Schulbusfahrer mit Kultstatus

Hansi macht den Motor aus

Seit knapp 13 Jahren bedient Busfahrer Hans-Werner Kühne in Ganderkesee die Schulbuslinie 247. Bei Schülern und Eltern genießt der 61-Jährige Kultstatus. An diesem Freitag fährt er seine vorerst letzte Tour.
14.10.2021, 15:14
Lesedauer: 4 Min
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Hansi macht den Motor aus
Von Jochen Brünner

Wenn Hans-Werner Kühne am Steuer seines Setra-Busses sitzt, kommt er aus dem Winken fast gar nicht mehr heraus. Vor allem in den westlichen Ganderkeseer Ortsteilen kennt man den 61-Jährigen nur als Hansi – und als Schulbusfahrer ist er Kult. Nicht nur die Kinder lieben ihn. Seit fast 13 Jahren bedient er die Linie 247, fährt fünfmal am Tag die Route Ganderkesee – Falkenburg – Steinkimmen – Bergedorf – Ganderkesee. Und mittags bringt er noch Grundschüler von der Grundschule Lange Straße nach Immer und Hengsterholz. Rund 150 Kilometer kommen da täglich zusammen. Wenn man noch Fern- und Urlaubsfahrten hinzuzählt, hat er seit 2009 mit seinem Bus rein rechnerisch wohl knapp zehnmal die Welt umrundet. Doch nun ist Schluss mit Liniendienst. An diesem Freitag fährt er seine letzte Tour.

"Ich weiß, wie Kinder denken und fühlen und mache auch gerne mal Quatsch", sagt Hansi. Und wenn ein guter Song im Radio läuft, dann dreht er auch schon mal auf. "Dann singen wir zusammen, das hebt die Stimmung", weiß der Delmenhorster. "Die Busfahrt soll Spaß machen, und ich freue mich, wenn die Kinder sich auf mich freuen." Auf der anderen Seite wüssten die Schüler aber auch, dass er sie ernst nehme. So ist der Bus mitunter auch schon mal Schauplatz für seelsorgerische Gespräche, etwa wenn es in der Schule nicht läuft oder ein Großelternteil gestorben ist.

"Ich bin schon in meiner Kindheit gerne Bus gefahren", erzählt Hansi. "Dabei war ich kein Buskind, sondern bin immer zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule gekommen." Aber in den Ferien habe seine Mutter ihm eine Monatskarte für den damaligen Stadtbus spendiert. "Da habe ich dann alle Linien ausprobiert und bin bis zu den Endstationen gefahren", erinnert er sich. Auch bei Klassenfahrten habe er mit einem Freund immer ganz vorn im Bus gesessen, um möglichst viel aufzunehmen.

Studierter Religionspädagoge

1990 hat Kühne dann den Busführerschein gemacht, obwohl er eigentlich Erzieher gelernt und in Kassel Religionspädagogik studiert hat. Was auch seine Affinität zu Kindern und Jugendlichen erklärt. Zunächst fuhr er für das Delmenhorster Busunternehmen Büsing, später zunächst aushilfsweise für den Ganderkeseer Reisedienst Thiemann. Als dann der Oberkirchenrat dem CVJM Delmenhorst, wo er Kinder- und Jugendgruppen leitete, Fördermittel strich, stieg Hansi in Vollzeit bei Thiemann ein. Eigentlich sollte das nur etwas für die Übergangszeit sein. "Ich habe mich lange nach Stellen in der Kinder- und Jugendarbeit umgeschaut, aber meist wurde ich dafür schon als zu alt befunden", erzählt er. Umso überraschender kam es, dass die Delmenhorster Kirchengemeinde "Zu den Zwölf Aposteln", in der er sich seit vielen Jahren engagiert, ihm nun eine Stelle in der Kita angeboten hat. Dort wird er sich ab 1. November um Sprachförderung für Migrantenkinder kümmern und ihnen darüber hinaus Geschichten aus der Bibel erzählen.

