Nach Rissen im Landkreis Oldenburg

Noch kein Hinweis auf sesshaften Wolf in Ganderkesee

Vor fünf Jahren gab es in Niedersachsen sieben Wolfsrudel, inzwischen sind es 35. Die Dynamik überrascht selbst Fachleute wie Wolfsberater Carsten Sauerwein, der jetzt in Ganderkesee über die Lage informierte.
02.09.2020, 06:59
Lesedauer: 3 Min
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Noch kein Hinweis auf sesshaften Wolf in Ganderkesee
Von Jochen Brünner
Noch kein Hinweis auf sesshaften Wolf in Ganderkesee

Wolfsberater Carsten Sauerwein bei der Arbeit. Am Montagabend informierte er Interessierte in der Mensa des Schulzentrums am Steinacker über das Vorkommen von Wölfen in der Region. Auch wenn die Population dynamisch zunimmt, hat der Experte noch keine Erkenntnisse darüber, dass bereits ein Wolf in der Region sesshaft ist.

Ingo Möllers

Nicht erst seit dem 22. März, als ein Wolf zunächst im Bereich Süderbrook (Lemwerder) und wenig später an der Sannauer Helmer mehrere Schafe gerissen hat, ist die Aufregung bei den Landwirten in der Region groß: Sie fürchten um die Sicherheit ihrer Weidetiere und fordern Konzepte, wie diese besser vor Rissen geschützt werden können. Auf Anregung der CDU-Fraktion im Ganderkeseer Gemeinderat hatte die Verwaltung am Montag zu einer Veranstaltung mit Wolfsberater Carsten Sauerwein eingeladen, der in der (unter Corona-Bedingungen) voll besetzten Mensa des Schulzentrums am Steinacker die gegenwärtige Situation skizzierte. Die wichtigste Botschaft vorab: „Wir können zurzeit nicht bestätigen, dass ein Wolf in dieser Region sesshaft ist“, betonte Sauerwein.

Allerdings wollte der Wolfsberater nicht ausschließen, dass es vielleicht bereits im nächsten Jahr soweit sein könnte. Denn auch die Experten zeigen sich von der Dynamik überrascht, mit der die Population der Wölfe zurzeit zunimmt. Wurden 2015 in Niedersachsen noch sieben Rudel, ein Paar und zwei Einzelwölfe gezählt, so sind es inzwischen landesweit bereits 35 Rudel, wobei allein im vergangenen Jahr vier neue Territorien hinzugekommen sind. Diese Zahlen weist das neueste, erst im August veröffentlichte, Wolfsmonitoring aus.

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Eine Zeit lang habe es zahlreiche Sichtungen im Bereich Groß Ippener und Harpstedt gegeben, im Frühjahr dieses Jahres hätten ihn gleich zwölf Meldungen von Menschen erreicht, die glaubten, einen Wolf im Hasbruch gesehen zu haben, berichtete Sauerwein. Alle diese Meldungen blieben jedoch unbestätigt. So geht der Wolfsberater zurzeit davon aus, dass es sich bei dem im Landkreis Oldenburg gesichteten Wolf um ein einzelnes Tier handelt, das im großen Bereich zwischen den Städten Delmenhorst und Brake in der Wesermarsch aktiv ist. Denn das Territorium eines Wolfs umfasse in der Regel ein Gebiet von rund 200 Quadratkilometern.

Für die Risse an der Sannauer Helmer sei nach den Erkenntnissen Sauerweins ein Welpe aus dem vergangenen Jahr verantwortlich gewesen, der sich auf Wanderschaft befinde. An diesem Tag habe er „ein echtes Trainingslager“ vorgefunden. Darauf deutet nämlich die Tatsache hin, dass einige Schafe mit Verletzungen davon gekommen seien. Wiederum andere seien in einen Graben gesprungen und ertrunken. Dass bereits am Tag zuvor ein Wolf im Bereich Hasbergen gesichtet worden sei, war nach den Worten des Wolfsberaters Zufall. Man könne mit Sicherheit sagen, dass es sich nicht um ein und dasselbe Tier gehandelt habe. Und da dieser Wolf, der offenbar aus einem Rudel in Herzlake stammte, nie wieder in Erscheinung getreten ist, sprach Sauerwein von dem „Durchzügler“ auch als „Eintagsfliege“.

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Der Rüde, der im vergangenen Jahr bei einem Verkehrsunfall auf der B 212 in Bookholzberg bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, hatte allerdings niemand auf dem Schirm“, gestand Sauerwein. Und mit einem Gewicht von rund 38 Kilogramm sei das Tier „gut entwickelt“ gewesen.

Landwirt Cord Schütte äußerte in der anschließenden Diskussion große Sorgen, wie die Beweidung künftig aussehen soll. Sauerwein empfahl durchaus die Errichtung von Zäunen – sogenanntem wolfsabweisenden Grundschutz – als Voraussetzung, um nach Nutztierrissen überhaupt Entschädungszahlungen beantragen zu können. Auch wenn jeder Verlust für den Landwirt schmerzlich sei, hätten sich die Risse im Landkreis Oldenburg bislang jedoch noch in Grenzen gehalten.

Schüttes Berufskollege Rudolf Schwarting forderte angesichts der wachsenden Population bereits eine Obergrenze für Wölfe: „Frankreich ist ungefähr doppelt so groß wie die Bundesrepublik und hat bereits eine Obergrenze von 500 Tieren festgelegt. Und wir haben schon 300 Wölfe alleine in Niedersachsen“, rechnete er vor. An der Stelle, an der die Interessen von Tierhaltern und Naturschützern aufeinander prallen, stoßen allerdings auch die Wolfsberater an ihre Grenzen. Sauerwein betonte mehrfach, dass er sein Wissen allein zur Verfügung stelle, um die Diskussion zu versachlichen. „Der Wolf polarisiert, und das ist in den vergangenen Jahren nicht besser geworden. Das aber sind politische Entscheidungen, auf die wir keinen Einfluss haben“, erklärte er.

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