Leichtathletik

Er wird immer schneller

Der Ganderkeseer Fabian Goedeke ist der schnellste 800-Meter-Läufer Niedersachsens im U20-Bereich und liegt über 1500 Meter auf Rang zwei. In gut 14 Tagen will er bei der Deutschen Meisterschaft in den Endlauf.
21.08.2020, 16:58
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Er wird immer schneller
Von Michael Kerzel
Er wird immer schneller

Erst seit zwei Jahren hat der Leichtathletiktrainer Ekkart Schmidt den Mittelstreckenläufer Fabian Goedeke von der LGG Ganderkesee unter seinen Fittichen. Seitdem wird das Lauftalent über 800 und 1500 Meter immer schneller und nimmt am ersten September-Wochenende an der Deutschen Meisterschaft der U20 teil. Ziel ist der Endlauf, auch wenn das eine schwierige Aufgabe werden dürfte.

INGO MöLLERS

Es ist erst zwei Jahre her, dass Fabian Goedeke mit einem spezifischen Lauftraining begonnen hat. Vorher hatte der im Jahr 2002 geborene Ganderkeseer elf Jahre lang Fußball gespielt und ab und an bei Leichtathletik-Wettbewerben mitgemacht. Er trainierte dafür aber nicht speziell. Bei einem dieser Wettbewerbe, 2017 in Verden, fiel Goedeke dann einem Mann auf, der eigentlich ein anderes Talent sichten wollte: Ekkart Schmidt. Der Leichtathletik-Trainer rief seinen Bekannten Ulrich Garde von der LGG Ganderkesee an, für die auch Goedeke startete und erkundigte sich nach dem Lauftalent. Es dauerte allerdings noch ein Jahr, bis Schmidt und Goedeke zusammenkamen.

2018 fassten sie einen Plan: Goedeke hatte noch drei Jahre Zeit, bevor er aus dem Jugend- in den Herrenbereich wechseln muss. Innerhalb dieser Zeit wollte er einmal bei den Deutschen Meisterschaften der Jugendlichen starten. Und das ging viel schneller als erwartet. Bereits in der vergangenen Saison nahm der Ganderkeseer sowohl im Freien als auch in der Halle über 800 Meter an der DM teil– und zahlte viel Lehrgeld. Dieses Mal peilt er den Endlauf über 1500 Meter an. „Das Finale sollte immer das Ziel sein. Das wird schwer, aber die Chancen stehen besser als letztes Jahr“, meint Goedeke. Auch sein Coach hält das für realistisch. „Es wäre schön, wenn er das schafft. Wenn er Bestzeit läuft, halte ich die Finalteilnahme für nicht ausgeschlossen“, sagt Schmidt.

Goedeke entwickelte sich in den zurückliegenden zwei Jahren rasant weiter. Das hat auch viel mit Schmidt zu tun. Doch wer ist der Coach eigentlich? Der Oldenburger ist 65 Jahre alt und genauso lange in der Leichtathletik mit dabei. „Meine Eltern haben Leichtathleten betreut. Ich war schon im Kinderwagen im Stadion, die Sprunggrube war mein Sandkasten“, erzählt Schmidt. Unter anderem hielt er mit seinem Bruder bei der Deutschen Meisterschaft 1966 drei Tage lang die jeweiligen Zielbänder. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass Schmidt ein Kind der Leichtathletik ist. Er blieb in dem Sport verwurzelt, war in jungen Jahren selber Teil einer Gruppe von Mittelstreckenläufern und fing schon im Alter von 22 Jahren an, Jugendliche zu trainieren. Unter anderem betreute Schmidt einen Läufer, der den Endlauf über 5000 Meter bei der Deutschen Meisterschaft erreichte. Schmidt weiß also, wie es geht.

