Mozart-Requiem in St. Cyprian

Musik als Antwort auf das Unfassbare

Am Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz haben die St.-Cyprian-Kantorei und das Städtische Orchester Delmenhorst am Sonntag das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart aufgeführt.
28.01.2019, 17:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Günter Matysiak
Musik als Antwort auf das Unfassbare

Thorsten Ahlrichs.

Jens Schulze

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Dort wurden 1,1 Millionen Juden ermordet. Und Auschwitz wurde zum Symbol für den Holocaust. Wie gedenkt man des Unfassbaren, des Unmenschlichen an sich? In der St. Cyprian- und Cornelius-Kirche in Ganderkesee gedachte man der Unmenschlichkeit mit Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“, einer zutiefst menschlichen Musik. Wenn Pastorin Bruns in ihrer Begrüßung dem Publikum in der vollbesetzten Kirche musikalischen Genuss wünscht, stockte einem für einen Moment das Herz. Genuss beim Gedenken an Auschwitz? Wie soll das gehen? Es sollte gehen, denn Mozarts Musik ist keine liturgisch-distanzierte Musik über den Tod, sondern eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Tod, quasi eine Vorwegnahme des „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg ?“, wie es Brahms in seinem „Deutschen Requiem“ sagt.

Mit einem dramaturgischen Kunstgriff stellte Kreiskantor Thorsten Ahlrichs, der die musikalische Gesamtleitung inne hatte, einen Bezug zur Realität „Auschwitz“ her. An den Anfang des Programms stellte er nämlich das „Lied der Moorsoldaten“, entstanden im KZ Bögermoor. Das Lied von der Not „fern jeder Freude hinter Stacheldraht verstaut“ zu sein und trotzdem –„ewig kann‘ s nicht Winter sein“– die Hoffnung nicht zu verlieren, wurde von den vier Solisten des Abends (Miriam Meyer-Waide, Sopran, Nicole Pieper, Alt, Henning Kaiser, Tenor und Gregor Finke, Bass) mit jeweils feiner Soloemphase gesungen. Der Chor fiel unisono ein, sorgte in diesem ganz bildhaften Arrangement für menschlich raunendes Stimmengewirr.

Psalm voller Hoffnung

Von Hoffnung spricht auch der Psalm 21, von der Sicherheit des „Der Herr behüte dich vor allem Übel“, den Arvo Pärt (geb. 1935) für zwei Männerstimmen und Streichquartett vertont hat. Bass und Tenor singen den Text in karger „Eintönigkeit“, die Streicher schaffen ein dichtes, expressives Klanggespinst, das im Nichts endet.

Pärts dichter Streichquartett-Satz zielte in dieser Abfolge direkt auf den Beginn des Mozart-Requiems und dessen einleitenden Holzbläsersatz, der hier mit aufblühender Innigkeit gespielt wurde. Auch der gleich darauf einsetzende Chor ließ seinen weichen Klang atmend aufschwingen: Da leuchtete förmlich das „Licht“ des „lux perpetua“. Wie atmend der Chor zu phrasieren versteht, wie er Melodien gleichsam ihre innere Logik gibt, das war gleich in diesem ersten Adagio-Satz zu hören und blieb in der Dichte der Gestaltung das Werk über erhalten. Das kurze Sopran-Solo sang Miriam Meyer-Waide mit schlank-bewegter Stimme.

Unangestrengte Fugenkunst herrschte im „Kyrie“ mit seinen leichten, federnden Koloraturen, die vom Orchester mit farbiger Präsenz und gleicher Leichtigkeit gespielt wurden. Manchmal allerdings wurde das ansonsten famos agierende „Städtische Orchester Delmenhorst“ von der Klangwucht des Chores auch erschlagen, wenngleich gerade im zornestobenden „Dies irae“ die Chor-Orchesterbalance im gellenden Espressivo ganz perfekt war. Das Soloquartett, das sich in allen diesbezüglichen Teilen als sehr homogen und ausdrucksstark zeigte, steigerte das Dies irae zur aufregenden „wilden Jagd".

Die Legenden um die Entstehung des von Mozart nicht vollendeten Werkes und seiner Vollendung durch andere müssen hier außen vor bleiben. Mozart starb über der Komposition des „Lacymosa“. Manche Aufführungen machen das erlebbar durch eine Generalpause an eben der Stelle des letzten Tones. Zu den vielen anderen gehört auch der zeitgenössische französische Komponist Pierre-Henri Dutron, dessen Fassung mit einem neu komponierten, ganz mozartischen „Benedictus“ hier erklang.

Chor mit warmem Forte-Klang

Der Chor, ein Projektchor, bestehend aus der Kantorei und Sängerinnen und Sänger benachbarter Chöre verfügt neben den schon genannten Qualitäten über einen warmen Forte-Klang, der etwa das „rex tremendae“ zu beseeltem Jubel brachte. Verschenkt wurde allerdings hier die Wirkung, die es gebracht hätte, das „Salva me“ wirklich Piano zu singen. Das „Tuba Mirum“ mit seinem so schön ausgespielten Posaunen-Solo und dem innig bewegten Bass-Posaunen-Duett zeigte die vier Gesangssolisten als hochsensible Gestalter feiner musikalisch-vibrierender Unruhe.

Im „Recordare“-Satz glänzte das Orchester mit mozartischer Leichtheit und gemeinsam mit dem Soloquartett mit drängender Dramatik. Das „Confutatis“ war Erregung und Ruhe gleichzeitig mit hochgespannt spielenden Streichern. Das „Lacrymosa“, Mozarts Schwanengesang, wurde sein typisches „Lächeln unter Tränen“. Hervorzuheben unter all den so trefflich dargestellten Schönheiten des Werkes wären die tänzerische Beschwingtheit der „Quam olim Abrahae“-Fugen, das sich so frei verströmende Singen des Chores im „Osanna“, die kammermusikalische Dichte von Solo-Quartett und Orchester im „Benedictus“ und eine wie getanzt klingende Schlussfuge des Chores.

Dann schlug vom Turm die Totenglocke, zerteilte die Stille, bis als letztes Peteris Vasks‘ (geb. 1946) „The fruit of silence“ auf einen Text der Mutter Teresa erklang. Eine Friedensmusik von wie aus der Zeit gefallener romantischer Schönheit, beeindruckend gestaltet von Chor und Orchester, aber weit entfernt von Mozart (der übrigens am 27. Januar 1756 geboren wurde) und seiner hier so eindringlich musizierten Kraft. Nach einem Moment Stille gab es langen, begeisterten Schlussapplaus, Blumen für die Solisten und noch angeregte Gespräche in der Kirche.

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