Felix Lingenau im WESER-Strand Interview

„Am Tischtennis fasziniert mich vor allem die Vielfältigkeit“

Seit 29 Jahren spielt Felix Lingenau beim TV Hude Tischtennis. Im Interview erzählt er uns wie er vom Handball zum Tischtennis gekommen ist und sein bereits frühes ehrenamtliche Arbeiten im Sport
11.05.2020, 10:54
Lesedauer: 7 Min
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Von Andreas Lehmkuhl
„Am Tischtennis fasziniert mich vor allem die Vielfältigkeit“

Seit 29 Jahren beim TV Hude: Felix Lingenau

INGO MOELLERS

Wie sind Sie ausgerechnet zum Tischtennis-Sport gekommen, Ihr Vater war doch Leiter der Handball-Abteilung des TV Hude?

Zuerst habe ich bei den Minis Handball gespielt, da bin ich natürlich über meinen Vater hingekommen. Später war ich über vier Jahre beim Fußball beim FC Hude. Als ich dort im Winter bei zwei Trainings hintereinander den Ball ins Gesicht bekommen habe und mit Nasenbluten nach Hause musste, habe ich damit aufgehört. Eine Weile habe ich dann auch noch Tennis gespielt. Zum Tischtennis bin ich dann, wie so viele Huder, vor allem durch das Spielen auf dem Schulhof in der Hohelucht und zum Vereinstraining über die Minimeisterschaften gekommen.

Und warum ist es dann beim Tischtennis geblieben?

Hauptsächlich wahrscheinlich, weil ich das von Anfang an gut konnte. Schon bei den Minimeisterschaften hat sich das angedeutet, da bin ich recht weit gekommen. Im Tennis war ich zwar auch gut, bin auch mehrmals Vize-Kreismeister geworden, aber nie Erster. Am Tischtennis fasziniert mich vor allem die Vielfältigkeit, gerade durch die Möglichkeiten, die die Rotation des Balles einem bietet. Das unterscheidet Tischtennis von anderen Ballsportarten. Der Spin spielt wohl nirgendwo sonst solch eine große Rolle.

Sie haben sich dann auch schon recht früh im Sport ehrenamtlich engagiert?

Als ich 14 war, wurde ich gefragt, ob ich nicht den Posten des Jugendwartes übernehmen wolle. Das wäre auch nicht mit allzu viel Arbeit verbunden, hieß es. Letztlich war dann doch viel zu tun. Das kommt aber vermutlich auch darauf an, wie man den Posten selber angeht. Und es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Damals war ich sowieso sehr, sehr viel in der Halle.

Sehr, sehr viel, was heißt das?

Freitags gab es zum Beispiel zu der Zeit von 15 bis 19.30 Uhr drei Trainingsgruppen, eine Zeit lang war ich bei allen drei Gruppen dabei, erst als Spieler, später auch mehr als Trainer. Das war dann auch meine insgesamt aktivste Zeit. Die Jugendarbeit habe ich damals zusammen mit Tim Feistel gemacht, der war genauso verrückt wie ich. Das war einfach toll, wenn zwei Leute so viel Zeit investieren und so tischtennisverrückt sind und zusammen versuchen, viel zu bewegen. In besten Zeiten hatten wir dann auch über 100 Jugendliche und elf gemeldete Nachwuchs- Mannschaften im TV Hude.

War schon damals klar, dass Sie auch beruflich in den Sport gehen wollen?

Lustigerweise gar nicht. Noch während der Abi-Zeit und auch während des Zivildienstes war ich eigentlich hundertprozentig sicher, etwas mit Mathe, Physik oder Informatik studieren zu wollen. Erst in den letzten Tagen vor Einschreibeschluss habe ich mir dann überlegt, dass ich eigentlich lieber etwas mit Menschen machen möchte, wie ich es aus dem Sport kannte. Und am allerletzten Tag der Einschreibefrist habe ich mich dann in Oldenburg für Sport und Wirtschaft immatrikuliert. Und das habe ich bisher keine Sekunde bereut.

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Nach dem Studium ging es dann zum Deutschen Ruderverband?

Ja, eigentlich hatte ich mich als Jugendsekretär beworben. Die Stelle habe ich nicht bekommen, aber mir wurde dann der befristete Posten als Referent für Leistungssport angeboten, obwohl ich mit Rudern nie zu tun hatte. Meine Aufgaben lagen aber vor allem in der Analyse und Auswertung von Trainingsergebnissen und -leistungen. Das war viel Zahlenarbeit. Tatsächlich war es dazu nicht zwingend notwendig, aus der Sportart zu kommen, wie auch später beim Deutschen Tischtennisbund.

