Ganderkesee verabschiedet Rainer Lange „Wie Werder ohne Claudio Pizarro“

Mit einem Festakt hat die Gemeinde Ganderkesee den langjährigen Ersten Gemeinderat Rainer Lange verabschiedet. Das Rathaus ohne ihn sei wie Werder ohne Claudio Pizarro, erklärte Bürgermeisterin Alice Gerken.
30.08.2019, 17:16
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„Wie Werder ohne Claudio Pizarro“
Von Jochen Brünner

Ganderkesee. Es gibt diese Anlässe, da muss man Prinzipien einfach mal über Bord werfen. Für Ganderkesees Bürgermeisterin Alice Gerken war die Verabschiedung des langjährigen Ersten Gemeinderats Rainer Lange am Donnerstagabend im Atlas Airfield Restaurant so ein Anlass: „Normalerweise vermeide ich in Ansprachen große Zahlen und Fußball-Metaphern. Aber heute ist alles anders“, erklärte Gerken. „Das Ganderkeseer Rathaus ohne Rainer Lange ist wie Werder Bremen ohne Claudio Pizarro“, zog sie den Vergleich und nannte gleich eine ganze Reihe von Parallelen. Beide treffe man alle 14 Tage im Weserstadion, beide seien verdammt teuer im Unterhalt, und beide können bis heute noch kein Plattdeutsch.

In seinen 28 Dienstjahren habe Rainer Lange im Auftrag der Gemeinde etwa 2,5 Milliarden Euro ausgegeben, das entspreche 842,66 Euro pro Dienstminute und knapp 26 000 Euro pro Stunde, rechnete die Rathauschefin vor. Die jährlichen Personalkosten seien zwischen 1991 und 2019 von 7,2 Millionen Euro auf 17,2 Millionen Euro gestiegen, allein im Kita-Bereich habe sich die Zahl der Mitarbeiter von 30,5 Stellen auf knapp 165 Stellen erhöht. Aber auch zu seiner „Entlastung“ wusste Gerken einige Beispiele zu nennen: So seien die Schulden der Gemeinde kontinuierlich gesunken und die Einnahmen gestiegen. Und in ihrem Resümee bescheinigte sie dem „Herrn der Zahlen“ abschließend: „Du warst Gold wert.“

Die Verabschiedung am Donnerstag fand in einem relativ kleinen Kreis statt: Neben der Familie waren vor allem langjährige Weggefährten aus Politik und Verwaltung geladen – so etwa der frühere Bürgermeister und Gemeindedirektor Gerold Sprung, Dötlingens Bürgermeister Ralf Spille, mit dem Lange eine Freundschaft seit Kindertagen verbindet, oder Unternehmer Harald Meyer, wie Lange ebenfalls ein Brettorfer, der in Ganderkesee seine berufliche Heimat fand. Am Freitag hatten dann auch die Rathaus-Mitarbeiter Gelegenheit, Lange an seinem letzten offiziellen Arbeitstag als Erster Gemeinderat eine glückliche Zukunft zu wünschen. Als offizielles Abschiedsgeschenk überreichte die Bürgermeisterin eine auf 15 Exemplare limitierte Radierung der Bookholzberger Künstlerin Annegret Simonis, als persönliches Präsent überreichte sie einen Kugelschreiber, „der nicht fliegen kann und keine Flecken macht“, wie sie etwas kryptisch formulierte. Aber der Adressat weiß sicher etwas damit anzufangen.

Lange selbst blickte in seiner Ansprache noch einmal zurück auf seinen dienstlichen Werdegang, der am 1. August 1974 bei der Senatskommission für das Personalwesen in Bremen begonnen habe. Dass der Dötlinger Gemeinderat ihn 1982 im Alter von nur 24 Jahren mit acht zu sieben Stimmen als Kämmerer gewählt habe, bezeichnete der Neu-Ruheständler in der Rückschau als „mutige Entscheidung“. Gewählt worden sei im Übrigen ohne Fraktionszwang: „Es war eher ausschlaggebend, ob man östlich oder westlich der Neerstedter Straße wohnte und ob man im TV Brettorf oder im TV Dötlingen aktiv war“, erklärte er.

Der Wechsel zur Gemeinde Ganderkesee erfolgte dann 1991, als die Verwaltung einen neuen Ersten Gemeinderat als Nachfolgerin der Juristin Andrea Rottmann suchte, die ins heimatliche Rheinland zurückgekehrt war. Und bei der entscheidenden Ratssitzung am 3. Juli 1991 schlug Lange mit Horst Witte, dem damaligen Leiter des Personalamtes beim Landkreis Oldenburg, immerhin einen „gestandenen“ Verwaltungsmitarbeiter mit Führungserfahrung aus dem Feld. Erstes größeres Projekt, dem viele weitere folgen sollten, war dann der Neubau des Rathauses.

Nicht zuletzt ist Langes berufliche Biografie mit der Bürgermeisterwahl 2006 verbunden, als er gegen seine spätere Chefin Alice Geken angetreten ist. „Hieran habe ich keine guten Erinnerungen, nicht ob des Wahlergebnisses, sondern wegen der Zeit davor. Im Nachhinein sage ich, dass die zwei Jahre Wahlkampf der größte Unsinn waren, den ich in meinem beruflichen Leben angestellt habe. Mir wurde der Rat fremd – die eine Hälfte hat jedes Wort von mir politisch ausgelegt, die andere Hälfte wollte permanent etwas von mir. Meine Kollegen im Rathaus wurden wir teilweise fremd, die Presse wurde mir fremd, und ich glaube, ich war mir auch selbst fremd“, bekannte Lange. Insbesondere die Familie habe sich gefreut, als dieses Kapitel endlich zu Ende gewesen sei.

Das Wahlergebnis habe er unterdessen sportlich genommen. Zwar wollte er nicht so weit gehen wie Winston Churchill, der einmal gesagt habe: „Wenn Chef und Stellvertreter immer die gleichen Ansichten vertreten, ist einer von ihnen überflüssig.“ Er habe aber erlebt, dass sich gute Ergebnisse in einem Team ergeben würden, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten agieren dürfe. Und so habe er auch die Zusammenarbeit mit Alice Gerken erlebt.

Der 61-Jährige bleibt der Gemeinde bekanntlich zunächst noch als Teilzeit-Mitarbeiter in der Bäder-Gesellschaft erhalten. Die gewonnene Freizeit will er zudem mit seiner Frau Elke Aschenbeck-Lange für gemeinsame Touren mit dem Wohnmobil nutzen.

„Ich gehe mit großer Zufriedenheit in die Pension, weil ich mit Freude erklären kann, dass ich meinen Job verdammt gerne gemacht habe. Dieses liegt an den vielen Kolleginnen und Kollegen, das liegt an der Lebendigkeit der Gemeinde, aber es liegt auch an dem politischen Klima in der Gemeinde. Dieses ist mir in den letzten Tagen sehr bewusst geworden, gerade wenn ich die Überschriften aus unserer Nachbarstadt Delmenhorst gelesen habe„, erklärte Lange. In einer dienstlichen Beurteilung zu Bremer Zeiten habe es einmal geheißen: „'Herr Lange ist interessiert in Sport und Politik' – so soll es weiter sein.“

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