"Als ich die 247 übernehmen sollte, hat man mich vorgewarnt, dass die Bergedorfer Schüler eine wilde Horde seien", lacht Hansi. "Aber ich wusste, was auf mich zukommt, schließlich war ich früher auch ein Wilder", sagt er. "Laute Kinder hat es immer schon gegeben." Und wenn die Schüler während der Fahrt rumtoben, könne er auch "richtig sauer werden", versichert er. Mitunter würden dann auch erzieherische Maßnahmen notwendig: "Einmal haben zwei Jungen das hintere Fenster aufgemacht und eine Frau übel beschimpft. Ich habe dann angehalten, die hintere Tür geöffnet und die Jungs aufgefordert, sich bei der Frau zu entschuldigen. Das haben sie sich dann nicht getraut, aber es passierte nie wieder. Und von da an waren wir die besten Freunde."

Nächster Halt: Gymnasium. "Hallihallo", begrüßt Hansi fröhlich die einsteigenden Schüler. "Hi, Hansi", grüßen die Schüler zurück. Unter ihnen ist auch Elftklässlerin Lara. "Die fahre ich jetzt seit der ersten Klasse", sagt der Busfahrer. "Hansi ist Teil meiner gesamten Kindheit und hat auch meinen Musikgeschmack entscheidend mit beeinflusst", erklärt Lara.

Der Busfahrer weiß um seinen Kultstatus, der ihn gleichwohl immer noch verwundert. "Es kann doch nicht sein, dass die Kinder so von einem schwärmen, nur weil man freundlich zu ihnen ist", fragt er sich. Aber natürlich freut es ihn, wenn Schüler anderer Linien fragen: "Hansi, wann fährst du uns mal wieder?" Und viele junge Erwachsene würden ihm auch noch winken, obwohl sie schon lange aus der Schule raus seien. 

Schutzengel fährt immer mit

Der Verkehr sei mit den Jahren mehr geworden. "Und die Leute blinken nicht mehr so oft wie früher. Das nervt manchmal total", sagt Hansi. "Aber ich habe mir angewöhnt, zurückhaltender zu fahren und die Fahrt auch selber zu genießen." Unfälle? "Ja, ein paar, aber zum Glück immer nur Blechschäden." Denn der Schutzengel sitzt als unsichtbarer Passagier immer mit im Bus.

"Meine Urlaube verbringe ich am liebsten zu Hause", verrät Hansi. Ausschlafen und entspannen, laute dann die Devise. Denn an Arbeitstagen klingelte bisher jeden Morgen um fünf Uhr der Wecker. Dennoch habe er auch die Fernfahrten im Bus immer genossen, seien es Tagestouren mit dem VdK oder die Begleitung von Jugendgruppen, etwa nach Österreich, Polen oder Schweden. "Die Alpenstraßen sind für Busfahrer schon eine Herausforderung", weiß er. "Aber dafür reicht eigentlich auch schon der Harz." Sehr gut sei ihm auch eine Weinreise mit der VHS in die Bourgogne in Erinnerung geblieben.

Obwohl er sich nun beruflich verändert, hat er seinen Busführerschein gerade noch einmal um fünf Jahre verlängert. Denn als Aushilfe oder wenn es seine Zeit erlaubt, werde er dem Reisedienst Thiemann erhalten bleiben. "Er geht ja nicht ganz", freut sich auch seine Chefin Ursula Thiemann. Auf der anderen Seite ist auch Hansi dankbar für das Verständnis, dass ihm das Unternehmen über die Jahre entgegengebracht habe. "Die Firma wusste ja, dass ich mich kirchlich engagiere und hat versucht, darauf Rücksicht zu nehmen. Meistens hat das auch geklappt", blickt er zurück.

Längst ist ihm die Ganderkeseer Landbevölkerung ans Herz gewachsen: "Die Leute haben Ahnung von Technik, begeistern sich für Trecker und sind super aufgeschlossen. Mit denen kann man Pferde stehlen. Ich könnte mir auch vorstellen, hier zu wohnen", erklärt Hansi. Deshalb sei bei seinem Abschied nun auch ganz viel Wehmut dabei: "Aber ich bin ja nicht aus der Welt." In der Zwölf-Apostel-Kirche in Düsternort gebe es jeden Sonntag Gelegenheit, ihn im Gottesdienst zu treffen und im Anschluss mit ihm zu schnacken. "Und nächstes Jahr komme ich auch wieder zum Osterfeuer in Bergedorf", verspricht er. "Der Kontakt wird sicher nicht abreißen."

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