Interview mit Ernährungsexpertin

Keine Panik!

Ökotrophologin Claudia Kay vom Regionalen Umweltzentrum Hollen gibt praktische Tipps zum Kochen und zur Vorratshaltung in Zeiten der Corona-Krise. Von Hamsterkäufen rät sie entschieden ab.
21.03.2020, 18:43
Lesedauer: 5 Min
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Von Jacqueline Schultz
Keine Panik!

Auch angesichts der aktuellen Situation rät Ernährungsexpertin Claudia Kay dazu, mit Bedacht einzukaufen. Die Lebensmittelregale werden kontinuierlich wieder aufgefüllt.

Patrick Seeger/dpa
Der Coronavirus hat deutliche Auswirkungen auf das Einkaufsverhalten der Menschen. Vielerorts prägen Hamsterkäufe das Bild in den Supermärkten. Doch was ist wirklich sinnvoll, um eine längere Zeit zu Hause oder eine Quarantäne gut zu überstehen?

Claudia Kay: Panikmache können wir jetzt am wenigsten gebrauchen. Viele Menschen sind durch die Hamsterkäufe ihrer Mitmenschen sehr verunsichert. Es kann nicht genug betont werden, dass wir vor Ort ausreichend Lebensmittel haben. Wer jetzt hortet, verursacht eher die Engpässe. Außerdem schürt dieses Verhalten die Angst bei anderen, die dann vor leeren Regalen"

Verbraucher sollten also mit Bedacht einkaufen. Aber welche Lebensmittel sind ratsam?

Es gibt nicht nur in Zeiten von Corona, sondern auch generell eine Empfehlung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz, Vorräte für etwa zehn Tage zu Hause zu haben. Das bedeutet aber nicht, dass man kiloweise Dosenobst und Fertiggerichte horten muss. Als sinnvoll erachte ich Kartoffeln, Nudeln, Reis, Brot, Müsli, etwas TK-Obst und TK-Gemüse, Lagergemüse, Hülsenfrüchte, Milch, Käse, Butter, Eier, Frischkäse, Mehl, getrocknete Früchte oder Gemüse wie Tomaten. Damit kann man Brotaufstriche und Soßen verfeinern. Dabei sollte man ruhig auch die Produkte besorgen, die man sonst auch gerne isst. Kaufe ich jetzt nur Lebensmittel ein, die später im Schrank liegen bleiben und ablaufen, habe ich nichts gewonnen. Kinder haben ohnehin meist einen besonderen Geschmack. Da sollte beim Vorrat für jeden etwas dabei sein.

Viele Verbraucher wissen nicht, wie viel sie einkaufen sollen. Kann man Mengenangaben für bestimmte Zeiträume empfehlen?

Richtwerte, an denen man sich orientieren kann, liefert das Bundesministerium in einer Checkliste auf seiner Homepage (www.bbk.bund.de). In der Übersicht finden sich Angaben für einen zehntägigen Grundvorrat für eine Person. Dieser entspricht etwa 2200 Kalorien pro Tag und deckt damit im Regelfall den Gesamtenergiebedarf ab. Ein Beispiel: In der Lebensmittelgruppe Getreideprodukte (Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis) steht hier der Wert von 3,5 Kilogramm.

Wie oft sollte man noch einkaufen gehen?

Ich denke, dass es auf die Situation ankommt. Man darf normal einkaufen gehen, sollte dies aber nicht jeden Tag tun. Am besten macht man sich einen Wochenplan, geht nur einmal los und ist damit gut versorgt. Dabei ist zu empfehlen, nicht gerade am Wochenende, sondern wenn möglich unter der Woche einzukaufen. Dazu rät auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Einfach so loszufahren für Kleinigkeiten, ist in jedem Fall verzichtbar.

Viele Verbraucher setzen zurzeit vielfach auf Fertiggerichte. Ist das ratsam?

Ich würde keinem anraten, sich jetzt nur noch von Tütensuppen und Fertigprodukten zu ernähren. Abwechslungsreich und ausgewogen essen, lautet weiterhin die Devise. Besser sind daher meiner Meinung nach Grundlebensmittel, aus denen man sich nahr- und schmackhafte Speisen zubereiten kann. Dazu reichen oft schon wenige Zutaten.

Das ist sicher auch sinnvoller für die Nährstoffversorgung...