Dort haben Sie dann direkt im Anschluss angefangen?

Genau. Die Verantwortlichen des Ruderverbandes haben mir sogar noch Tipps für das Bewerbungsgespräch gegeben. Zwischen den Sportverbänden gibt es natürlich Kontakte, sodass man mir dann auch sagen konnte, wie die verantwortlichen Leute beim DTTB so ticken. So war ich mir zum Beispiel unsicher, ob ich zum Bewerbungsgespräch bei einem Sportverband im Anzug auftauchen sollte, was mir dann aber empfohlen wurde. Meine Aufgaben dort waren dann etwas andere.

Was mussten Sie machen?

Ich war für die Organisation nationaler Turniere verantwortlich, fungierte als Helfer bei internationalen Turnieren in Deutschland und habe auch die Reiseplanung der Nationalmannschafts-Athleten organisiert, dort dann zum Beispiel für Unterbringung oder Trainingsmöglichkeiten gesorgt.

Noch vor Ablauf des dritten Jahres ging es dann aber wieder nach Hude?

Ja, damals hatten der langjährige Vorsitzende Dieter Holsten und auch die anderen Vorstandsmitglieder nicht mehr kandidiert, und der TVH fand längere Zeit keine Nachfolger und stand ohne Vorstand da. In einer Arbeitsgruppe war ich dann selber darin involviert, das Anforderungsprofil für eine Sportreferenten-Stelle zu schaffen, um die potenziellen neuen Vorstandsmitglieder zu unterstützen. Und letztlich wurde ich dann als Sportreferent eingestellt.

Was sind hier nun Ihre Aufgaben?

Vor allem die Unterstützung der Vorstandsarbeit in der Vereins-, Sport- und Organisations-Entwicklung. Das Einwerben von Projektmitteln, die Durchführung und Nachbearbeitung von Projekten und natürlich die Entwicklung der Vereinsangebote.

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Was sehen Sie als größte Herausforderung für Vereine wie den TV Hude?

Ganz klar die Förderung des ehrenamtlichen Engagements. Die Zahl der Ehrenamtlichen ist in den letzten Jahren in den meisten Bereichen enorm zurückgegangen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen es den Leuten Spaß macht, sich zu engagieren. Eine weitere Herausforderung ist die Kommerzialisierung des Sports. Gerade in den Bereichen Fitness und Gesundheitssport müssen wir uns in ehrenamtlichen Strukturen mit Profis messen. Das ist schwierig auszubalancieren.

Und was sind spezielle Herausforderungen für den Tischtennis-Sport?

Auch hier geht es darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich die Leute gerne engagieren. Früher hat es vielleicht manchmal ausgereicht, die Halle aufzuschließen und die Spieler spielen zu lassen. Das genügt nicht mehr, es gibt viel mehr Alternativ-Angebote, nicht nur im Sport. Die Zahl der Aktiven im Tischtennis wird immer kleiner. Man muss den Spielern, gerade dem Nachwuchs, etwas bieten. Eine weitere große Herausforderung ist es, den Damen-Bereich aufrechtzuerhalten. Der Anteil an Spielerinnen liegt nur noch bei etwa zehn Prozent. Das führt dann wieder dazu, dass viele Damen fast alleine in ihren Vereinen sind. Die Fahrten zu den Spielen werden immer länger, je weniger Mannschaften es gibt. Das ist ein schwer zu durchbrechender Kreislauf. Das nicht ganz abreißen zu lassen, ist schwierig, aber ganz wichtig.

Sie sind selber dem TV Hude immer treu geblieben, sind mit ihm von der Bezirksklasse bis zur Oberliga aufgestiegen, erstmals 2005, in dieser Saison wieder. Gab es auch mal Momente, in denen Sie ernsthaft über einen Wechsel zu einem anderen Verein nachgedacht haben?

Man kann sagen, dass das eineinhalbmal Thema war. Ganz konkret, als ich etwa 20 Jahre alt war, damals müssen wir Bezirksliga gespielt haben. Zu der Zeit gab es personelle Entwicklungen in der ersten Mannschaft, mit denen ich nicht einverstanden war. Wir konnten das dann aber doch noch lösen. Ansonsten wäre ich zum Delmenhorster TB gewechselt. Und vor ein paar Jahren habe ich überlegt, ob ich nicht vielleicht mal den Sprung in die Regionalliga wagen möchte, weil ich dort noch nie gespielt habe. Ich hatte damals eine recht starke Phase, in der ich mir das zugetraut hätte.

