Sommerkonzert in Ganderkesee Klangsensible Konzertkunst

Den fünften Abend der Sommerkonzertreihe „Sommer. Abend. Musik“ in der Kirche St. Cyprian und Cornelius in Ganderkesee gestaltete Kreiskantor Thorsten Ahlrichs komplett an der Schnitger-Orgel.
02.08.2020, 15:40
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Von Günter Matysiak

Ganderkesee. Wenn Kreiskantor Thorsten Ahlrichs sich an seine Orgel in der Kirche St. Cyprian und Cornelius setzt, kann er sich so fühlen, wie der Geiger, der zu den Erwählten gehört, die auf einer der edlen Stradivari-Violinen spielen. Diese Orgel ist nämlich eine ebenso alte wie edle Arp-Schnitger-Orgel, die der aus der Wesermarsch stammende Orgelbauer Arp Schnitger (1648-1719) im Jahr 1699 baute. Sie gehört zu den etwa dreißig historischen Instrumenten norddeutscher Orgelbaukunst im Barock aus Schnitgers Werkstatt, die heute noch original erhalten sind.

Am Sonnabend saß Thorsten Ahlrichs auch an seiner Orgel, und zwar im Rahmen des fünften Konzerts der Reihe „Sommer. Abend. Musik“. Er spielte ein Programm mit Werken der norddeutschen Orgelschule, mit Ausnahme zweier Kompositionen aus der Musiker- und Komponistenfamilie Bach, die ja der mitteldeutschen Orgelschule zuzurechnen sind. Es begann mit einem „Praeludium ex G“ von Vincent Lübeck (1654-1740), der Organist war in Stade und in Hamburg und dort an Orgeln spielte, die sein Freund Arp Schnitger gebaut hatte. Die Orgel der St.-Nicolai-Kirche in Hamburg war übrigens damals, wie Ahlrichs in seiner knappen, instruktiven Moderation berichtete, die größte Orgel der Welt.

Thorsten Ahlrichs ist ein sehr klangsensibler Organist, der quasi in seine Orgel hineinzuhorchen vermag. Und die Orgel ermöglicht ihm für das Lübeck-Präludium einen Plenums-Klang, in dem man jedes Register einzeln zu hören vermeinte, so transparent war dieser Klang. Auch markante Pedalsoli gerieten ihm nicht knallig, sondern mit farbiger Nachdrücklichkeit, die er mit der Kunst feinster Tempoänderungen, der sogenannten Kunst der Agogik, noch verstärkte. Dem hüpfenden Thema der ersten Fuge gab er tänzerische Beschwingtheit, der kurzen Schlussfuge atmende Unruhe bis ins leise Verklingen.

War dieser Anfang Musik des gezügelten Orgelklangs, so bot das Ende des Programms mit Dieterich Buxtehudes (1637-1707) „Magnificat primi toni“ dann, salopp gesagt, volles Rohr. Thorsten Ahlrichs gestaltete die zwölf „Variationen“ zwischen großem Pathos und Fugenzierlichkeit mit liebevoller Feinarbeit, schöpfte aus dem Vollen, was die Klangmöglichkeiten seiner Orgel betrifft, und ließ sie am Schluss in ungezügelter Großartigkeit jubeln. Die Kunst, die feine Ausformung musikalischer Details mit dem großem Atem des Ganzen zu verbinden, zeigte Ahlrichs auch in Franz Tunders (1614-1667) Choralphantasie über „In dich hab ich gehoffet, Herr". Tunder, Organist in Lübeck, war auch Schwiegervater Buxtehudes.

Von Buxtehude wiederum gibt es Verbindungen zu Johann Sebastian Bach (1685-1750). Der wollte den großen Meister an der Orgel hören, bei ihm auch studieren, und legte den weiten Weg vom thüringischen Arnstadt bis ins norddeutsche Lübeck, immerhin rund 470 Kilometer, zu Fuß zurück. Ärger bekam er mit seinen Dienstherren, als er seinen Studien-Urlaub überzog. Von diesem Bach spielte Thorsten Ahlrichs Präludium und Fuge in d BWV 549a mit zwischen beiden Teilen eingefügtem Orgelchoral „Allein Gott in der Höh' sei Ehr“ BWV 662. Dies „Soli Deo Gloria“ steht als Bachs Schaffenmaxime auch hinter dieser wunderbaren Choralbearbeitung. Ahlrichs hatte sie als Trio-Sonate für zwei Flöten und Violoncello deklariert, zu der sich noch eine Sopranstimme gesellte. Und er spielte das mit einer feinst ausgehorchten Darstellung von vier absolut selbstständigen Stimmen, wozu die Orgel sich als ideales Instrument erwies.

Das Präludium begann er mit beredtem Pedalpathos, gestaltete Großartigkeit mit Spielfreude, gab den Akkordpartien federnden Schwung. Die Fuge mit ihrer skurril-körperhaften Melodik war wie ein Figurenspiel auf der Bühne, plastisch modelliert, und man hätte sich vorstellen können, dass die beiden Pedaltürme auf der Orgelempore zu tanzen begännen. Nach dem großen ein kleiner Bach: Johann Bernhard Bach (1676-1749) war ein Cousin zweiten Grades des Johann Sebastian. Seine „Ciacona in B“ ist als Thema mit Variationen komponiert und deutet schon auf die kommende Klassik hin. Auch dadurch, dass es sehr im Klavierstil komponiert ist. Etwa mit blitzenden Akkordrepetitionen oder sanft perlenden Akkordbrechungen. Thorsten Ahlrichs mischte diesen Klavierausdruck gekonnt mit den vielen Registerfarben seiner Orgel.

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