Interview mit Klimaschutzmanager „Noch viel Überzeugungsarbeit nötig“

Die Gemeinde Ganderkesee hat deutlich weniger CO2 eingespart, als sie sich in ihrem Klimaschutzkonzept zum Ziel gesetzt hat. Klimaschutzmanager Lars Gremlowski spricht im Interview über Anspruch und Realität.
04.08.2020, 18:23
Lesedauer: 4 Min
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„Noch viel Überzeugungsarbeit nötig“
Von Tobias Hensel

Herr Gremlowski, hat die Gemeinde Ganderkesee in Sachen Klimaschutz versagt? Die Grünen werfen Ihnen das gerade vor…

Lars Gremlowski: Ich würde nicht behaupten, dass wir versagt hätten, jedoch sind die CO2-Einsparungen deutlich unter dem gesetzten Ziel. Dieses Problem haben leider viele Kommunen.

Der Fraktionsvorsitzende Volker Schulz-Berendt meint, es sei nur ein Zehntel der in 2012 als Ziel gesetzten Tonnen Kohlenstoffdioxid eingespart worden. Das klingt, ehrlich gesagt, doch nach Versagen…

Genau das ist der Punkt. Hier liegt das Problem im Vergleich der CO2-Bilanzen von Gemeinde und Landkreis. Die tatsächliche Einsparung liegt in den Jahren 2010 bis 2017 bei etwa sieben Prozent, wobei in diesem Zeitraum 21 Prozent das Ziel wären. Ich hatte vor Kurzem im Umweltausschuss vorgestellt, wie viele Tonnen CO2 die Gemeinde durch Sanierung ihrer eigenen Liegenschaften einsparen konnte. Das ist messbar und ein verlässlicher Wert. Wir können nicht genau wissen, wie viel CO2 durch Sanierungen von privaten Wohnhäusern oder durch die Anschaffung neuer Autos oder durch den ganz privaten Verzicht auf Flugreisen eingespart werden konnten. Ich kann nur sagen, was ich wirklich weiß. Das ist jedoch weniger als das von Fachbüros errechnete Einsparpotenzial im Rahmen der Erstellung von Konzepten.

Das klingt kompliziert…

Die Bilanzierung der CO2-Emission ist in der Tat nicht einfach. Das Kraftfahrt-Bundesamt weiß, welche Fahrzeuge in Ganderkesee gemeldet sind. Somit lässt sich theoretisch ausrechnen, wie viel CO2 bei einer durchschnittlichen Fahrweise ausgeschieden werden. Aber das ist eben nur theoretisch. Je nach Bilanzierung ist die Herangehensweise jedoch unterschiedlich. Wenn jemand zwar in Ganderkesee wohnt, aber nur auf der Autobahn im ganzen Land unterwegs ist, dann wurde CO2 am Ende nicht in der Gemeinde, sondern außerhalb ausgestoßen. Der Klimawandel macht nicht an Grenzen halt.

Was kann denn eine Gemeinde tun, um das Klima zu schützen?

Wir können Aufklärungsarbeit leisten, wir können politisch regulieren, indem wir zum Beispiel bei Neubaugebieten Vorgaben machen mit welchem Energiespar-Standard gebaut wird. Und wir können unsere eigenen Gebäude sanieren und mit erneuerbaren Energien betreiben.

Der technische Fortschritt will ja auch für mehr Klimaschutz sorgen...

Klimaschutz ist natürlich immer stark an den technischen Wandel geknüpft, aber darauf haben wir als Gemeinde ja kaum Einfluss. Die Diskussion über eine angemessene Infrastruktur mit Ladestationen für Elektroautos ist ein Beispiel, die sich durch die Energieanbieter wahrscheinlich besser beantworten lässt.

Jeder Einzelne muss wohl auch seinen Beitrag leisten, oder?

Ja genau, das ist das Wichtigste überhaupt, und da ist die Wirtschaftlichkeit zwar ein großer Anreiz, aber auch wenn die neuen Fenster in 15 bis 25 Jahren amortisiert sind, war die Investition immer noch richtig teuer. Man muss viel Überzeugungsarbeit leisten, und dafür sind wir ja auch immer auf Veranstaltungen mit Infoständen vertreten und arbeiten eng mit Vereinen wie dem RUZ (Regionales Umweltzentrum, d.R.) in Hollen zusammen.

Und was macht die Gemeinde gerade ganz konkret?

Wir haben seit diesem Jahr verhältnismäßig mehr Haushaltsmittel zur Verfügung und können aktuell die energetische Sanierung eigener Gebäude stärker voranbringen. Beim Schulzentrum am Steinacker haben wir ein Blockheizkraftwerk installiert und werden bei positiver Bilanz noch weitere errichten. Außerdem soll in Kürze auf dem Rathausdach eine zweite Photovoltaik-Anlage errichtet werden, ebenso sind eine auf dem Saunahuus und auf zwei weiteren Gebäuden vorgesehen.

Aber es reicht wohl allein nicht aus, wenn nur die Gemeinde ihren eigenen Bestand saniert?

Ein Fachbüro hat errechnet, dass private Haushalte einen Anteil von rund 40 Prozent am gesamten CO2-Ausstoß in der Gemeinde haben, das ist somit ein großes Potenzial. Aber wir können den Wohnungseigentümern nicht vorschreiben, dass sie sich neue Fenster kaufen müssen und ihre Außenwände dämmen. Hier greifen jedoch unsere Informations- und Beratungsangebote.

Und wie verhält es sich in Neubaugebieten?

Die Politik könnte in der Gemeindeentwicklung in der Tat strenger regulieren und strengere energetische Auflagen bei der Entwicklung neuer Baugebiete beschließen. Diesbezüglich liegt auch ein Antrag vor, und es wird voraussichtlich noch in diesem Jahr eine Informationsveranstaltung zu der Thematik geben. Aber die Politik agiert hier bislang sehr vorsichtig.

Neben dem sparsameren Verbrauch von Energie ist ja auch die Art der Energieerzeugung ein Thema. Der einst groß geplante Windpark am Sannauer Helmer entwickelt sich seit Jahren nicht weiter…

Da haben Sie recht, bislang wurden erst Baugenehmigungen für zwei Anlagen erteilt. Der Grund hierfür ist eine Klage der Deutschen Flugsicherung gegen die erteilten Genehmigungen vor dem Verwaltungsgericht Oldenburg, da die Anlagen das Flugleitsystem des Flughafens Bremen beeinträchtigen könnten. Allein dieser eine Windpark würde für die CO2-Bilanz der Gemeinde so viel bringen wie fast alle anderen Klimaschutz-Maßnahmen zusammen.

Das Interview führte Tobias Hensel.

Info

Zur Person

Lars Gremlowski (40)

ist seit 2012 der Klimaschutzmanager im Rathaus von Ganderkesee. Der studierte Umwelttechniker sucht nach Möglichkeiten, um den CO2-Ausstoß in der Gemeinde zu reduzieren und betreibt Aufklärungsarbeit, wie durch Konsum und Ernährung jeder seinen Beitrag gegen den Klimawandel leisten kann.

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