Ernährungskolumne Iss' was - und gut

Der Sinn des Kleingedruckten

Das Kleingedruckte auf Lebensmittelverpackungen kann manchmal Leben retten. Denn bei Allergien reichen mitunter kleinste Mengen, um schwere Reaktionen auszulösen.
31.05.2021, 15:14
Lesedauer: 3 Min
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Der Sinn des Kleingedruckten
Von Jochen Brünner
Der Sinn des Kleingedruckten

Allergikern können selbst kleinste Mengen eines bestimmten Lebensmittels zum Verhängnis werden.

Silvia Marks/dpa

Heute geht's ums Kleingedruckte. Also jenes Kleingedruckte auf den Lebensmittelverpackungen, die Zutatenliste und die Hinweise auf Allergene. Ja, ich gestehe: Auch ich habe in früheren Zeiten Gluten mit schwachem "e" gelesen – wie in "bluten" oder "Fluten" eben. Doch der aufgeklärte Geist weiß, dass er sich bei der inzwischen weitläufig gebräuchlichen Bezeichnung von Getreideeiweiß den Akzent auf dem "e" mitdenken muss.

Die Zutatenliste hilft nicht nur zu erkennen, ob Lebensmittel etwa Stoffe tierischen Ursprungs oder Zucker enthalten, auf die man in der eigenen Ernährung vielleicht gerade verzichten möchte, sondern sie ist für Allergiker eine mitunter lebenswichtige Informationsquelle. Sogar dann, wenn einige Zutaten gar nicht enthalten sind. Wenn da zum Beispiel steht: Kann Spuren von Nüssen oder Sesam enthalten. "Für Allergiker reichen mitunter schon winzige Mengen, um schwere, im Extremfall sogar tödliche Reaktionen hervorzurufen", sagen Claudia Kay-Rudhardt und Marie Triechmann, Ernährungsexpertinnen im Regionalen Umweltzentrum Hollen (Ruz). So etwa wie im Beispiel des Paares, bei dem der nicht allergische Partner eines Tages Erdnüsse konsumierte. Anschließend habe ein Kuss ausgereicht, dass der andere Partner durch den derart kontaminierten Speichel an einem allergischen Schock starb. Was für eine gruselige Vorstellung!

Deshalb gibt es im Lebensmittelbereich und in der Gastronomie auch die Pflicht, die 14 wichtigsten Allergene auf den Verpackungen aufzulisten, erläutert Marie Triechmann. Als besonders problematisch in dieser Beziehung gelten Nüsse, Erdnüsse, Weizen, Milch, Meeresfrüchte, Soja und Hühnereier.

Glaubt man den einschlägigen Statistiken, leidet heute fast jeder dritte Bundesbürger an einer Allergie. "Das Bewusstsein dafür ist in den vergangenen Jahren sicher gestiegen, und früher wird die Dunkelziffer höher gewesen sein", räumen die beiden Expertinnen ein. Nicht von der Hand zu weisen sei aber, dass Lebensmittel heutzutage sehr viel stärker verarbeitet seien, etwa in To-go- oder Convenience-Produkten. Unterschiede in der Verträglichkeit von Äpfeln würden sich auch auf der hauseigenen Streuobstwiese zeigen. "Kinder können die alten Sorten mitunter besser vertragen, weil die weniger Allergene haben als gezüchtete Äpfel", sagt Claudia Kay-Rudhardt. Weiterhin sei zu beobachten, dass es mitunter Probleme mit rohen Äpfeln gebe, diese aber verschwänden, sobald das Obst kurz erhitzt worden sei. Auch Möhren würden plötzlich verträglich, wenn man sie nur für wenige Sekunden in die Mikrowelle lege. Eine andere Form der Ausprägung sei, dass Menschen nur in Kombination mit körperlicher Anstrengung allergisch reagieren würden.

Weit verbreitet ist auch die sogenannte "Hygienehypothese", die im Kern besagt, dass zu viel Hygiene auch nicht gut ist – was gerade in der Corona-Pandemie durchaus nicht ohne gesellschaftliche Brisanz ist. Doch die Annahme ist, dass zu viel Hygiene das Immunsystem unterfordert, sodass es sich plötzlich mit Dingen beschäftigt, für die es sonst gar keine Zeit hätte. Gestützt wird dies unter anderem von der Tatsache, dass Kinder, die in ländlicher Umgebung aufwachsen, signifikant weniger unter Allergien leiden als Stadtkinder oder Einzelkinder stärker betroffen sind als Geschwisterkinder.

Dabei gilt es, zwischen einer Allergie und einer Unverträglichkeit zu unterscheiden: Während sich Allergien etwa im Blutbild nachweisen lassen, ist das Immunsystem bei Intoleranzen gar nicht involviert. "Da geht es etwa darum, dass die Verdauung bestimmte Stoffe nicht verarbeiten kann", sagt Marie Triechmann. Betroffene könnten ihre Toleranzgrenzen individuell austesten. "Man muss dem Körper die Stoffe aber auch bieten, damit er sich damit auskennt", weiß Kay-Rudhardt aus eigener Erfahrung und berichtet von dem Erlebnis, nach jahrelanger vegetarischer Ernährung wieder ein Stück Fleisch gegessen zu haben. Was keine so gute Idee gewesen sei. 

Kollege K. holt schon Luft, um einen Beitrag zur trainierbaren Verträglichkeit von Alkohol in die Diskussion einzubringen – doch ein strenger Blick bringt ihn zum Schweigen. Die Empfehlung der Ernährungsexpertinnen lautet, möglichst selbst zu kochen und dabei frische und gute Lebensmittel ohne Zusatzstoffe zu verwenden. "Das ist die beste Prävention", betonen sie.

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