Zahnärzte in der Corona-Krise Arbeiten, wo das Virus sitzt

Viele Zahnärzte in der Region fühlen sich in der Corona-Krise von den Verantwortlichen im Stich gelassen. Die Situation komme „fast einem Berufsverbot gleich“. Viele Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.
10.04.2020, 11:25
Lesedauer: 5 Min
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Von Alexandra Wolff

Ganderkesee/Harpstedt/Wildeshausen. „Das Coronavirus hält sich vor allem im Mund- und Rachenraum auf, es nimmt von dort aus seinen Lauf über die viel beschriebene Tröpfchenübertragung. Abstand halten ist für das zahnmedizinische Personal und die Behandler nicht umsetzbar“, schreibt Siegfried Marquardt, ein in Tegernsee niedergelassener Zahnarzt, in einem Offenen Brief an das Bundesgesundheitsministerium. „Jegliche Behandlung ist für beide Seiten – Patient wie Praxisangehörige – ein unkalkulierbares Risiko, welches nur durch aufwendige Maßnahmen minimiert wird.“ Aber auch in Ganderkesee und umzu fühlen sich Zahnmediziner von der Politik im Stich gelassen.

„Die Coronakrise bedeutet das Ende des regulären Praxisbetriebes“, betont Simone Schmid-Schween aus Ganderkesee. „Nach der zweiten Ansprache der Bundeskanzlerin habe ich mich in Abstimmung mit meinem Team dazu entschlossen, alle Behandlungen unserer Patienten auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.“ Sie kritisiert, dass es zu dem Zeitpunkt noch keine offiziellen Empfehlungen seitens der Bundeszahnärztekammer oder der Kassenzahnärztlichen Vereinigung gegeben habe. „Wir haben alle großen und kleinen aufschiebbaren Behandlungsfälle abgesagt und natürlich auch die Prophylaxetermine“, beschreibt sie ihre Konsequenzen daraus. „Dies trifft meine Praxis besonders hart, da ich eine eigene Prophylaxeabteilung, ein zertifiziertes Perio-Center mit drei Mitarbeiterinnen habe, die ab diesem Moment nicht mehr ausgelastet werden konnten.“ Deswegen habe sie ab dem 1. April Kurzarbeit beantragt. „Zuvor mussten die Überstunden dran glauben“, sagt die Zahnärztin.

Die wenigen Patienten, die noch kommen, sollen sich direkt am Eingang 30 Sekunden lang gründlich desinfizieren. „Begleitpersonen werden gebeten, die Praxis zu verlassen, die wartenden Patienten nehmen in großer Entfernung zueinander im Wartebereich oder auch auf der Praxisterrasse Platz“, fährt die Zahnärztin fort. „Der Empfangsbereich ist durch Plexiglaswände, die ich beim Tischler habe anfertigen lassen, abgeschirmt. Unsere Auszubildende ist in noch engerem Takt als sonst schon üblich in der Praxis unterwegs und desinfiziert alle Türklinken und Oberflächen, die angefasst werden könnten. Im Behandlungszimmer werden die Patienten gebeten, den Mund mit einem Povidon-Jod-Mundwasser (antiviral wirksam) 30 Sekunden lang zu spülen, bevor die Behandlung beginnt.“

Hohe Sicherheitsmaßnahmen

Aber auch für das Personal gelten hohe Sicherheitsmaßnahmen: „Mitarbeiterinnen, die Infektionssymptome aufweisen, bleiben zu Hause und werden über ihren Hausarzt oder das Gesundheitsamt getestet“, heißt es schon auf der Internetseite der Praxis. „Da Zahnärzte leider unverständlicherweise bei der Verteilung von Sicherheitsausrüstung aus offiziellen Quellen keine Berücksichtigung finden, stehen uns nur der übliche Mundschutz, Handschuhe, Schutzbrille und Visier zur Verfügung“, bedauert Schmid-Schween. „Wir alle spülen ebenfalls den Mund drei Mal täglich mit dem gleichen antiviral wirksamen Mundwasser wie unsere Patienten.“

