Waldschule Hatten

Der Zeit voraus

Während einige Schulen während der Corona-Zwangsschließung katapultartig ins digitale Zeitalter geschleudert wurden, konnte die Waldschule Hatten bereits auf ihre langjährige Arbeit mit Tablets zurückgreifen.
24.06.2020, 17:23
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Von Jacqueline Schultz
Der Zeit voraus

Für Silke Müller, Schulleiterin der Waldschule Hatten, ist die Arbeit mit Tablets seit Jahren ganz normal.

TAMMO ERNST

„Wenn mir im Februar jemand erzählt hätte, dass die Schulen über mehrere Wochen schließen, hätte ich das nicht geglaubt. Auch uns hat die Schulschließung ab 13. März wie ein kalter Schlag erwischt“, erinnert sich Schulleiterin Silke Müller. Dennoch ist die Waldschule Hatten mit ihren 840 Schülern und 84 Lehrern wesentlich weicher gefallen als so manche andere Schule im Landkreis Oldenburg. „Viele Schulen sind durch die Corona-Krise katapultartig ins digitale Zeitalter geschleudert worden. Unser Vorteil war, dass wir auf unsere langjährig gewachsenen Strukturen zurückgreifen konnten“, erklärt Müller die Besonderheit.

Bereits 2009 hatte die Realschule mit Unterstützung des Landes Niedersachsen für Projektklassen elternfinanzierte Laptops eingeführt. Drei Jahre später stieg die Schule auf iPads um. „Im Sinne der Chancengleichheit fiel schließlich schulintern die Entscheidung, im Jahrgang sieben alle Schüler mit elternfinanzierten iPads auszustatten.

Eine Entwicklung, die sich in Corona-Zeiten ausgezahlt hat: „Wir haben den Unterricht eins zu eins ins digitale Klassenzimmer verlegt. Mit einem leicht veränderten Zeitraster hatten die Schüler etwa Deutsch, Mathe und Englisch mittels Videokonferenzen, in die sich die Lehrer entsprechend des Fachs zugeschaltet haben. Hier wurde die Anwesenheit kontrolliert, man konnte miteinander kommunizieren, fachliche Inhalte wurden vermittelt, Arbeitsblätter verteilt, bis zum Stundenabschluss. Dabei konnte jeder Schüler selbst entscheiden, ob er sich per Ton oder auch per Bild zuschaltet. Danach wurde an den nächsten Fachlehrer übergeben. „Hierdurch ist an unserer Schule kein Fach vernachlässigt worden – selbst Sport, Musik und Werken nicht“, beschreibt Müller die Arbeitsweise. Oberste Prämisse sei aber gewesen, ständig mit den Schülern in Kontakt zu bleiben. „Wir haben gemerkt, wie gut den Kindern der tägliche Austausch in der Corona-Zeit getan hat, mit dem Effekt, dass sie teilweise sogar in den Osterferien freiwillig gearbeitet haben.“

Selbst in den fünften und sechsten Klassen lernten die Schüler im digitalen Klassenraum. Im sechsten Jahrgang wurde hierfür der Kauf der iPads vorgezogen, die Fünftklässler waren über Smartphones ins Netzwerk eingebunden. Im Februar hatte eine schulinterne Abfrage im fünften Jahrgang ergeben, dass 98 Prozent der Schüler bereits mit einem solchen Endgerät ausgestattet sind.

Mit Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts verfährt die Schule derzeit so, dass die Hälfte der Klasse vor Ort und die andere Hälfte per Videostream zugeschaltet ist. „Über Videocall, Face Time und What’s App wird in dieser Form auch Partnerarbeit möglich“, erklärt Müller. Auch Elternabende oder Lehrerkonferenzen wurden digital per Videostream realisiert. „Dinge, die wir auch nach Corona beibehalten wollen“, wie die 40-Jährige betont. Angedacht seien auch digitale Sprechstunden oder die Initiative „Frei-Day“ für Abschlussklassen, in denen die Schüler im Homeschooling individuellen Neigungen nachgehen können.

Für die Eltern belaufen sich die Kosten zur Anschaffung der zertifizierten Geräte auf etwa 350 Euro. Haushalte, die finanziell nicht so gut aufgestellt sind, profitieren von einem Sozialfonds in Kooperation mit dem Schulträger, der Gemeinde Hatten, über die die Schule Endgeräte zum Verleih anschafft. „Zurzeit sind aber 90 Prozent selbst finanziert“, berichtet Müller, da man die Eltern bereits bei Schulantritt darauf hinweise, sukzessive Geld für die Anschaffung zurückzulegen. Sollte der Digitalpakt im Zuge der Corona-Krise nochmals aufgestockt werden, sei es vielleicht möglich, künftig noch mehr Geräte über staatliche Mittel zu finanzieren.