Und was wurde daraus?

Das ist dann doch nie richtig konkret geworden. Ich habe im Laufe der Zeit häufiger Anfragen von anderen Vereinen bekommen, irgendwann hörte das aber auf. Vermutlich, weil alle dachten, dass ich sowieso nie wechseln würde. Dabei wäre ich dazu grundsätzlich immer bereit gewesen. Obwohl ich noch nie woanders gespielt habe, bin ich eigentlich gar nicht so vereinstreu. Aber ich habe nie gesehen, dass es irgendwann bei einem anderen Verein besser für mich gepasst hätte als in Hude.

Was macht hier denn das Besondere aus?

Eine ganz große Stärke bei uns ist, dass wir viel als Mannschaft zusammen trainieren. Und nicht jeder nur für sich in seinem Heimatort, wie es in manchen höherklassigen Vereinen geschieht. Auch unser Systemtraining im Erwachsenen-Bereich ist etwas Besonderes. Und mir gefällt vor allem, dass wir sehr demokratische Strukturen haben. Alles wird zumindest in Teams entschieden, wie zum Beispiel auch die Mannschaftsaufstellung.

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Was ist da der Vorteil?

Wir haben hier viele Leute, die bereit sind, Aufgaben zu übernehmen und auf viele Schultern zu verteilen. Sportlich sind wir mittlerweile auch einfach sehr gut aufgestellt. Und letztlich habe ich natürlich auch viele der Menschen hier lieb gewonnen, es gibt einfach viele alte Weggefährten hier.

Gab es denn auch mal Momente, in denen der Tischtennis-Sport an sich zur Disposition stand?

Ich hatte auch schon Phasen, gerade vor ein paar Jahren, in denen ich darüber nachgedacht hatte, nicht mehr zu spielen. Oder zumindest deutlich weniger, vielleicht auch mal die Punktspiele wegzulassen. Aber als dann das erste Ligaspiel anstand, habe ich auch gemerkt, dass ich mich darauf wieder richtig gefreut habe. Natürlich verschieben sich die Prioritäten im Laufe der Zeit, und man investiert mittlerweile weniger Zeit in das Spielen an sich. Für die ganze Organisation drumherum allerdings geht eigentlich noch viel zu viel Zeit drauf.

Aber Sie sind trotzdem dabei geblieben.

Tischtennis ist einfach so vielfältig, taktisch so interessant, dass es immer noch Spaß macht und es immer wieder neue Situationen gibt. Es ist auch toll, dass man es einfach so extrem lange spielen kann. Und dass es dann auch noch so gesund ist – viele Studien belegen ja, dass auch das Gehirn durch Tischtennis jung und trainiert bleibt –, ist dabei natürlich ein glücklicher Zufall, sodass ich davon ausgehe, noch lange zu spielen.

Das Gespräch führte Andreas Lehmkuhl.

Info

Zur Person

Felix Lingenau (40)

spielt seit 29 Jahren beim TV Hude Tischtennis, über 20 Jahre davon als Leistungsträger in der ersten Herrenmannschaft. Seit 2011 ist er hauptamtlich beim TVH als Sportreferent beschäftigt. Vorher arbeitete er einige Monate als Referent für Leistungssport beim Deutschen Ruderverband und etwa zweieinhalb Jahre in gleicher Position beim Deutschen Tischtennisbund.

Info

Zur Sache

10 000 Umdrehungen pro Minute

Tischtennis gilt als die schnellste Rückschlag-Sportart der Welt. Der Ball erreicht Geschwindigkeiten von rund 150 Stundenkilometern. Durch die kurze Distanz zwischen den Spielern haben diese nur Millisekunden Zeit, um zu reagieren. Im Tischtennis ist zudem der Spin des Balles von großer Bedeutung: Das Spielgerät rotiert mit bis zu 10 000 Umdrehungen pro Minute.

Der TV Hude ist der erfolgreichste Tischtennis-Verein im Landkreis Oldenburg und Delmenhorst. Die erste Mannschaft hat in den vergangenen Jahren mehrfach den Aufstieg in die Oberliga geschafft, die zweite Mannschaft spielt nur eine Liga tiefer in der Verbandsliga. In der kommenden Saison schlägt die Truppe erneut in der Oberliga auf. Zum Kader gehören sowohl ein 13-Jähriger als auch ein 55-Jähriger.

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