Erst am Mittwoch hat die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) ihre Vorgaben vorgestellt: „Jeder Patient wird im Vorfeld des Zahnarztbesuches telefonisch sowie erneut beim Betreten der Praxis auf Covid-19-Symptome der vergangenen zwei Wochen abgefragt und muss sich die Hände beim Betreten und Verlassen der Praxis desinfizieren“, heißt es dort. Mitarbeiter mit Risikofaktoren für schwere Verläufe sollten nicht mehr in die Praxis kommen und – so möglich – von zu Hause aus arbeiten. Des weiteren rät die BZÄK dem Personal Mund-Nasen-Schutze zu tragen – gerade im Gespräch miteinander. Während der Behandlung empfiehlt der Verband zusätzlich Schutzbrillen, -visire oder -schilde, Handschuhe und gegebenenfalls Schutzkittel für die Kollegen. Flüssigkeitsdichte Scheiben sollen die Mitarbeiter an der Rezeption schützen. Zudem sollen sie Termine in so großen Abständen vergeben, dass die Patienten Abstandsregeln an der Rezeption und im Wartezimmer einhalten können. Auch das Personal ist angehalten, diese Sicherheitsabstände einzuhalten. Begleitpersonen sollten die Praxis nicht betreten. Die Kammer empfiehlt zudem regelmäßige Team-Besprechungen, in denen das Kollegium die Routinen erörtern, Fragen klären und die Maßnahmen verbessern kann.

Dass es keine klaren Aussagen der Regierung gibt, beziehungsweise diese sich häufig ändern, ärgert den Wildeshausener Zahnarzt Andreas Schwert. „Es liegt in der zahnärztlichen Verantwortung, wen wir behandeln oder nicht“, sagt er. So steht es auch in den Vorgaben der BZÄK. „Ich fühle mich von der Politik im Stich gelassen.“ Er bietet weder Vorsorge noch professionelle Zahnreinigung an. Die Kollegin, die darauf ihren Schwerpunkt gelegt hat, musste er darum in Kurzarbeit schicken. Kommen jetzt weniger Patienten in seine Praxis? „Das ist ganz unterschiedlich“, antwortet er. „Gestern habe ich bis 19 Uhr gearbeitet. Heute ist auch viel los. Aber am Montag war es hier total leer.“ Mundschutze, Handschuhe und Schutzkleidung reichen noch für neun Wochen, schätzt Zahnarzt Schwert. „Wir haben sowieso immer einen großen Vorrat. Und gerade im Februar hatten wir eine Großbestellung aufgegeben.“

Für Corona nicht ausgestattet

Auch die Ganderkeseer Gemeinschaftspraxis „Zahnärzte am Rathaus, Dr. Elsmann, Dr. Sinhuber und Kollegen“ haben die normale Schutzausrüstung, also Handschuhe, Mundschutz und Schutzkleidung noch in ausreichender Menge für mehrere Wochen im Bestand. „Wir halten unseren hohen Hygienestandard dauerhaft ein“, versichert Stephan Sinhuber. Aber für Corona sei die Praxis nicht ausgestattet. Und laut Bundesinnenministerium sei es auch gar nicht vorgesehen, Vollschutzvisiere oder Schutzmasken, deren spezielle Feinstpartikelfilter auch Viren abhalten können, an Zahnärzte zu liefern.

Solange es noch keine Spezialpraxen oder Krankenhäuser für Patienten gibt, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, könne man Sinhuber zufolge „nur die allgemeinen bekannten Maßnahmen wie das gründliche Händewaschen für 30 Sekunden, eine spezielle Händedesinfektion am Eingang der Praxis, eine zusätzliche Desinfektion aller Flächen in kurzen Abständen in der Praxis und die Bildung getrennter Behandlerteams sowie die weitestmögliche Trennung der Patienten durchführen.“

Auch er und seine Kollegen beschränken sich auf Schmerzpatienten, so wie es das Ministerium und die BZÄK inzwischen angewiesen haben. „Wir wollen weiterhin alle behandeln, müssen aber Patienten mit Krankheitsanzeichen bitten, sich zunächst mit ihrem Hausarzt in Verbindung zu setzen und dort zu klären, wie in ihrem Fall vorzugehen ist und ob eine Zeit der Quarantäne abgewartet werden muss“, sagt Sinhuber.

Volker Schaper, Zahnarzt aus Harpstedt, meint, die Situation komme „nahezu einem Berufsverbot“ gleich. Auch er übernehme nur noch Schmerzpatienten. „Würde ich nicht gerade Urlaubsvertretung für mehrere Kollegen übernehmen, hätte ich keinen einzigen Patienten“, sagt er. „Wir stehen nicht unter dem Rettungsschirm. Zahnärzte werden von der Politik im Stich gelassen. Er fürchtet, dass nach der Krise viele Praxen Insolvenz anmelden müssten. Dies könne bei 60000 Zahnärzten in Deutschland bis zu 380 000 Menschen betreffen. "Und zwar nicht nur die Zahnärzte, ihre Mitarbeiter und Familien, sondern auch Zahnlabore, die keine Aufträge mehr kriegen“, zählt er auf. „Und letzten Endes dann auch die Patienten, die keinen Zahnarzt mehr finden.“

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