Die Jahrgänge fünf und sechs sind aber keineswegs digitalfrei. „Hier arbeiten wir mit sogenannten iPad-Koffern als Set aus 15 Geräten, die die Lehrer flexibel mit in den Unterricht nehmen können“, erzählt Müller. „In diesen Jahrgängen steht der Fokus auf sozialem Lernen im Vordergrund: Gemeinschaft, Respekt, Toleranzschulung“, nennt sie Stichworte.

Alle digitalen Endgeräte werden seitens der Schule mit einem Server administriert, über den die Lehrer per Knopfdruck unterrichtsrelevante Apps auf alle Geräte spielen oder nur bestimmte Apps für Klassenarbeiten zulassen können. Über eine sogenannte Teacher-App lasse sich außerdem beobachten, was gerade auf den Endgeräten passiert.

Derzeit sind knapp 700 Geräte im schuleigenen System über iServ eingebunden, eine Kommunikations-Plattform, über die Dateien ausgetauscht und Aufgaben hochgeladen werden können. Hierüber erhalte jeder Schüler und Lehrer auch eine eigene E-Mail-Adresse. „In Zeiten des Homeschoolings waren sogar 1200 Endgeräte eingebunden, darunter auch Smartphones und heimische Laptops“, berichtet Müller.

Dass die Digitalisierung in vielen Schulen vernachlässigt worden ist, liegt aus ihrer Sicht aber nicht nur an den Behörden und Ministerien, sondern auch an den Schulen selbst. „Die Plattform iServ steht den Schulen schon seit vielen Jahren zur Verfügung. Sie müssen nur einen Zugang beantragen“, betont die Schulleiterin. Und hier setzt auch ihre Kritik an: „Wenn sich eine Schule die digitale Entwicklung nicht selbst auf die Agenda stellt, wird das auch nichts.“ Zu den Aufgaben eines Schulleiters und seines Teams gehöre schließlich auch die Qualitäts- und damit auch die digitale Entwicklung.

„Das Zauberwort für alle schulische Digitalisierung lautet Netzwerken“, verweist Silke Müller auf den Austausch mit anderen Schulen, die sich digital bereits auf den Weg gemacht haben. Nach Meinung der Rektorin sollten die Schulen „selber den Motor anwerfen“ und nicht warten, bis sie den gesetzlichen Auftrag erhalten. „Mittlerweile gibt es ein großes Angebot an digitalen Lehrerfortbildungen, Workshops, Hospitationen und vieles mehr. Wir selbst haben ein schulinternes Fortbildungskarussell entwickelt, über das sich die Mitarbeiter digital gegenseitig schulen.“ Anderen Schulen rät sie, dabei ruhig mal groß zu denken: „Nicht nur eine Projektklasse, sondern ein ganzer Jahrgang – der Aufwand ist meist der gleiche, ob ich nun zehn oder 100 Geräte administriere.“ Dabei sollten Schulen durchaus auch den Mut haben, zu scheitern: „Auch wir sind häufig erst mal gegen die Wand gelaufen.“

Den Rückzug auf datenschutzrechtliche Bestimmungen lässt sie nicht gelten. „Kultusminister Grant Henrik Tonne hat allen Schulen Rückendeckung gegeben und Module wie What’s App, Zoom, Chats oder Videocall ausdrücklich erlaubt“, betont Müller. Und über iServ sei sogar ein datenschutzrechtlich sauberer Zugriff auf Videomodule möglich.

„Wir müssen mit dem Mythos aufräumen, dass die digitale Welt eine böse Welt ist“, findet die Schulleiterin. Für sie geht es vielmehr um drei wichtige Aspekte: die Vermittlung von Informatikkenntnissen, die Vermittlung von Künstlicher Intelligenz und über allem stehend die Vermittlung von digitaler Ethik. „Unsere Kinder sind nicht nur ab und zu im Internet. Es ist doch unsere Aufgabe, sie auf die digitale Welt vorzubereiten“, sagt Müller. Schule sei schon vor 6000 Jahren dafür verantwortlich gewesen, sich der gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen: „Wir müssen die Welt der Kinder zu unserer machen – und nicht anders herum.“

Mit der Forderung, möglichst schnell zum Präsenzbetrieb zurückzukehren, verbindet Müller aber auch eine Gefahr: „Wir machen gerade so große Schritte. Meine Angst ist, dass die Corona-Zeit als Zwischenphase betrachtet wird, nicht aber als Pionierarbeit.“ Denn über den digitalen Fortschritt seien Schulen auch für andere Eventualitäten gewappnet, etwa wenn ein Kind zwei Wochen nicht zum Unterricht kommen und sich per Video zuschalten könne. Gleiches gelte für Lehrer auf Fortbildung. „Wir arbeiten bereits für die Zukunft. Wir müssen unabhängig werden von dem Gebäude Schule und auch von traditionellen Unterrichtswegen“, fordert Müller. Ihr Appell lautet demnach: „Nicht die digitalen Schotten dicht, sondern mutig voran!“

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