Interview mit Rainer Städing Konsumverhalten schadet dem Wald

Auch wenn Rainer Städing, Sprecher der Niedersächsischen Landesforsten, die Waldschäden im Landkreis Oldenburg noch als überschaubar bewertet, hält er eine engagiertere Klimaschutzpolitik für unerlässlich.
06.03.2020, 16:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Jacqueline Schultz
Die Schäden im deutschen Wald sind nach aktuellen Zahlen so schwer wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. So hat das Bundeslandwirtschaftsministerium im Februar eine aktualisierte Bilanz veröffentlicht. Demnach liegt die Schadensfläche nun bundesweit bei 245 000 Hektar zerstörtem Wald. Das sind rund 35 Prozent mehr, als noch im Herbst 2019 angegeben. Müssen auch im Landkreis Oldenburg die Schadensflächen nach oben korrigiert werden?

Die Schadensflächen bleiben nach meinem Informationsstand überschaubar. Man hört hier und da von Kollegen, dass mehr Käferholz oder Sturmholz angefallen ist als vorher angenommen. Das ist aber ein normaler Schätzfehler. Die Schäden bleiben hier im Vergleich zu den eigentlichen Schwerpunktgebieten relativ gering.

Als Ursache sehen die Experten vor allem den Befall mit Borkenkäfern, allerdings kommen die Forstleute mit der Räumung des befallenen Holzes kaum voran. Wie sieht das im Landkreis aus?

Die Mengen an Schadholz sind hier maschinell zu bewältigen. Da viele Maschinen in den Schadensschwerpunkten im Einsatz waren und sind, war der Organisationsaufwand im abgelaufenen Jahr höher, um regelmäßig mit den wenigen hier verbleibenden Erntemaschinen in die Käferflächen zu fahren. Die Maschinen mussten ja zwei bis dreimal über den Sommer die gleichen Fichten-Waldbestände ansteuern, um die jeweils neuen befallenen Bäume zu entnehmen.

Gibt es eine Zahl, wie viele Kahlflächen im Landkreis der Borkenkäfer verursacht hat?

Nach Rücksprache mit dem Forstamt Ahlhorn und der Revierförsterei Hasbruch haben wir im Landkreis über die letzten zwei Jahre mit Sturm- und Käferschäden um 30 Hektar Kahlflächen.

Borkenkäfer bekämpfen und Flächen neu anpflanzen – dafür fehlen in der Forstwirtschaft offenbar ausreichend Mitarbeiter. Wie sieht die Personaldecke im Landkreis aus?

Aufgrund der relativ geringen Schäden geht es hier mit der Personaldecke einigermaßen. Ab April gehen aus dem Forstamt Ahlhorn wieder erste Mitarbeiter und Maschinen zur Unterstützung in die Katastrophengebiete in Südniedersachsen.

Die Experten gehen davon aus, dass das Schlimmste noch bevor steht. Wie schätzen die Landesforsten die Prognosen ein?

Ich kann nun nicht für die gesamten Landesforsten sprechen, aber gefühlt stehen wir nicht am Ende einer katastrophalen Entwicklung, sondern sind mitten drin. Viel hängt auch vom Wetterverlauf vom Frühjahr bis in den Sommer ab. Immerhin haben wir im Gegensatz zum letzten Winter hier in der Region recht ergiebige Niederschläge, die helfen, den Bodenwasserhaushalt wieder zu stabilisieren.

Die prekäre Lage des Waldes hat auch finanzielle Folgen, da Schadholz kaum noch verkauft werden kann. Ein Zuschussgeschäft für die Forstwirtschaft. Wie sieht das im Landkreis aus?

Wir haben aufs Ganze gesehen einigermaßen Glück durch die hier in Weser-Ems regional vielfältigen und mittelständischen Holzverarbeitungskapazitäten. Daher fließt das Schadholz relativ problemlos, aber auch zu geringen Preisen ab. Bei den verkernten Nadelbäumen wie Douglasie, Lärche zum Teil auch Kiefer, von denen zum Beispiel im Forstamt Ahlhorn recht viel vorhanden ist, ist sogar noch eine ganz gute Nachfrage zu stabilen Preisen vorhanden. Zudem gibt es interessante Nischen, die wir bedienen. Dazu zählen etwa Holz für Tierstreu oder Pfähle für den Wasserbau.