Besonders begeistert zeigt er sich von der Atmosphäre bei Deutschen Meisterschaften der Jugendlichen. „Die taktieren nicht, die machen. Die Atmosphäre ist großartig“, berichtet Schmidt. Er begleitete seine Tochter mehrfach zur DM. Diese hat ein besonderes Talent im Weit- und Dreisprung. „Dazu habe ich als Trainer aber nichts beigetragen“, sagt Schmidt und lacht dabei. Er selbst fungierte in dieser Zeit nicht als Coach, sondern als Vorsitzender des NLV (Niedersächsischer Leichtathletikverband)-Kreises Oldenburg. Zehn Jahre lang hatte er diesen Posten inne. „Ich habe dann aber gemerkt, dass ich Trainer werden will“, erinnert sich Schmidt.

Bereits vorher hatte er regelmäßig Talente für den DSC Oldenburg gesichtet. Unter anderem sollte er sich einen jungen Läufer bei einem Wettkampf in Verden anschauen. „Der lief auch nicht schlecht, aber kurz vor dem Ziel huschte da jemand vorbei, den ich nicht kannte. Das war Fabian Goedeke“, erzählt Schmidt. Der 65-Jährige erkundigte sich bei Ulrich Garde. „Ich habe gefragt, ob Fabian einen Trainer hat, ich wollte da nicht reinfuschen. Doch Fabian wollte damals erst mal weiter Fußball spielen“, berichtet Schmidt. Ein Jahr später startete Goedeke bei den Landesmeisterschaften und sogar bei den Norddeutschen Meisterschaften der Jugendlichen – und das immer noch ohne Leichtathletik-Training. „Das sah ganz passabel aus, wie er gelaufen ist. Aber es war unrund. Er lief halt wie ein Fußballer. Die Zeit über 800 Meter war mit 2:05 oder 2:06 Minuten schon ganz gut, gerade wenn man die Umstände betrachtet. Ich wusste ja, dass er noch nie richtig trainiert hatte. Ich hab gesehen, dass man da was draus machen kann“, erinnert sich Schmidt. Ein paar Telefonate mit Ulrich Garde und Goedeke später stand die Zusammenarbeit mit dem Ziel Deutsche Meisterschaft fest.

Goedeke und Schmidt machten sich an die Arbeit. Im ersten gemeinsamen Winter standen jedoch nur zwei Laufeinheiten pro Woche auf dem Programm. Hinzu kamen zwei Athletik-Trainings. „Ich mache viele Stabilitätsübungen. Das ist vor allem wichtig, um die Rumpfmuskulatur zu stärken“, erklärt Goedeke. Es geht dabei darum, dass die Körperstruktur balanciert ist. „Bei jungen Menschen, die laufen, schlackert alles. Arme, Beine und Kopf. Das muss man stabilisieren“, erläutert Schmidt. Elf Jahre auf dem Fußballplatz sorgten für eine gute konditionelle Grundlage, doch die Art des Laufens unterscheidet sich. „Beispielsweise läuft man mehr über den Vorderfuß und nimmt auch die Knie beim Laufen auf der Bahn höher“, sagt Goedeke.

Der Ganderkeseer arbeitete mit Schmidt an der Lauftechnik und lernte auch taktisch dazu. „Es ist wichtig, einen Trainer zu haben. Ich wusste vorher ja nicht, was und wie man trainiert“, berichtet Goedeke. Er verbesserte sich schnell in den Bereichen Kraft, Ausdauer und Koordination. „Es ging mir aber von vornherein darum, ihn langsam und langfristig aufzubauen. Andere Trainer gehen da auf den schnellen Erfolg und trainieren viel mehr. Das klappt auch oft zu Beginn, aber das sind Scheinerfolge, weil die Läufer dann nach zwei, drei Jahren oft wieder aufhören“, berichtet Schmidt.

Durch den langsamen Aufbau soll der Spaß am Laufen im Vordergrund stehen. „Er ist nicht so oft bei Wettkämpfen gestartet, aber hat bei fast jedem Lauf seine Bestzeit gesteigert“, teilt Schmidt mit. Das Talent steigerte sich unter den Coach in kurzer Zeit von 2:06 auf 2:01 Minuten über die 800 Meter. „Ich ahnte, dass da noch mehr kommen kann“, erinnert sich der 65-Jährige.

