Büttenabend-Generalprobe in Ganderkesee

Sex, Tusch und RockʼnʼRoll

Gardentanz zu AC/DC-Klängen und Rock'n'Roll vom Feuerwehr-Musikzug: Die Ganderkeseer Närrinnen und Narren sind für die anstehenden Büttenabende gerüstet.
15.02.2019, 14:16
Lesedauer: 5 Min
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Von Von Ingo Möllers (Fotos) und Jochen Brünner (Text)
Sex, Tusch und RockʼnʼRoll

Die GGV-Funken präsentierten ihre zweite Generation auf der Bühne. In den Uniformen des Nachwuchses steckten übrigens einst die gestandenen Tänzerinnen.

Fotos: INGO MÖLLERS

Gardetanz zu AC/DC-Klängen, der Feuerwehr-Musikzug als Rock ‘n‘ Roll-Band und der Spielmannszug als Wolfgang-Petry-Klone: Die Generalprobe für die diesjährigen Büttenabende bot eine ganze Reihe musikalischer Grenzgänge und Zeitreisen, die für die Premiere an diesem Freitag einiges erwarten lassen. Auf jeden Fall werden die Aktiven auf der Bühne voll und ganz das Motto der diesjährigen Saison erfüllen: „Ganderkesee steht kopf“.

Nach der Bekanntgabe der Majestäten um Prinz Stefan II. (Hinderlich) und Prinzessin Claudia I. (Ordemann) im November war auch ein bisschen gelästert worden ob ihres fortgeschrittenen Alters. Bei der Generalprobe machte das Prinzenpaar mit seinen Ehrendamen Celina, Lisa-Marie, Marieken und Irina aus der Tatsache eine Tugend und hatte sich ins Rock ’n’ Roll-Outfit geworfen – mit einem klaren Bekenntnis zu den 1950er-Jahren. Kinderprinz Konrad I. (Schwenzel) und seine Kinderprinzessin Annie I. (Ordemann) kamen als Schlümpfe, womit Konrad daran erinnerte, dass er schon als Kleinkind als Schlumpf den Umzug verfolgt hat.

Erste tänzerische Darbietung nach dem Aufmarsch ist dann der Auftritt der GGV-Funken, die sich in diesem Jahr in zwei Generationen auf der Bühne präsentieren. Dabei war schon bei der Generalprobe bemerkenswert, wie couragiert sich die beiden jungen Funken Rieke Bachmann und Mathilda Rass in den Vortrag der „gestandenen“ Tänzerinnen einfügten.

Bereits im Vorfeld hatte das Regieteam um Kirstin Rohlfs und Jens Hambach ein völlig verändertes Opening angekündigt, und es ist festzustellen, dass die Büttenabende (nach der Aufmarsch-Zeremonie) wohl noch nie mit so viel Schwung und Tempo ins Programm gestartet sind. Auch dabei gibt es wieder das Leitthema Rock ‘n‘ Roll, wobei es sich trefflich fügte, dass die Rock ‘n‘ Roll-Tänzer des TV Deichhorst nach zehnjähriger Faschings-Abstinenz wieder zur Faschingsfamilie zurückgefunden haben und schon zu Beginn die Gänge des Saals betanzen. Moderator Markus Weise, in dessen Kleiderschrank nicht nur eine beeindruckende Vielzahl von Glitzer-Jacketts hängt, tobt als Chuck Berry durch den Saal, unterstützt von der stimmstarken Angelika Stelter, dem Feuerwehr-Musikzug, weiteren Instrumentalisten sowie veritablen Glitzer-Konfetti-Kanonen. Ein großes Spektakel!

Die Ex-Prinzenpaare haben sich für ihren Auftritt zumindest teilweise von ihren Dinner-Jacketts (Herren) und roten Glitzer-Kostümen (Damen) verabschiedet. Der Faschingsschlager ist zwar noch selbst getextet, musikalisch aber bedient sich die Gruppe in der Nach-Werner-Lüdeke-Ära jetzt bei ABBA: „Fasching feiern hier in Ganderkesee, oh nein, keiner kann da wierderstehen“, singen Insa „Agneta“ Höpker und Anke „Anni-Frid“ Paukstat zur Melodie von „Mamma Mia“.

Torge Kublank alias Baron von Ganterteich lässt in seiner Rede von Brexit über Trump und Dieselskandal bis hin zu Themen der lokalen und regionalen Politik kaum ein Stichwort unkommentiert und lästert angesichts des Alters des Prinzenpaars auch über den „Fachkräftemangel beim Fasching“: Das gilt zwar ganz sicher für die Zunft der Büttenredner, denn Kublank ist erneut der einzige, der mit einem Redebeitrag antritt, darüber hinaus aber straft das Programm den Baron eindrucksvoll Lügen.

