Kommunikationsexperte Frank Lenk „Corona ist Krise im XXL-Format“

Gerade in der Krise ist Glaubwürdigkeit für Unternehmen sehr wichtig, meint der Stenumer Kommunikationsexperte Frank Lenk. So hätte er einige Firmen beim Umgang mit der der Corona-Pandemie anders beraten.
31.07.2020, 10:48
Lesedauer: 3 Min
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„Corona ist Krise im XXL-Format“
Von Tobias Hensel

Herr Lenk, ist die Corona-Pandemie die Mutter aller Krisen?

Frank Lenk: Corona verändert auf jeden Fall alles. Die Corona-Pandemie hat eine Krise im XXL-Format erzeugt.

Wie meinen Sie das?

Der Zwang zu kommunizieren ist insgesamt gestiegen. Anfangs ging es um unternehmensinterne Kommunikation und um eine Strategie, der Pandemie zu begegnen, also die Mitarbeiter vom Homeoffice zu überzeugen oder ihnen Schichtsysteme zu erläutern. Und auch die Aufstellung von Hygieneplänen haben wir übernommen. Jetzt verschiebt sich der Fokus der Kommunikation auf die Kunden und Shareholder: Wie wird das Unternehmen durch die Wirtschaftskrise geführt, was wird unternommen, dass das Unternehmen überlebt. Die Geschäftsführung steht dabei unter einem doppelten Druck, weil einerseits die Mitarbeiter eine Erwartungshaltung haben, andererseits aber auch die Eigentümer. Außerdem kennen die Geschäftsführer die Geschäftszahlen, die mitunter nicht gut aussehen, das setzt sie zusätzlich unter Druck.

Sie meinen also, dass manche Geschäftsführer vor lauter Krise den Überblick verlieren?

Das kommt sogar recht häufig vor. Sie müssen sich vorstellen, dass der Stress in solchen Situationen immens ist. Unternehmen in Krisensituationen stehen dann schnell in einer Art Schockstarre. Wir können dann in solchen Situationen helfen.

Dann können Sie sich vor Aufträgen kaum retten?

Wir haben auf jeden Fall deutlich mehr Anfragen als zuvor.

Was macht gute Kommunikation aus?

Wichtig scheint mir, dass zügig und offen und transparent kommuniziert wird. Dass auch kritische Fragen zugelassen werden. Stürzt ein Unternehmen in eine Krise, will es gestärkt aus dieser wieder hervorgehen. Das funktioniert nur über Glaubwürdigkeit.

Wie kommt es, dass Firmen bei der Kommunikation Beratung suchen?

Das Alltagsgeschäft der Unternehmen nimmt viel Zeit in Anspruch. Dann noch den Blick für eine neue Strategie zu finden, dafür fehlt vielen Zeit und Kapazität. Der Aspekt Glaubwürdigkeit lässt sich auch nicht von heute auf morgen implementieren. Dafür braucht es einen langen Atem und vor allem auch etwas Geld. Glaubwürdigkeit zu erlangen, ist aber dennoch das Sinnvollste, das Sie in einer Krise tun können.

Die Fleischfabrik Tönnies durchlebt momentan eine schwere Krise. Aber die Firma wirkt nicht geläutert …

Tönnies wendet, so wie ich das beobachte, vor allem eine Strategie an, die eigentlich keine Strategie ist: nämlich die Salamitaktik. Es wird nur scheibchenweise und in kleinen Schritten kommuniziert, während gleichzeitig immer wieder neue Problemherde aufploppen. Die Firma versucht dabei, unter allen Umständen ihr altes Geschäftsmodell zu erhalten, und stört sich auch nicht daran, dass der Ruf in der Öffentlichkeit nicht besser wird. Tönnies wäre gut beraten, hätten sie offensiver, offener und ehrlicher kommuniziert. Ich hätte die Firma in dieser Angelegenheit auf jeden Fall anders beraten.

Lehnen Sie auch Aufträge ab?

Ich hatte schon Anfragen, ob ich strafrechtliche Belange „wegkommunizieren“ könne. So etwas mache ich nicht. Sicherlich, Fehler, die begangen wurden, kann man durch Kommunikation in ein besseres Licht rücken, aber ich verwische keine Spuren.

Wie funktioniert ihre Arbeit?

Wir machen zunächst einen Befund, dafür reden wir mit den involvierten Personen, schauen uns das Problem an und analysieren es. Daraus entsteht dann eine Strategie. Das Wichtigste in meinem Job ist eigentlich Erfahrung. Je mehr Erfahrung, desto schneller kann man seinen Auftrag erledigen. Ich kann eigentlich jeden Auftrag wuppen.

Braucht man viel Personal?

Es wäre falsch anzunehmen, dass die Krisenkommunikation in einem großen Unternehmen automatisch auch personalintensiver wird. Es hängt immer etwas davon ab, was getan werden soll. Ein großer Strategiewechsel, der darüber auch wieder mit Mitarbeiter-Schulungen zusammenhängt, macht natürlich mehr Arbeit als eine reine Beratung der Geschäftsführung. Aber auch der Diesel-Skandal bei Volkswagen hätte in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen werden können, wenn der VW-Vorstand anders beraten gewesen wäre. Dafür hätte es nicht viel Personal gebraucht.

Wer kommuniziert denn gut?

Ich habe den Eindruck, dass unsere Regierungen, hier in Niedersachsen, Bremen und auch die Bundesregierung einen ganz guten Job machen. Die Corona-Krise ist natürlich total wissenschaftsgetrieben und ein ständiges Fahren auf Sicht, da kann man als Politik ohnehin nicht viel Einfluss auf den Verlauf nehmen und muss sich an den Vorschlägen der Fachleute orientieren. Aber das gelingt den staatlichen Institutionen in meinen Augen sehr gut. Schauen Sie über den Atlantik, dort genießen Regierungen nur noch wenig Glaubwürdigkeit.

Das Interview führte Tobias Hensel

Info

Zur Person

Frank Lenk (61)

ist Kommunikationsberater. Seit 16 Jahren lebt er in Stenum und ist einigen noch als Fußballtrainer in der Region bekannt.

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