Im Gespräch „Schneeballeffekt bei Drogendelikten“

Seit fünf Jahren leitet Lutz Auffarth die Polizeistation in Ganderkesee. Im Interview spricht er über das Verkehrsgeschehen, Drogendelikte und einen erfreulichen Rückgang an Einbrüchen.
26.09.2018, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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„Schneeballeffekt bei Drogendelikten“
Von Jochen Brünner
Nachdem die Leitung der Polizeidienststelle in Ganderkesee zuvor häufig gewechselt hat, ist mit Ihnen die Kontinuität zurückgekehrt. Wie fällt Ihr Fazit nach den ersten fünf Jahren aus? Haben Sie sich den Job so vorgestellt?

Lutz Auffarth: Auch bevor ich diesen Posten übernommen habe, habe ich hier schon zweimal Dienst gemacht – damals noch an der Grüppenbührener Straße. Insofern bin ich nicht ins kalte Wasser gesprungen, sondern ich hatte konkrete Vorstellungen, was mich hier erwartet. Als Leiter der Fahndung war ich jahrelang verdeckt tätig, hier stehe ich jetzt viel mehr in der Öffentlichkeit, etwa bei Vorträgen oder als stellvertretender Vorsitzender des Präventionsrates. Mein Wunsch war, wieder einen Job zu übernehmen, bei dem ich wieder mehr mit Menschen zu tun habe. Und das hat sich in Ganderkesee erfüllt.

Sind Sie mit der personellen Ausstattung der Dienststelle zufrieden?

Die Polizeistation in Bookholzberg deckt mit wenigen Kollegen einen Tagesdienst ab, aber die Polizeistation Ganderkesee ist eine der größten innerhalb der Polizeidirektion Oldenburg. Im Verbunddienstplan mit Wildeshausen und Hude sind wir in Ganderkesee rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche präsent. Und bei besonderen Lagen erhalten wir natürlich auch Unterstützung aus Delmenhorst oder Wildeshausen. Bei der Sollstärke sind wir gut aufgestellt.

Ganderkesee war viele Jahre stolz darauf, keine Unfallschwerpunkte zu haben. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar: Sind die Ganderkeseer Straßen sicher?

Wir haben hier keine gravierenden Unfallhäufungen oder tödliche Unfälle. Natürlich spüren auch wir, dass mehr Leute über die B 213 fahren, wenn die A1 mal wieder dicht ist. Unsere Zusammenarbeit mit der Verkehrsbehörde der Gemeinde klappt sehr gut, schon allein, weil wir kurze Wege und kurze Drähte haben. Ich war jetzt zweimal bei der Verkehrssicherheitskommission dabei, die normalerweise aus Delmenhorst zentral betreut wird. Das läuft sehr professionell. Natürlich kann ich Anwohner verstehen, wenn sie sich vor ihrer Haustür eine Tempo-30-Zone oder ein Parkverbot wünschen. Aber dafür müssen eben gewisse Kriterien erfüllt sein. Man kann das nicht einfach nach Gusto entscheiden. Die Polizei hat dabei sowieso nur eine beratende Funktion. Aber auch wenn eine Verkehrsbehörde eine Tempo-30-Zone anordnet, die nicht rechtssicher ist, kann das beklagt werden, und dann kippt das wieder.

Und wie haben sich die Unfallzahlen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Der gefühlte Wert ist, dass die Unfallzahlen auf einem niedrigen Niveau stabil geblieben sind. Dramatische Ausreißer gibt es nicht. Natürlich versuchen wir, besondere Schwerpunkte mit Geschwindigkeitskontrollen im Auge zu behalten. Aber wir können nicht immer überall sein.

Wie stellt sich die Situation bei den Einbrüchen dar?

Natürlich ist jeder Einbruch einer zu viel. In der Kriminalstatistik der Polizeidirektion Oldenburg waren die Wohnungseinbruchsdiebstähle im vergangenen Jahr um fast 20 Prozent rückläufig, und das ist ein Wert, den ich auch für Ganderkesee unterschreiben würde. In der Mehrzahl handelt es sich bei den Wohnungseinbrüchen um überregionale Täter. Es ist eben nicht mehr der Ede, der hier wohnt, wie das vor 30 oder 40 Jahren vielleicht mal gewesen ist. Die Nähe zur Autobahn oder die Randlage Bremen spielen da durchaus eine Rolle. Wir stellen auch kleinere Serien fest, denen wir dann mit Sonderermittlungen begegnen. Aber das liegt natürlich nicht in unserer Zuständigkeit in Ganderkesee.

Haben Sie eine Erklärung für den starken Rückgang der Einbrüche?

Dass die Einbrüche rückläufig sind, ist ein Erfolg, und sicher tragen auch unsere Präventionsmaßnahmen dazu bei. Ich denke da an Aktionen wie „Aufmerksamer Nachbar“ oder Vorträge, wie die Bürger ihre Wohnungen am besten sichern können. Wir bekommen häufig Anrufe, bei denen uns Bürger melden, wenn fremde Leute auf Nachbargrundstücken rumlaufen, auch wenn das nicht immer etwas zu bedeuten hat. Ich erinnere mich noch gut an ein Musterbeispiel an Zivilcourage, als mehrere Nachbarn im Zusammenspiel einem Täter hinterher gelaufen sind und uns parallel mit einer guten Beschreibung informiert haben, sodass wir den Mann dann stellen und festnehmen konnten. So soll es sein.