Die betroffenen Wälder sind oft Nadelwald-Monokulturen, die ohnehin anfällig für die Folgen des Klimawandels sind. Wie sieht die aktuelle Strategie zur Aufforstung aus?

Nach dem 1972er Sturm sind schon deutlich mehr Eichenkulturen angelegt worden und die Nadelbaumarten wurden mehr, allerdings noch nicht miteinander gemischt. Seit 30 Jahren, dem Beginn unserer langfristigen ökologischen Waldentwicklungsplanung, werden ältere Nadelwaldbestände systematisch mit Mischbaumarten wie Buche und Douglasie unterpflanzt, so dass wir mindestens drei verschiedene Baumarten und eine andere Waldstruktur bekommen. So wird die Fichte in den nächsten zehn Planungsjahren fast 500 Hektar Flächenanteil verlieren, Kiefer über 700 Hektar. Gewinner sind Douglasie (500 Hektar), Buche (500 Hektar) und Eiche (200 Hektar). Der Flächenanteil der Nadelbäume sinkt um knapp 800 Hektar und entsprechend steigt der Laubbaumanteil um fast 800 Hektar. Das sind immerhin Änderungen von sechs Prozent in lediglich einem Jahrzehnt.

Bund und Länder haben im Herbst 800 Millionen Euro Soforthilfe versprochen. Ist davon auch etwas im Landkreis Oldenburg angekommen?

Wie es mit den Zuschüssen für den Privatwald aussieht kann ich nicht sagen. Die Landesforsten sollen vom Land in diesem Jahr mit 7,5 Millionen Euro und dann bis 2024 mit jährlich 15 Millionen ausschließlich für die Wiederbewaldung unterstützt werden. Im Landkreis gibt es noch keine finanziellen Engpässe bei der nötigen Wiederbewaldung.

Dürre, Sturmschäden, Borkenkäfer – ist dieser Trend noch umkehrbar? Wie können die Weichen für die Zukunft gestellt werden?

Es gibt vielfältige Bemühungen zum Aufbau stabiler und gemischter Wälder. Dieser vor 30 Jahren begonnene Trend wird jetzt vom Klimawandel überholt. Sicher ist, die Dürre-, Sturm- und Schädlingsprobleme werden nicht weniger, der Temperaturanstieg ist überdeutlich. Als Förster ist man immer Optimist, dass die Wälder sich regenerieren beziehungsweise wieder aufforsten lassen. Das können wir ja seit über 200 Jahren. Aber jetzt sind die Vorzeichen ganz andere und die Zukunft ist nicht wirklich voraussehbar.

Können Sie das konkretisieren?

Die Weichen für die Zukunft müssen andere stellen, das betrifft vor allem eine engagierte Klimaschutzpolitik, die ernsthaft die CO2-Vermeidung und CO2-Speicherung voranbringt und in Teilen auch uns selbst als Verbraucher, die wir mit unserem Konsumverhalten, vom Fleisch- über den Kunststoff- bis zum Spritverbrauch und dem Freizeitverhalten, einen immer größer werdenden ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Gleichzeitig müssen wir ehrlicher werden und können nicht die Waldbrände im Amazonas-Regenwald beklagen, aber gleichzeitig die Weichen für immer mehr Sojaimport von dort stellen. Unser Wald verliert gerade einen Teil seiner CO2-Speicherfähigkeit, die wir dringend benötigen.

Das Interview führte Jacqueline Schultz.

Info

Zur Person

Rainer Städing (64)

ist gelernter Förster und seit zehn Jahren als Pressesprecher bei den Niedersächsischen Landesforsten tätig. Dort ist er für die Gebiete Weser-Ems und Nienburg zuständig. Zuvor war er 21 Jahre Revierförster am Stadtrand von Braunschweig.

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