Zu echten „Faschings-Fachkräften“ haben sich etwa die weiß-blauen Funken gemausert, denn mal ehrlich: Gardetanz zu AC/DC-Klängen wäre vor einigen Jahren noch ziemlich undenkbar gewesen. Und wo wir gerade bei den Garden sind: Auch die rot-blaue Garde (mit Gruß an den Kölner Karneval) und die grüne Garde präsentieren sich tänzerisch auf einem erstklassigen Niveau, insbesondere was Tempo und Synchronität betrifft. Die grüne Garde ist ja erstmals mit ihrem neuen Gardemajor Bo Loyall am Start, und schon in der Generalprobe wurde jede Hebefigur und jedes Akrobatik-Element frenetisch bejubelt. Aber auch der Profi-Tanzlehrer muss feststellen, dass vier Minuten Powertanz physisch ganz schön an die Substanz gehen. Aber, um mit dem Baron von Ganterteich zu sprechen: „Das Leben ist kein Ponyhof, und dies ist Fasching und kein Karneval.“

Der Spielmannszug lässt in Karo-Hemden, mit Freundschaftsbändern und Kraushaar-Perücken von „Wahnsinn“ bis zu „Weiß der Geier oder weiß er nicht“ keinen Wolle-Hit aus: Da haben insbesondere die Lyra-Spieler ganz schön fleißig zu klöppeln.

Im Karitativ-Block lässt Moderator Weise die Idee einer „Wetten, dass . . ?-Wette“ wiederaufleben. Mit dem Ziel, Geld für den Förderverein der GGV zu akquirieren, wettet er, dass es rund 3000 Büttenabendbesucher an vier Abenden nicht schaffen, insgesamt 2000 Euro in die Spendenbüchsen zu stecken. Sollte er verlieren, will er am Rosenmontag in einer örtlichen Bäckerei zwei Stunden lang Berliner verkaufen. Wobei die Wette eigentlich andersherum aufgebaut werden müsste: Es wäre doch hübsch, wenn Weise die Berliner verkauft, wenn das Spendenziel erreicht wird.

Die Lollypops zitieren James-Bond-Motive mit Schattenspiel und Beyoncés orientalisch angehauchten „bösen Mädchen“ („Naughty Girl“), ehe die Tanzgruppe First Try, frisch aus dem Dschungelcamp eingeflogen, zu Klängen der deutschen Hiphop-Szene eine Prise Voodoo-Zauber auf die Faschingsbühne bringt. Vor der Pause zeigen die Rock ʼnʼ Roller dann noch einmal, wie flink sie auf den Beinen sind.

Besonders gespannt sein darf man darauf, wie sich die neue Band DeLive ins Programm einfügen wird, die die Regie ja ganz gezielt gesucht hat, nachdem die Band Querbeat im vergangenen Jahr ihren Abschied verkündet hatte. Mit gelbem Plastikanzug hat Sänger Christian Lohmann schon einmal ein mutiges Outfit gewählt, viel entscheidender ist aber, wie die Formation musikalisch rüberkommt. Das rekordverdächtige Medley mit 14 Titeln in zwölf Minuten mit „Hulapalu“ und „Mamma Lauda“ zum Schluss passt zu diesem Highspeed-Büttenabend, und nach der Generalprobe lässt sich prognostizieren: Das wird sicher funktionieren.

Sehr fantasievoll präsentiert sich in diesem Jahr der Zirkus Temptation: Die Gruppe lässt im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen: tolle Idee, toll umgesetzt. Die Männergarde erinnert mit ihrer Choreografie an den 30. Jahrestag des Mauerfalls, und die Tatsache, dass die Nationalhymne der ehemaligen DDR inzwischen auf einer Faschingsveranstaltung erklingt, ist auch ein Produkt des fortgeschrittenen Zeitgeistes. Das hätte es in den 1990er-Jahren auch noch nicht geben. Auf der Bühne zeigen die Männer einen Kreisel und einige andere hübsche Elemente, unter dem Strich muss man aber sagen, dass die Darbietung der Truppe schon mal durchchoreografierter war.

Zu vorgerückter Stunde richten die Büttflicker in Dirndl und Lederhosen dann eine musikalische Warnung an alle Büttenabend-Besucher, die nicht gleich nach dem Programm nach Hause gehen: „Ab jetzt wird morgen scheiße“ lautet ihre Botschaft, ehe die Bookhorn Allstars mit einem rockigen Udo-Jürgens-Medley in himmelblauen Anzügen den Abend beschließen.

Insgesamt setzen die Büttenabende 2019 die in den vergangenen Jahren begonnene Entwicklung konsequent fort: mehr Spektakel, mehr Licht, mehr Sound, mehr Bühne, mehr tänzerische Qualität, mehr Rasanz. Bigband-Gitarrero Axel Howe hatte im Fasching wohl noch nie so viel zu tun wie in diesem Jahr. Die vielen Umbauten in der zweiten Hälfte bedeuten darüber hinaus auch Schwerstarbeit für das Bühnenaufbaukommando („Büko“): Insbesondere wenn es gilt, innerhalb von wenigen Minuten die DeLive-Instrumente von der Bühne zu räumen und den Temptation-Zirkus aufzubauen, beweist die Truppe, dass sie perfekt eingespielt ist. Wenn jetzt noch die Tontechnik mithält, steht einer tollen Session nichts mehr im Wege.

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