Autobahnpolizei greift im Landkreis durch Lastwagenfahrern auf die Finger schauen

Die Polizeidirektion Oldenburg zieht Zwischenbilanz beim Projekt „Ablenkung im Führerhaus“. Seit Februar hat die Autobahnpolizei über 1300 Verstöße registriert.
14.10.2019, 17:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Ilias Subjanto

Das Smartphone meldet sich mit einem hellen Ton – eine Textnachricht ist eingegangen. Der Fahrer des 40-Tonnen-Lastwagens richtet seinen Blick von der Autobahn auf sein Mobiltelefon, liest die Nachricht und tippt „nur mal eben schnell“ eine Antwort. Dabei registriert er nicht, dass der Verkehr in wenigen hundert Metern aufhört zu fließen. Noch bevor er seine Textnachricht verschickt hat, rast er ungebremst in das Stauende, das sich vor ihm gebildet hat. Eine Katastrophe für den Lastwagenfahrer und die Verkehrsteilnehmer, mit denen sein Fahrzeug kollidiert.

Auffahrunfälle wie diese geschehen regelmäßig auf deutschen Autobahnen. Die Polizeidirektion Oldenburg hat dies zum Anlass genommen, im Februar das Projekt „Ablenkung im Führerhaus“ zu starten. Ende September hat der Niedersächsische Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius, das Autobahnpolizeikommissariat Ahlhorn besucht, um sich dort vor Ort über das Projekt zu informieren.

Alle vier Autobahnpolizeidienststellen im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Oldenburg beteiligen sich an diesem Projekt und kontrollieren mit einem zivilen Fahrzeug das Verhalten der Verkehrsteilnehmer. Hierfür wurden auf den Dächern dieser Fahrzeuge Action-Camcorder angebracht, mit denen den Lastwagenfahrern „auf die Finger“ geschaut werden kann. Sobald in den Fahrerkabinen der Lastkraftwagen Anhaltspunkte für eine Ablenkung des Fahrers erkennbar sind, wird die Aufnahme mittels des Camcorders gestartet. In der anschließenden Kontrolle wird dem Fahrzeugführer sein Fehlverhalten auf einem Tablet-PC gezeigt. Mit Hilfe der Kamera-Aufnahmen ist es möglich, Verstöße rechts- und beweissicher zu dokumentieren.

Über 1300 Verstöße seit Februar

Projektleiter Polizeihauptkommissar Cliff Sprenger zeigte dem Minister nicht nur die eingesetzte Technik, sondern berichtete vor allem über die Erfahrungen, die seit dem Start des Projekts Anfang Februar gesammelt worden sind. Bis Ende Juli wurden bereits über 1300 Verstöße festgestellt.

„Um Unfälle zu verhindern, muss man deren Ursachen kennen. Und die liegen oft in der Ablenkung von Fahrern, vor allem von Lkw-Fahrern“, erklärt Sprenger. Wenn die Lastwagenfahrer am Steuer abgelenkt seien, dann meist durch Smartphones oder manchmal auch Laptops. Mit diesen würden sie beispielsweise telefonieren, Nachrichten lesen und schreiben, Videos schauen oder eine Playlist mit Musik zusammenstellen, erläutert der Projektleiter. „Wir haben einmal einen Fahrer angehalten, der während der Fahrt eine E-Mail mit dem Kaufvertrag eines Hauses gelesen und beantwortet hat“, sagt Sprenger und schüttelt den Kopf. Durch die Zunahme des Transportverkehrs und die vermehrten Baustellen sei die Anzahl der Staus auf Autobahnen gestiegen, wodurch wiederum die Gefahr von Auffahrunfällen an Stauenden zunehme. Auch im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg – vor allem auf der Autobahn 1 – wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Unfälle dieser Art registriert.

„Obwohl die beweissichere Ahndung von Ablenkungsverstößen bei Lkw-Fahrern durch die erhöhte Sitzposition schwierig ist, lag dennoch die Vermutung nahe, dass die Unfallverursacher abgelenkt waren. Daraufhin entschieden wir uns, mit diesem Projekt den Fokus konkret auf die Ablenkung von Lkw-Fahrern zu legen“, sagt Polizeipräsident Johann Kühme, der den Besuch des Ministers begleitete.

Nun wird im Landkreis Oldenburg mit vier Fahrzeugen auf Ablenkung im Führerhaus kontrolliert – an sechs Tagen in der Woche und ausschließlich auf der Autobahn. Projektleiter Cliff Sprenger ist von der Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme überzeugt: Bis zu zwölf Verstöße werden an einem Tag geahndet. Die hohe Anzahl der rechtswidrigen Handlungen habe die Polizei negativ überrascht, sagt Sprenger. Daher sei das Projekt auch bis Ende des Jahres verlängert worden und könnte möglicherweise in ganz Niedersachsen eingeführt werden. „Die Polizei muss aktiv den Kontrolldruck erhöhen", findet der Projektleiter.

Dieser Ansicht ist ebenfalls Christian Richter vom Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN). In diesem Wirtschaftsverband sind rund 3000 Unternehmen des privaten niedersächsischen Verkehrsgewerbes organisiert. „Wir begrüßen sehr, dass Kontrollen durchgeführt werden“, sagt Richter und bestätigt, dass Ablenkungen am Steuer hohen Einfluss auf die Verkehrssicherheit hätten. „Darum beteiligt sich der GVN auch an der Verkehrssicherheits-Kampagne 'Tippen tötet' der Landesverkehrswacht Niedersachsen“, erklärt er, außerdem würden viele Arbeitgeber des Verkehrsgewerbes bei Schulungen wiederholt auf die Gefahren der Nutzung von elektronischen Geräten beim Führen von Kraftfahrzeugen hinweisen.

Regelbußgeld: 100 Euro

Gleichzeitig möchte Richter Lastwagenfahrer nicht an den Pranger gestellt sehen, was Auffahrunfälle angeht: „Es ist zu einfach, die Schuld nur bei den Lkw-Fahrern zu suchen.“ Es gebe schließlich auch genügend Autofahrer, die ihre Handys während der Fahrt nutzen würden.

Ob Lastwagen- oder Autofahrer: Wer mit dem Handy am Steuer erwischt wird, zahlt ein Regelbußgeld von 100 Euro und wird mit einem Punkt im Flensburger Fahreignungsregister geahndet. Darauf macht Polizeihauptkommissar Sprenger aufmerksam. Ist es bei der Ablenkung am Steuer zu einer konkreten Verkehrsgefährdung gekommen, wird sogar ein Bußgeld in Höhe von 150 Euro fällig – und es gibt einen Monat Fahrverbot, warnt der Polizeihauptkommissar.

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