Selber kochen und dabei auf frisches Gemüse und Obst zurückgreifen, ist auf jeden Fall vorteilhaft. Falls nichts Frisches mehr im Haus ist, kann man alternativ auch TK-Gemüse und TK-Obst nutzen. Außerdem sollte man auf Vollkornprodukte setzen und versuchen, ganz normal weiter nach den gängigen Empfehlungen zu essen. Jetzt, wo viele Menschen ohnehin zu Hause sind, kann man sich auch die Zeit nehmen, Rezepte nachzulesen und selbst zu kochen. Dabei kann man auch gut Kinder einbinden, die auf diese Weise grundlegende Dinge lernen, etwa das Schneiden und Schälen von Obst und Gemüse, das im hektischen Alltag sonst oft untergeht. Ein weiterer Tipp: Flexibel bleiben beim Austausch von Zutaten, die man gerade nicht im Schrank hat.

Gibt es einfache Beispielrezepte, die sich jetzt gut eignen?

Es eignen sich alle Rezepte, die regionales Gemüse und Obst enthalten und nicht unbedingt eine seitenlange Zutatenliste haben. Ofengemüse und Kartoffeln mit Kräuterquark zum Beispiel. Gut dafür kann man momentan Möhren, Rote Beete oder Steckrüben nutzen. Das sind auch Gemüsesorten, die sich lange zu Hause lagern lassen. Super nährstoffreich sind auch Hülsenfrüchte wie Linsen und Erbsen. Daraus lassen sich leckere Salate und Bratlinge herstellen.

Haben Sie Tipps, um Produkte wie Obst oder Gemüse länger frisch zu halten?

Bei Karotten sollte man beispielsweise vor der Lagerung im Kühlschrank das Grün entfernen. Äpfel bitte in einer Tüte lagern, die im besten Fall ein paar Löcher enthält – getrennt von anderem Obst und Gemüse. Tomaten lagere ich normalerweise bei Raumtemperatur wegen des Geschmacks, derzeit sind sie wegen der Haltbarkeit im Kühlschrank. Bananen bleiben außerhalb des Kühlschranks. Da gibt es aber für eine längere Haltbarkeit den Trick, den Strunk etwas in Folie einzuwickeln. Eier sollte man mit der Spitze nach unten in den Kühlschrank stellen.

Welche Lebensmittel eignen sich zum Einfrieren, die man sonst eher nicht einfriert?

In meinem Gefrierschrank befinden sich einige Dinge, die andere nicht einfrieren würden. Beispielsweise backe ich sehr gerne Brot und Brötchen und habe deshalb frische Hefe eingefroren. Die kann ich anschließend auch in warmem Wasser auflösen und dann normal zum Backen nutzen. Auch friere ich oft klein geschnittenen Käse ein. Den nutze ich dann später zum Überbacken von Aufläufen oder für Soßen. Auch Reste von Pesto, Soßen und Wein landen im Eiswürfelbereiter im Gefrierfach und werden später genutzt. Wenn ich nur ein wenig Zwiebel oder Knoblauch benötige, schneide ich die Reste ebenso und friere diese ein. Bananen können auch, wenn sie schon etwas braun werden, geschnitten im Gefrierschrank landen. Daraus kann man noch Eis, Muffins oder Kuchen herstellen.

Auch wenn die Trinkwasserversorgung gesichert ist: Sollte man trotzdem Getränke anderer Art im Haus haben?

Ich habe immer zwei bis drei Liter H-Milch oder auch pflanzliche Alternativen als Vorrat im Haus. Säfte gibt es auch in meinem Vorrat. Wegen der Vitaminversorgung muss man sich bei ein paar Tagen Quarantäne aber wenig Gedanken machen, wenn man sich normalerweise ausgewogen ernährt.

Wie haben Sie sich persönlich für die nächsten Wochen bevorratet?

Ich versuche ebenfalls, wenig einkaufen zu gehen und habe meinen Grundvorrat aufgestockt. Obst und Gemüse bekomme ich mit einer Lieferkiste nach Hause, aber auch schon vor der Corona-Krise. Abschließend möchte ich noch mal etwas zu den Hamsterkäufen sagen: Diese sind auch problematisch für die Tafeln. Weniger Essen wird gespendet, in der Folge können weniger Menschen versorgt werden. Gerade in der jetzigen Zeit ist es wichtig, an andere zu denken. In meinem Treppenhaus hängt ein Schild einer jungen Frau, die Älteren und Menschen, die ein höheres Risiko haben, ihre Hilfe beim Einkaufen anbietet. Das finde ich eine tolle Geste.

Das Interview führte Jacqueline Schultz.

Info

Zur Person

Claudia Kay (30)

ist Ökotrophologin und seit 2014 als Ernährungsexpertin im Regionalen Umweltzentrum Hollen (RUZ) tätig. Ihre Themen dort sind nachhaltige Ernährung sowie Lebensmittelverschwendung.

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