Heinz-Peter Häger

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Heinz-Peter Häger, Ganderkeseer SPD-Urgestein, kann an diesem Donnerstag auf 50-jähriges Engagement in der Kommunalpolitik zurückblicken. Sein erstes Mandat trat er 1968 im Rat der Gemeinde Schönemoor an.
01.11.2018, 06:02
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Von Jochen Brünner
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SPD-Urgestein Heinz-Peter Häger kann an diesem Donnerstag auf eine 50-jährige Tätigkeit in der Kommunalpolitik zurückblicken.

INGO MöLLERS

Ganderkesee-Heide. Als der 31-jährige Heinz-Peter Häger am 1. November 1968 sein erstes Ratsmandat in der damals noch selbstständigen Gemeinde Schönemoor antrat, da war die Große Koalition politisch gerade schwer angesagt. Kurt-Georg Kiesinger (CDU) war Bundeskanzler einer Regierung aus CDU und SPD, und auch der niedersächsische Ministerpräsident Georg Diederichs (SPD) führte ein entsprechendes Bündnis. In der Region hatte die SPD das Sagen, die damals noch eine richtig große Volkspartei war: Albert Klusmann war in Personalunion Bürgermeister in Schönemoor und Landrat des Landkreises Oldenburg. An diesem Donnerstag kann SPD-Urgestein Häger nun auf 50 Jahre Tätigkeit in der Kommunalpolitik zurückblicken.

Natürlich schmerzen den heute 81-Jährigen der Bedeutungsverlust und der Mitgliederschwund der Sozialdemokraten. Als Gründe sieht er vor allem „hausgemachte Probleme in Berlin“. Dennoch wird er seiner Partei auch weiterhin loyal verbunden bleiben: „Ich werde nicht austreten. Auch wenn ich irgendwann der Letzte bin, der am Ende das Licht ausmacht.“ Aber auch in Delmenhorst habe es die SPD nicht leicht gehabt: „Delmenhorst war ja mal eine Arbeiterstadt und hatte viele Fremdarbeiter. Aber die Arbeitsplätze bei der Wolle oder bei der Jute sind heute alle weg. Natürlich hat sich das auf die Mitgliederzahlen der Partei ausgewirkt“, analysiert er.

Die Sozialdemokratie ist in Hägers Genen tief verwurzelt: „Mein Großvater Heini, bei dem ich aufgewachsen bin, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der SPD in Bremen-Arsten.“ Noch heute erinnert er sich an konspirative SPD-Treffen im Hinterzimmer einer Gaststube während des Krieges, denen er als Kind beiwohnte. Und an der Wand in Hägers Arbeitszimmer hängt auch heute noch eine alte Fotografie, längst ein Dokument widerständischen Stolzes: Als sein Großvater bei der Wahl des Reichskanzlers 1933 nicht Adolf Hitler gewählt hatte, hatten Unbekannte die Fassade des Hauses kurz darauf in großen Lettern mit den Worten „Ich habe mit Nein gestimmt“ beschmiert.

Seit 1965 in Schönemoor

1960 ehelichte Heinz-Peter Häger seine große Liebe Hilde: 56 Jahre waren die beiden verheiratet, bis zu Hildes Tod im Jahr 2016. Ein schwerer Verlust. Zur Familie gehören weiterhin zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Mitte der 1960er Jahre verschlug es den gelernten Straßenbaumeister von Bremen nach Schönemoor. „Da gab es an der Buchenstraße in Heide neun freie Bauplätze, und mein Kollege Heino Schnepel sagte zu mir: 'Mensch Peter, komm doch zu uns.'“ Bürgermeister Albert Klusmann, der in der Nachbarschaft wohnte, war es dann, der das frisch gebackene SPD-Mitglied motivierte, sich auch um ein politisches Mandat zu bewerben.

Als Mitglied des Rates der Gemeinde Schönemoor entschied Häger 1972 etwa darüber, wem sich die Gemeinde nach der Gebietsreform anschließen würde. Denn es wäre ja auch denkbar gewesen, dass Schönemoor – wie Hasbergen – ein Ortsteil Delmenhorsts hätte werden können. „Aber wir hatten eine gemeinsame Feuerwehr mit Schierbrok und waren stark in Richtung Bookholzberg orientiert. Deshalb haben wir uns damals für Ganderkesee entschieden“, erklärt Häger rückblickend. Zur Kommunalwahl 1972 kandidierte er dann erstmals für den Ganderkeseer Gemeinderat. Allerdings fehlten ein paar Stimmen, um in das Gremium einzuziehen. Erst als Hans Husemann 1975 sein Mandat niederlegte, kam Heinz-Peter Häger als Nachrücker in den Rat, dem er seitdem ununterbrochen angehört.

