Hallen-Weltmeisterschaft Leichtathletik

Rost-Brasholz ist Doppel-Weltmeisterin

Gabriele Rost-Brasholz ist in sieben Tagen fünfmal an den Start gegangen, lief die Strecken zwischen 800 Metern und Halbmarathon. Am Ende durfte sie sich fünf Medaillen umhängen, darunter zwei goldene.
03.04.2019, 15:20
Lesedauer: 3 Min
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Rost-Brasholz ist Doppel-Weltmeisterin
Von Michael Kerzel

Fast 40 Rennkilometer, verteilt auf fünf Distanzen, hat die Schierbrokerin Gabriele Rost-Brasholz in einer Woche hinter sich gebracht. Und das auf höchstem Niveau bei der Hallen-Weltmeisterschaft der Senioren-Leichtathleten im polnischen Torun. In ihrer Altersklasse W70 gehört sie zu den Besten der Welt, holte über 3000 Meter Silber und über 10.000 Meter sowie im Halbmarathon Bronze im Einzelrennen. Unschlagbar war sie gemeinsam mit Elisabeth Springer und Brigitte Nittel in der Mannschaftswertung: Gold im Crosslauf und Gold im Halbmarathon eroberten die drei für Deutschland. Hinter der für die LG Bremen-Nord startenden Rost-Brasholz liegen damit die erfolgreichsten Titelkämpfe ihrer Karriere mit fünf Medaillen. Insgesamt stand die 72-Jährige bei Welt- und Europameisterschaften bereits rund 50-mal auf dem Podest.

Spurlos gingen die Strapazen an ihr nicht vorbei. „Der Halbmarathon als letztes Rennen war schon hart. Da habe ich auf meiner GPS-Uhr gesehen, dass ich am Ende von Kilometer zu Kilometer langsamer geworden bin“, berichtet sie. Sie sei das Rennen vorsichtig angegangen, immerhin galt die Maxime, nicht einzubrechen und das Ziel zu erreichen. Denn neben ihrem Einzelergebnis ging es auch um den Teamerfolg: Drei Deutsche gingen an den Start, alle drei mussten das Ziel erreichen, wo ihre Zeiten addiert wurden, um einen Gesamtsieger zu küren. 2:04:53 Stunden brauchte die Schierbrokerin, war damit schneller als ihre beiden Teamkolleginnen und musste sich auch nur zwei Läuferinnen der internationalen Konkurrenz geschlagen geben – Bronze also im Einzel sowie Gold im Team. „Bei anderen Mannschaften sind nicht alle angekommen“, berichtet Rost-Brasholz, die über ihre Einzelmedaille in dieser Disziplin überrascht war. „Im Vorfeld habe ich die langen Distanzen aus Zeitgründen nicht trainieren können, bin maximal zehn Kilometer gelaufen“, erzählt sie.

Sie selbst verfolgt einen anderen Plan

Etwa viermal pro Woche, insgesamt 30 bis 40 Kilometer, läuft sie. Dazu kommen die diversen Meisterschaften von regionaler Ebene bis zur Deutschen Meisterschaft. Oft trifft sie in den einzelnen Disziplinen auf Spezialistinnen, aber sie selbst verfolgt einen anderen Plan, beziehungsweise hat einen solchen gerade nicht. „Ich habe öfter die Frage ‚Bist du bescheuert?‘ gehört, als ich angekündigt habe, dass ich in Polen 800, 3000 und 10.000 Meter laufe und dazu noch den Crosslauf und den Halbmarathon. Aber ich habe es einfach probiert und es ist gut gegangen“, sagt sie.

Einen Trainer hatte sie nie und sie trainiert auch nicht nach einem strikten Plan, sondern läuft drauf los. Vor gut drei Jahrzehnten lernte sie ihren zweiten Mann bei einer Kur kennen und dieser brachte sie zu diesem Sport. Sportlich war Rost-Brasholz ohnehin, arbeitete mehr als 30 Jahre lang als Sportlehrerin an der Schule Königsberger Straße in Delmenhorst. „Es war reiner Zufall, dass ich zum Laufen gekommen bin. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mir das entgegenkommt“, erinnert sie sich. Es folgten nicht nur diverse Titel bei Meisterschaften, sie absolvierte auch 28 Marathons. „Eigentlich sollten es 30 werden. Aber ob ich das noch schaffe, weiß ich nicht“, blickt sie voraus. Auch hält sie fast alle Bremer Rekorde in der Altersklasse W70: Zwischen der 100-Meter-Strecke und dem Halbmarathon (geteilte Bestmarke) fehlt ihr nur die Top-Zeit über 1500 Meter. Und vielleicht knackt sie auch diesen Rekord noch.

Nächster Halt: Europameisterschaft

Denn ans Aufhören denkt sie noch lange nicht: Das nächste große Ziel sind die Senioren-Europameisterschaften in Venedig im September im Freien. „Auch vonseiten der Familie höre ich häufiger ‚Willst du nicht mal aufhören?‘, aber die sind auch eher unsportlich. Ich mache so lange weiter, wie es mir Spaß macht und es eben noch geht. Das weiß man in meinem Alter ja nie so genau“, sagt sie.

Aktuell ist sie in Topform, das zeigt die WM. Elf Stunden dauerte die Anreise, direkt am nächsten Tag stand in Polen der erste Wettkampf an. „Die Organisation vor Ort war perfekt, alle waren freundlich und professionell, das habe ich so noch nicht erlebt“, lobt Rost-Brasholz. Insgesamt nahmen 4300 Sportler aus 88 Nationen in 24 Wettbewerben teil. Für die Schierbrokerin ging es mit den 3000 Metern auf einer 200-Meter-Schrägbahn los. „Da muss man schon sehr aufpassen. Wenn man nur einmal mit dem Fuß auf die innere Bahnumrandung tritt, wird man disqualifiziert“, berichtet sie. Rost-Brasholz verbesserte ihre Zeit von den Deutschen Meisterschaften um rund 45 Sekunden auf 15:16,17 Minuten und holte damit Silber. „Das war sensationell und für mich sehr überraschend“, meint sie. Geschlagen geben musste sie sich lediglich der Britin Angela Copson – und die hält die Weltrekorde über diverse Strecken.

Es folgte der Sechs-Kilometer-Crosslauf. Hier blieb Rost-Brasholz unter ihren Möglichkeiten, wurde Sechste. „Mehrere Läuferinnen sind gestürzt, einige mussten ins Krankenhaus. Die Strecke durch den Wald war sehr anspruchsvoll mit Sandkuhlen und Baumwurzeln. Dazu war es morgens noch nicht wirklich hell und die Temperaturen waren um den Gefrierpunkt“, erzählt die 72-Jährige. Es ging ihr primär darum, vorsichtig zu laufen, für das Team ins Ziel zu kommen und sich nicht zu verletzen. Und das klappte bestens: Die Deutschen holten auch hier Team-Gold. Und Rost-Brasholz sicherte sich in den folgenden Rennen weitere Medaillen.

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