Und wie sieht’s mit den Fahrraddiebstählen aus?

Auch die halten sich in Grenzen und sind im Fünf-Jahres-Vergleich rückläufig. Einerseits werden die Räder an den Bahnhöfen jetzt besser gesichert, und dann bieten wir schon seit Jahren unsere Codieraktion an, die ebenfalls gut angenommen wird. Die Menschen tendieren ja dazu, sich teure E-Bikes anzuschaffen, und da sprechen wir immer auch gleich Empfehlungen für geeignete Schlösser aus. Mit einem normalen Zahlenschloss braucht man da nicht zu kommen.

Am Amtsgericht Delmenhorst ist gerade ein größeres Verfahren im Bereich der Drogenkriminalität anhängig, das zum großen Teil in Ganderkesee angesiedelt ist. Hat Ganderkesee ein Drogenproblem?

Drogenkriminalität ist wie ein Schneeballeffekt. Wenn man da mal an der richtigen Stelle reinsticht und auf einem beschlagnahmten Laptop Namen findet, dann ergeben sich weitere Vernehmungen mit neuen Namen und dann fächert sich das auf, sodass schnell 80 oder 90 Konsumenten zusammenkommen. Das sind alles nicht die großen Drogenbarone, aber natürlich wird gegen jeden ein einzelnes Verfahren eingeleitet. Und dann muss man schauen, wie die Strukturen sind und wo die Spinne im Netz sitzt, die den gewerblichen Handel betreibt. Das ist aber kein originäres Ganderkeseer Problem. Berührungspunkte gibt es auch nach Delmenhorst und in die anderen Landkreis-Kommunen.

Sind es tatsächlich hauptsächlich Jugendliche, die Cannabis konsumieren?

Nein, das mischt sich durch alle sozialen Strukturen und alle Altersschichten. Das sind nicht nur die Jugendlichen oder die Rumhänger, die nichts zu tun haben. Drogenkonsum ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Insbesondere Cannabis ist inzwischen sehr weit verbreitet. Auch die Fahrten unter Drogeneinfluss nehmen signifikant zu, was aber natürlich auch daran liegt, dass wir mit den Drogenschnelltests heute Kontrollverfahren haben, die es vor zehn oder 15 Jahren noch gar nicht gegeben hat. Und die wenigsten torkeln oder fallen aus dem Auto.

Eine große Herausforderung der vergangenen fünf Jahre war auch die Unterbringung von Flüchtlingen. Im Gegensatz zu anderen Gegenden in Deutschland ist das in Ganderkesee zumindest nach außen hin ziemlich geräuschlos gelaufen. Wie haben Sie die Situation wahrgenommen?

Der wesentliche Faktor war wohl, dass nur für eine sehr kurze Zeit Sammelunterkünfte in der Gemeinde eingerichtet werden mussten. Die Verwaltung und der Arbeitskreis Flüchtlinge haben hier gute Arbeit geleistet und die Flüchtlinge sehr schnell dezentralisiert, sodass es keine Ballungsräume mehr gab. Natürlich bergen diese Unterkünfte Konflikte. Und dafür ist sehr wenig passiert. Wenn wir Erkenntnisse darüber hatten, dass die eine Familie mit der anderen nicht so gut konnte, haben wir in Abstimmung mit der Verwaltung alternative Lösungen gesucht. Auch im Nachklapp haben wir übrigens keine Steigerungen der Straftaten feststellen können, die durch Migranten begangen wurden. Das sind lediglich kleinere Delikte, die im normalen Gesellschaftsschnitt auch passieren. Damit bin ich sehr zufrieden.

Was wünschen Sie sich für die nächsten fünf Jahre?

Wir haben sehr viele jüngere Kolleginnen und Kollegen bekommen, die sich mit den älteren und erfahrenen Kollegen gut ergänzt haben. Und ich hoffe, dass die Stimmung so gut bleibt, wie sie jetzt ist, auch wenn man natürlich nicht erwarten kann, dass die jungen Kollegen bis zu ihrer Pensionierung in Ganderkesee bleiben. Aber die Quote derer, die es hier weg zieht, ist sehr gering. Und es würde mich freuen, wenn sich die Fluktuation weiter in Grenzen hält. Auch ich beabsichtige nicht, mich in meinem Berufsleben noch anders zu orientieren. Die acht Jahre, die ich noch habe, würde ich ganz gern hier verbringen. Denn gerade bei der Polizei gilt: Nichts ist so beständig wie die Unbeständigkeit. Und natürlich wünsche ich uns allen, dass nichts Dramatisches passiert.

Das Gespräch führte Jochen Brünner.

Info

Zur Person

Lutz Auffarth (54)

ist Kriminalhauptkommissar und seit fünf Jahren Leiter der Polizeistation Ganderkesee. Seit über 30 Jahren arbeitet er in verschiedenen Funktionen für die Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch. Vor seinem Wechsel nach Ganderkesee war der gebürtige Delmenhorster 16 Jahre in der Fahndung tätig.

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