Drei große Themenblöcke sind es, die Heinz-Peter Häger auch heute noch am meisten interessieren: Gemeindeentwicklung, Finanzen sowie Straßen und Verkehr. Letzteres war dem Straßenbauer, der viele Jahre lang als Bauleiter für die Firma Ernst Petershagen in Delmenhorst tätig war, ohnehin auf den Leib geschrieben. „Und ich konnte auch einen Haushalt lesen“, sagt Häger. Es sei ihm immer wichtig gewesen, dass die Politik bestrebt sein müsse, junge Leute in den Bauerschaften zu halten. „Und dabei müssen wir denen natürlich auch den entsprechenden Wohnraum zur Verfügung stellen“, betont er. „Denn die Gemeinde Ganderkesee besteht ja nicht nur aus dem Ortskern, und wir sind aufgefordert, auch etwas für die Außenbezirke zu tun.“

Aktuell ist ihm der öffentlich geförderte Wohnungsbau ein wichtiges Anliegen: Es sei gut, wenn die Gemeinde bei Grundstückskäufen preisregulierend auf den Markt einwirke. Außerdem würde er sich ein kleines Einzelhandelsgeschäft im Baugebiet „Bargup“ wünschen. Häger bedauert, dass sich keine bessere Ärzteversorgung im ländlichen Raum realisieren lässt, und kritisiert das diesbezügliche Quotendenken der Kassenärztlichen Vereinigung. „Ärzte im ländlichen Raum sollten mit Steuererleichterungen belohnt werden“, fordert er. Insbesondere ein Augenarzt fehle in der Gemeinde.

Der SPD-Dino gesteht, dass er Persönlichkeiten auf dem politischen Parkett, wie sie Helmut Schmidt, Herbert Wehner oder auch Franz-Josef Strauß in den 1970er und 1980er Jahren darstellten, heute vermisst: „Die haben auch mal Klartext geredet“, sagt er. Von Albert Klusmann über Georg von Seggern, Helmut Denker, Otto Boekhoff, Hans-Christian Schack, Hans-Heinrich Hubmann, Gerold Sprung und Alice Gerken hat Häger in seiner politisch aktiven Zeit allein acht verschiedene Bürgermeister in Schönemoor und Ganderkesee erlebt. „Ich habe mich immer gut mit den Leuten verstanden, auch wenn zwischendurch mal einer mit der Faust auf den Tisch gehauen hat“, beschreibt er sein Verhältnis zu den jeweiligen Verwaltungschefs.

Fraktionschef bis zur „Skandalwahl“

Ähnlich wie es im Delmenhorster Stadtrat lange eine Verbindung zwischen Fred Cordes (SPD) und August Süßmuth (CDU) gegeben habe (Häger: „die Cognac-Gang“), habe er viele Jahre mit Dietmar Mietrach, aber auch mit Hans-Heinrich Hubmann (beide CDU) sehr gut zusammengearbeitet. 15 Jahre lang, von 1981 bis 1996, war Häger Fraktionsvorsitzender der SPD im Ganderkeseer Gemeinderat. Nach der „Skandalwahl 1996“ sah er sich jedoch gezwungen, sein Amt niederzulegen. Denn obwohl die SPD als Sieger aus der Kommunalwahl hervorgegangen war, wurde CDU-Kandidat Hans-Heinrich Hubmann zum Bürgermeister gewählt, weil zwei Abweichler aus der eigenen Fraktion gegen den eigenen Kandidaten Hans-Christian Schack gestimmt hatten. „Unter diesen Voraussetzungen konnte ich die Fraktion nicht weiter führen“, sagt Häger rückblickend. Sein Nachfolger wurde der inzwischen verstorbene Hans Mestemacher.

Neben seinem politischen Engagement war und ist Häger unter anderem im Orts- und Verkehrsverein Schönemoor, im Schützenverein, in der Awo und im Kameradschaftsbund aktiv. 2002 erhielt er für sein langjähriges politisches Engagement das Bundesverdienstkreuz. Die entsprechende Urkunde, die heute ebenfalls an der Wand im Arbeitszimmer hängt, unterschrieb der damalige Bundespräsident Johannes Rau.

Ob er bei der Kommunalwahl 2021 erneut antreten wird, hat Heinz-Peter Häger noch nicht entschieden. Gegenwärtig gehe die Tendenz eher dahin, dass er es nicht tun werde, sinniert er. Natürlich hängt viel von der Gesundheit ab. Doch bis dahin bleiben noch drei Jahre Zeit zu überlegen. Denn mit seiner Erfahrung und seiner Ausstrahlung der ehrlichen und unmittelbar (vor)gelebten Sozialdemokratie ist Häger nicht nur eine Säule und ein Vorbild für seine Fraktion, sondern auch für die Ganderkeseer SPD unverzichtbar. So einen kann man nicht einfach ersetzen.

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