In der folgenden Saison ging Goedeke an Pfingsten in Zeven an den Start. „Es waren Traumbedingungen in Bezug auf Wetter und Konkurrenz. Fabian ist da eine 1:57,50 gelaufen. Das war der Hammer. Ich bin fast ausgeflippt“, erzählt Schmidt. Es waren auch viele Ganderkeseer zum Anfeuern vor Ort und sahen diesen wichtigen Lauf, mit dem Goedeke die Qualifikationsnorm zur Deutsche Meisterschaft um 1,5 Sekunden unterbot. Ein halbes Jahr arbeiteten Schmidt und das Lauftalent erst zusammen und schon war das eigentliche Ziel erreicht. „Ich will das nicht überhöhen. Ich hatte Glück auf so jemanden zu treffen“, sagt Schmidt. Er sei mit Goedeke auf einer Wellenlänge. „Wir wissen, wie der andere tickt. Es ist wichtig, dass man sich gut versteht“, meint der Coach.

Bei der Deutschen Meisterschaft scheiterte Goedeke dann im Vorlauf, schaffte in den folgenden Monaten jedoch für die Halle erneut die Qualifikation. Dort stürzte er in der letzten Kurve. „Es geht bei solchen Rennen einfach enger zu. Da laufen dann nicht mehr nur ein paar Leute dicht zusammen, sondern fast alle“, erzählt Goedeke. Sein Coach ordnet diese beiden Meisterschaften als wichtige Erfahrungen ein. „Der Sturz war natürlich bitter, aber so was gehört dazu. Davon geht die Welt nicht unter“, sagt Schmidt.

Goedeke konzentrierte sich in dieser Saison mehr auf die 1500 als auf die 800 Meter. „Wir haben uns früh festgelegt, dass er bei der DM die 1500 Meter läuft, auch wenn er sich über beide Distanzen qualifizieren sollte. Ich halte nichts davon, bei der DM auf mehreren Strecken zu starten“, meint Schmidt. Goedeke verbesserte sich in dieser Saison über 1500 Meter auf 4:01,16 Minuten, gelaufen am 16. August in Dortmund. Eine Zeit unter vier Minuten halten sowohl Läufer als auch Trainer bei der Deutschen Meisterschaft in Heilbronn für möglich. Viel hängt davon ab, wie fit Goedeke ist und ob er in den kommenden Wochen vernünftig trainieren kann. Der Ganderkeseer plagt sich mit einem Schienbeinkantensyndrom herum, das Läufern oft Probleme bereitet. Bei dieser Art der Verletzung ist die Knochenhaut entzündet und bereitet starke Schmerzen. „Es ist eine langwierige Verletzung. Wir haben das Training öfter abgebrochen, wenn die Schmerzen begonnen haben“, berichtet Schmidt. Hinzu kamen die komplizierten Trainingsbedingungen in der Corona-Zeit. Alles in allem keine optimalen Voraussetzungen. „Es ist ein Übergangsjahr“, meint Schmidt. In der kommenden Saison, der letzten für Goedeke im Jugendbereich, soll es – als krönender Abschluss – das Finale über die 1500 Meter bei der U20-DM sein. Doch auch in diesem Jahr ist genau das Goedekes Ziel. Aktuell steht er auf Platz 22 der Jahresbestenliste in Deutschland.

In Heilbronn gibt es zwei Halbfinals. Die jeweils ersten vier plus die vier zeitschnellsten Läufer kommen ins Finale. „Ich werde im Halbfinale sicherlich nicht von vorne laufen und versuche, unter die ersten Vier zu kommen“, blickt Goedeke voraus. Seine Stärken sieht er auf den letzten 200 Metern im Schlusssprint. „Meine ersten beiden Deutschen Meisterschaften waren etwas ganz Besonderes. Aufgrund der Meldezeiten gab es aber kaum die Chance auf den Endlauf. Die ist jetzt größer“, sagt er. Grundsätzliche gefalle ihm das Gefühl zu laufen. „Und ich mag es, meine Grenzen auszutesten“, berichtet er. Diese wird er erreichen oder überschreiten müssen, um in Heilbronn das Finale zu erreichen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+