung, sie zu erhalten und so unsere Zukunft zu gestalten“, plädiert Schimanski.

Deshalb sei es ihm ein Anliegen, nicht nur die Beuten aufzustellen und wieder zu verschwinden, sondern auch Wissen zu vermitteln. Aber am allerdringendsten will er das Imkern wieder attraktiv machen. „Denn ohne die Imker wäre die Honigbiene nicht zu retten“, betont der Umweltschützer in dem Geschäftsmann.

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