Ernährungskolumne Iss' was – und gut

„Iiiiiiiiiih – das mag ich nicht“

So viel Liebe man bei der Zubereitung von Mahlzeiten auch verströmt, häufig scheitert der Erfolg am Widerstand der Kinder, die nur ungern die Komfortzone von Pasta, Pommes und Co. verlassen wollen.
12.02.2019, 06:20
Lesedauer: 3 Min
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„Iiiiiiiiiih – das mag ich nicht“
Von Jochen Brünner
„Iiiiiiiiiih – das mag ich nicht“

Wenn es um die Ernährung geht, haben Kinder oft andere Vorstellungen als die Eltern.

Waltraud Grubitzsch/dpa

Iiiiiiiiiiiiiiiiiihhh – das maaaag ich nicht!!! – Gibt es eine Familie mit Kindern, in der dieser Satz nicht zum festen Repertoire am Esstisch gehört? Da mag man in der Küche noch so viel Liebe auf die Zubereitung von Mahlzeiten verströmen, häufig scheitert der Erfolg am Widerstand der sturen, uneinsichtigen Sprösslinge, die das Gute nicht zu schätzen wissen. Und auch gar keine Bereitschaft erkennen lassen, ihre Komfortzone von Pasta, Pizza, Pommes und Co. zu verlassen.

„Aber, probier doch wenigstens mal!“

„Nein!“

„Komm, einen kleinen Löffel!“

„Nein!“

„Nur einen.“

„Neeeeiiiin!“

„Du weißt doch gar nicht, ob es dir

schmeckt oder nicht.“

„Ich habe auch gar keinen Hunger!“

Es ist müßig. Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist.

Claudia Kay, Ernährungsexpertin des Regionalen Umweltzentrums Hollen (RUZ), rät auch in einem solchen Fall zu einem gemäßigten Umgang mit dem Thema Ernährung. „Lieber kein Riesen-Thema draus machen, sondern es erst Mal hinnehmen und beim nächsten Mal wieder anbieten“, empfiehlt sie eine Strategie der Geduld und der Zermürbung des Gegners. Wobei sie durchaus Verständnis dafür hat, wenn Kinder gewisse Dinge nicht mögen. Grünkohl, Spargel oder Spinat etwa. „Da sind so viele Bitterstoffe drin, die kommen bei den Kindern nicht gut an. Und man muss ja auch bedenken, dass sie in diesem Alter noch sehr viel empfindlichere Geschmacksnerven haben. Kinder schmecken etwa doppelt so viel wie ein 40-jähriger Mensch“, erklärt sie. So würden sie auch viel früher erkennen, wenn Lebensmittel kurz davor seien, zu verderben. Milch etwa.

Dennoch: Der Kampf gegen die ungesunde Ernährung im Kindesalter ist fundamental. Chicken Nuggets in Dino-Form, als Vitamin-Bonbons getarnte Zuckerstücke oder die Schokolade mit der „Extra-Portion Milch“: Die Versuchungen lauern überall. „Schnitzel oder Salami sind Produkte vom Schwein. Die haben nun mal keine Bärchen-Form“, sagt Claudia Kay. Nicht zuletzt würden die kindgerechten Mini-Portiönchen auch viel mehr Müll produzieren. Im RUZ müssen die Kinder deshalb ihren Müll auch wieder mit nach Hause nehmen. „Die Brotdosen sind voll davon“, weiß die Ernährungsexpertin.

Wer einmal versucht hat, einen Kindergeburtstag kulinarisch gesund zu gestalten, weiß, wie dramatisch man mit dieser Idee scheitern und sich den geballten Zorn der Festtagsgesellschaft zuziehen kann. Allen voran den des eigenen Kindes: „Ihr seid sooo peinlich!“ Das wissen natürlich auch Gastronomen. Und so sind auf den Speisekarten in der Rubrik „Für die Kleinen“ die drei „P“ ebenfalls omnipräsent. „Couscous liest man da selten“, sagt Claudia Kay. Ihr Tipp: Lieber die Kinderkarte beiseite legen und den Nachwuchs vom eigenen Teller probieren lassen.

32 Kilogramm Süßwaren, so die Statistik, verzehrt jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. „Aber Verbote machen die Dinge nur noch attraktiver“, weiß die RUZ-Mitarbeiterin. Deshalb: Kleine Portionen sind okay. Darüber hinaus rät sie, Essen nicht als Belohnung oder als Bestrafung einzusetzen. Viele Kitas und Schulen haben längst regelmäßig „gesunde Frühstücke“ ausgerufen, um den Zucker-Angriffen gemeinschaftlich zu begegnen. Claudia Kay spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Süß-Schwelle“: „Wenn man eine Zeit lang Zucker reduziert, schmeckt plötzlich auch der normal gesüßte Kuchen wieder viel süßer.“

Ein weiterer Tipp der Ernährungsexpertin: das Gesunde nicht so hoch hängen, sondern die Farben in den Mittelpunkt stellen. Oder den Teller gleich als „Superhelden-Teller“ gestalten: Paprika so rot wie das Kostüm von Lady Bug, Gurken so grün wie die Mitglieder des Green Lantern Corps oder orangefarbene Möhren wie Captain Citrus, den die US-amerikanische Werbeindustrie vor einigen Jahren ins Rennen geschickt hat, um den Konsum des heimischen Orangensafts anzukurbeln. Hilfreich wäre natürlich, wenn die Erwachsenen als Vorbilder in Sachen Obst oder Gemüse vorangehen.

Und dann, mitten in der aktuellen „Miraculous“-Folge, geschieht tatsächlich ein Wunder: „Papa, machst du mir noch ‚ne Möhre?“ Es ist doch noch nicht aller Tage Abend.

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