Notbetreuung

Wo die Eltern an ihre Grenzen stoßen

Die Platzvergabe für Notbetreuung erfolgt für Kinder im Landkreis Oldenburg nach einheitlichen Regeln. Für Eltern ist das Managen von Familie und Job eine Herausforderung, wie eine Huder Familie berichtet.
04.05.2021, 12:48
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Harms
Wo die Eltern an ihre Grenzen stoßen

Schwierig zu vereinbaren, vor allem nach mehr als einem Jahr Corona-Krise: Homeoffice und die Kinderbetreuung. Doch nach welchen Kriterien erfolgt die Platzvergabe?

Julian Stratenschulte/dpa

Eine Controllerin und ein Ingenieur, zwei Kinder im Alter von drei und sechs Jahren – und die Corona-Krise. Bei Familie Martens aus Hude (Name von der Redaktion geändert) herrscht seit mehr als einem Jahr Ausnahmezustand. Beide Elternteile können größtenteils im Homeoffice arbeiten, „doch langsam kommen wir an unsere Grenzen“, sagt der Vater. Den ersten Lockdown habe die Familie noch gut gemeistert, doch „gleichzeitig dem Job und den Kindern gerecht zu werden, ist eine riesige Herausforderung“.

Zum Teil müssten die Eltern die Kinder schon morgens vor dem Fernseher „parken“, um überhaupt mal eine Weile konzentriert arbeiten zu können. „Das ist keine adäquate Betreuung“, findet Martens. Deshalb stellte die Familie dann doch einen Antrag auf Notbetreuung bei der Gemeinde Hude – immerhin ist die Tochter ein Vorschulkind und damit eigentlich platzberechtigt. „Wir haben für beide Kinder einen Platz bekommen – jedoch nicht in ihren eigenen Gruppen, sondern mit ihnen unbekannten Kindern und anderen Erzieherinnen“, berichtet Martens. Für ihn aus pädagogischer, aber auch epidemiologischer Sicht schwer nachzuvollziehen.

Familie Martens konnte sich mit einem eigeninitiierten „Platz-Sharing-Modell“ behelfen. Mit einer befreundeten Familie, deren zwei Kinder in dieselben Gruppen gehen, wechselt sie sich ab. So könnten die Martens-Kinder zwar nur ein- bis zweimal pro Woche zur Notbetreuung, „aber besser als nichts“.

In Hude sind nach Angaben von Fachbereichsleiterin Nicole Westermeyer von insgesamt 370 Plätzen inzwischen 357 vergeben. „Nur noch in drei Kitas gibt es wenige Restplätze.“ Teilweise müsse man sogar bereits vergebene Plätze widerrufen: Dann, wenn ein Härtefall vorliegt (zum Beispiel Kindeswohlgefährdung), eine Notsituation oder absolute Systemrelevanz. Denn: „Während der Notbetreuungsphase ist die Berufstätigkeit der Eltern in systemrelevanten Bereichen hoch einzustufen. Gleichwohl sind ebenfalls die Aspekte des Kindeswohls zu berücksichtigen. Dies wird genauestens individuell bei der Antragsstellung geprüft“, begründet Kerstin Meyer, ebenso Fachbereich Bildung und Gesellschaft, die Priorisierung bei der Platzvergabe.

Eltern, die sich über Wochen behelfen konnten, benötigten nun oft doch einen Platz, geht Westermeyer ins Detail: „Die Lage für Familien, die nun Bedarf haben, ist prekär, weil wir keine Plätze zur Verfügung stellen können.“

So läuft es in Wardenburg

Auch der Bürgermeister der Gemeinde Wardenburg, Christoph Reents, berichtet auf Nachfrage, dass der Bedarf steigt und teilweise Wartelisten für die Notbetreuung angelegt werden mussten.

In Zahlen: 316 Notdienstplätze in gemeindlicher Trägerschaft konnte Wardenburg einrichten. Doch Reents hat auch Positives mitzuteilen: „In manchen Einrichtungen scheinen sich viele Eltern gut auf die Situation eingestellt zu haben. Hier konnten alle eingegangenen Anfragen positiv beantwortet werden – das ist in Achternmeer und Littel der Fall.“ Eine schematische Platzvergabe könne er nicht beschreiben: „Es wird immer die Gesamtsituation der Familien in Verbindung mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten berücksichtigt.“ Das erfolge in den Wardenburger Kitas sehr gewissenhaft.

Info

Zur Sache

Regeln für die Vergabe der Notbetreuungsplätze

Kinder mit Eltern in systemrelevanten Berufen bekommen einen Notbetreuungsplatz. Doch welche Kriterien werden noch herangezogen? Martin Ahlrichs vom Jugendamt des Landkreises erklärt: „Wir haben die Vergabe mit den kreisangehörigen Kommunen abgestimmt. Letztlich entscheidet der Träger, ob ein Kind einen Platz bekommt.“ Übersetzt heißt das: In den meisten Fällen bestimmen die Gemeinden.

Laut Kriterienkatalog können Kinder aufgenommen werden, bei denen ein Unterstützungsbedarf, insbesondere ein Sprachförderbedarf, besteht oder die zum kommenden Schuljahr schulpflichtig werden. Zulässig sei auch die Betreuung in Härtefällen, also dort, wo es für das Kindeswohl erforderlich ist sowie bei drohender Kündigung oder erheblichem Verdienstausfall für mindestens ein Elternteil. Ahlrichs geht ins Detail: „Ob Kinder aller genannten Gruppen in die Notbetreuung aufgenommen werden können, hängt von den örtlichen Kapazitäten ab.“

Der Jugendamtsleiter kennt die verzwickte Situation der Eltern. Das sei jedoch leider ein „kaum aufzulösender Interessenausgleich zwischen Infektionsschutz und den Bedarfen der Kinder“. Das sei auf örtlicher Ebene nicht zu lösen. Denn: „Es wird ja keiner erwarten können, dass wir gegen die Verordnung verstoßen.“

Weitere Informationen

In jeder Notbetreuung dürfen abhängig vom Alter der überwiegend betreuten Kinder maximal acht Kinder (Krippengruppen), 13 Kindergartenkinder oder zehn Hortkinder betreut werden. Die Anzahl der Notgruppen ist nicht begrenzt, sofern die räumlichen und personellen Rahmenbedingungen eingehalten werden können. In jedem Fall gilt: Wo eine anderweitige Betreuung sichergestellt werden kann, sollen Kinder zu Hause betreut werden.

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