Interview mit Forstsprecher Rainer Städing

Brandgefährlich

Kein Regen und starker Ostwind – die Waldbrandgefahr steigt auch im Landkreis Oldenburg: Rainer Städing von den Niedersächsischen Landesforsten mahnt Besucher bei Spaziergängen zur Vorsicht.
22.04.2020, 16:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Jacqueline Schultz
Aufgrund der anhaltenden Dürre gibt es an mehreren Orten in Deutschland gerade die ersten Waldbrände. Wie sieht die aktuelle Gefahrenlage im Landkreis Oldenburg aus?

In den hier vorherrschenden Kiefernwäldern wie etwa dem kleinen, aber stark frequentierten Bürsteler Fuhrenkamp haben wir bei der austrocknenden Bodenoberfläche ein deutlich erhöhtes Risiko. Nadelbäume enthalten Harze und Terpene, die gut brennen. Aber auch in manchen Laubwäldern ist das Laub am Waldboden knochentrocken. Dazu kommt die Ostwindlage mit trockener Luft und die anhaltend hohen Temperaturen, die für die kommenden Tage vorhergesagt sind.

Trotzdem bewegt sich der Landkreis Oldenburg laut Waldbrandgefahrenindex des Deutschen Wetterdienstes noch im mittleren Gefährdungsbereich. Aber Sie schätzen die Gefahr vor Ort bereits höher ein?

Für Wälder, Moore und Heiden gehe ich von einer höheren Gefahr aus. Das ist örtlich natürlich unterschiedlich, wenn ich zum Beispiel nasse Waldgebiete habe. Generell wird die Gefahrenstufe abstrakt anhand verschiedener Wetterdaten erhoben, da muss man die Faktoren vor Ort immer noch zusätzlich mit einbeziehen.

In Corona-Zeiten zieht es die Menschen vermehrt in den Wald. Befürchten Sie, dass sich die Brandgefahr durch etwaiges Fehlverhalten noch erhöht?

Vielen Menschen ist die Waldbrandgefahr in der Tat nicht mehr bewusst, insbesondere wenn sie aus der Stadt kommen und nicht regelmäßig im Wald sind. Solche Besucher haben wir im Moment vermehrt. Das jemand ein Grillfeuer im Wald anzündet, halte ich für ein geringes Risiko, aber die achtlos weggeworfenen Zigarettenkippen im Wald sowie an Straßen und Autobahnböschungen, die an Wald angrenzen, sind schon eine deutliche Gefahr. Ebenfalls nicht im Bewusstsein ist vielen Menschen, dass Glasscherben Brände auslösen können. Wenn die Sonne hindurch scheint, können vor allem gebogene Stücke, etwa von Flaschen, die Strahlen so stark bündeln, dass trockenes Material Feuer fängt.

Stellen Sie bereits Warn- oder Hinweistafeln für Waldbesucher auf?

Die Niedersächsischen Landesforsten haben im vergangenen Jahr erstmals in meinen über 40 Dienstjahren wieder ein Waldbrandschild entwickelt, welches die Försterkollegen bei Bedarf aufstellen können. Es ist hier in der Region aber noch nicht oft zu sehen.

Gibt es generell Präventivmaßnahmen, um Waldbränden vorzubeugen? Wenn ja, wie sehen die aus?

Präventiv ist natürlich die Erhöhung der Laubbaumanteile. Sie beschatten den Waldboden, wodurch die Austrocknung und Entzündungsgefahr geringer wird. Das ist aber eher ein langfristig wirkender Ansatz. Dem steht die Zunahme der Wetterextreme durch den Klimawandel gegenüber. Weitere Maßnahmen können die Landkreise in akuten Situationen beschließen. Zum Beispiel kann ein Wegegebot verhängt werden oder ein Wald zum Betreten komplett gesperrt werden.

Sind Förster eigentlich auch in puncto Brandschutz und Brandbekämpfung ausgebildet?

Nein, nur in grundsätzlichen Fragen von Waldbränden. Die Profis sind und bleiben die Feuerwehren. Wir Förster kommen als sogenannte Waldbrandbeauftragte beratend mit unserer Ortskenntnis und Erfahrung hinzu.

In Nordrhein-Westfalen haben Landwirte Güllewagen mit Wasser gefüllt, um bei der Brandbekämpfung zu helfen. Wie funktioniert die Versorgung mit Löschwasser in den Wäldern der Region?

Das wird es hier sicher auch geben, aber da müssten Sie die einzelnen Feuerwehren oder den Kreisbrandmeister fragen. Die Feuerwehren spielen solche Szenarien auch in Waldbrandübungen durch und trainieren dabei insbesondere die Wasserversorgung in abgelegenen Gebieten.

Wann gab es den letzten größeren Waldbrand im Landkreis Oldenburg?

Im Staatswald ist mir nur ein kleiner Brand im Wildenloh im Ammerland vor zwei Jahren bekannt. Noch sind wir von größeren Feuern zum Glück verschont geblieben.

Abgesehen von der Waldbrandgefahr – welche Folgen hat die andauernde Dürre für den Wald noch?

Wir haben an der Wetterstation Bremen des Deutschen Wetterdienstes seit Mitte März nur einen nennenswerten Niederschlag von sieben bis acht Millimetern gehabt. Das heißt, dass auch die Baumpflanzungen des aktuellen wie des vergangenen Jahres Anwuchsprobleme bekommen können, wobei die Böden sich in diesem Winter mit den recht ergiebigen Niederschlägen ganz gut auffüllen konnten.

Die andauernde Trockenheit bietet derzeit auch gute Bedingungen für den Borkenkäfer...

Ja, durchaus. Warmes Wetter und Trockenheit lassen leider auch den Borkenkäfer gut aus dem Winterquartier kommen, um in labile und immer noch durch die Schäden der vergangenen Jahre teilweise geschwächten Fichtenbestände zu fliegen.

Befürchten Sie hier also noch größere Schäden als ohnehin schon?

Das ist schwer zu sagen. Fest steht, dass die Forstwirtschaft mit den Waldschäden der vergangenen zweieinhalb Jahre noch nicht aus dem Schneider ist. Mein Gefühl sagt mir, dass wir eher mittendrin sind. Und das ist schon schlimm genug.

Das Interview führte Jacqueline Schultz.

Info

Zur Person

Rainer Städing (64)

ist gelernter Förster und seit zehn Jahren als Pressesprecher bei den Niedersächsischen Landesforsten tätig. Dort ist er für die Gebiete Weser-Ems und Nienburg zuständig. Zuvor war er 21 Jahre Revierförster am Stadtrand von Braunschweig.

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