Porträt

Stille als Kraftquelle

Pfarrer Michael Lupas nimmt Abschied von Hude, um in der Pfalz eine neue Pfarrstelle anzutreten. Er geht mit weinendem und lachendem Auge. Vermissen wird er einige Menschen, aber auch die St.-Elisabeth-Kirche.
09.01.2019, 17:40
Lesedauer: 4 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten

In der Stille geht der Lärm oft erst los. Stille ist wie Wasser, in das man einen Stein wirft. „Es braucht Zeit, bis es zur Ruhe kommt“, sagt Michael Lupas. Der Huder Pfarrer spricht aus Erfahrung. Gerade erst ist er aus einer viertägigen Kontemplation in einem Kloster zurück. Diese Einkehr in die Stille ist für ihn inzwischen ein Ritual, dem er seit 2002 immer zum Ende eines Jahres nachgeht. Er nutzt die Zeit, um das Geschehene der vergangenen zwölf Monate Revue passieren zu lassen und in den Blick zu nehmen, was kommt. „Daraus ziehe ich Kraft und Motivation“, sagt Lupas.

In seiner diesjährigen Kontemplation gab es für den Huder Pfarrer besonders viel nachzudenken. Denn er steht vor einer großen Zäsur. In wenigen Wochen verlässt er die Klostergemeinde und geht in die Pfalz. In einem Vorort von Ludwigshafen tritt Michael Lupas zum 1. Februar eine neue Pfarrstelle bei der protestantischen Landeskirche der Pfalz an. Er hält es hierbei wie der Schriftsteller Martin Walser, der einmal sagte: „Den Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“ So könne Lupas heute zwar noch nicht sagen, wie sein übernächster Schritt aussehe, aber zumindest kenne er den nächsten. Und dieser führe ihn in die Pfalz. Seine feierliche Verabschiedung aus Hude ist bereits an diesem Sonntag, 13. Januar, um 17 Uhr in der St.-Elisabeth-Kirche mit einem musikalischen Gottesdienst – so wie es sich der Pfarrer gewünscht hat.

Das passt. Denn als Michael Lupas vor gut achteinhalb Jahren nach Hude kam, führte er diese Art des Gottesdienstes in der evangelischen Kirchengemeinde ein. Seither gibt es sieben bis acht Mal im Jahr musikalische Gottesdienste – mal mit dem Gospelchor, mal mit dem Katharinenchor und mal mit der Pop-Kantorei. „Diese Gottesdienste sind nicht vom Wort dominiert. Das Wort kann nachklingen, es findet in der Musik Resonanz“, erklärt Pfarrer Michael Lupas, der für seine Gottesdiensten stets vorher die Uhr ablegt. Denn er will kein Getriebener der Zeit sein, insbesondere nicht in seinen Predigten. Ohne Uhr am Handgelenk, das hilft ihm. „Dann gehöre ich ganz dem Moment.“

Auch wenn die Verabschiedung des Pfarrers offiziell erst an diesem Sonntag ist, läuft seine Abschiedstournee durch die Klostergemeinde bereits eine Weile. Dabei habe er gemerkt, dass ihm einige Menschen fehlen werden. „Das ist so, wenn man mit dem Herzen bei der Sache ist“, meint Lupas. Hude sei eine tolle Gemeinde. „Die Menschen wissen um ihre Wurzeln, sind aber auch verstädtert. Sie sind traditionsbewusst, aber nicht engstirnig“, betont der Pfarrer. Vermissen werde er auch die St.-Elisabeth-Kirche. „Sie ist ein Kleinod.“ So etwas wird Michael Lupas in seiner neuen Kirchengemeinde nicht haben. Dort erwartet ihn ein 1960er-Jahre-Bau. Dieser ist denn auch nicht der Grund, wieso Lupas Hude den Rücken kehrt. „Ich gehe nicht weg, weil ich muss oder fliehen möchte“, sagt der Geistliche. Im Gegenteil. Er fühle sich in Hude wohl. „Ich bin hier richtig angekommen.“ Und trotzdem zieht es ihn fort. Der Liebe wegen. Denn seine Lebensgefährtin, die als Trauerbegleiterin arbeitet, hat einen Job in Mannheim. „Sie ist der Auslöser, aber ist nicht schuld“, betont Lupas. Beide hätten zwar auch überlegt, in Hude zu bleiben. Doch es sollte anders kommen. Denn in diese Entscheidung hinein spielte auch die Lust, noch einmal etwas Neues zu beginnen. „Wenn ich noch mal aufbrechen will, dann jetzt“, meint Lupas, der in diesem Jahr seinen 56. Geburtstag feiern wird.

Schon immer sei der gebürtige Südniedersachse jemand gewesen, der sich gern in verschiedenen Kontexten bewegt. Das habe schon früh angefangen. Als Schüler verbrachte er beispielsweise ein Jahr in den USA. Während seines Theologiestudiums ging er für ein Jahr an die Universität in Montpellier – ein Jahr, das ihn sehr prägte. „Die Fakultät war so, wie man es sich vorstellt. Jeder kannte jeden. Jeder duzte sich. Eine Katze lief durch den Hörsaal und die Palme steht vor der Tür. Das war alles weit weg von den Massenunis in Deutschland“, erinnert sich Lupas. Die Liebe zu Frankreich, die damals entstand, hat sich der Pfarrer bis heute bewahrt. Ein Punkt, der sicher auch für den Jobwechsel in die Pfalz sprach. „Man fährt nur drei Stunden mit dem Zug bis nach Paris“, weiß Lupas. Zudem liege das Elsass direkt vor der Tür. Wenn er in der Pfalz ist, will er diese Nähe nutzen, auch wenn auf den Pfarrer in seinem neuen Job sicher viel Arbeit wartet. „Diesen Freiraum muss man sich schaffen“, erklärt der Pfarrer. Er sei fest entschlossen, sich diesen Ausgleich zu nehmen. Ausnutzen möchte er auch die Nähe zu den Bergen der Pfalz, die direkt vor der Tür liegen. „Ich bin mit Wandern groß geworden“, erzählt Lupas. Außerdem sei er in der Kindheit immer viel Rad gefahren, was er nun wieder forcieren will. Das hat er zwar auch in Hude getan. Anders als in der Klostergemeinde wird er in seiner neuen Heimat jedoch ein Rad mit Gangschaltung brauchen. Darauf freut er sich schon jetzt. Beides, das Wandern und Radfahren, werde er genießen. „Es ist nicht der Grund zu gehen, aber eine nette Begleiterscheinung“, sagt Michael Lupas.

Bei all den Veränderungen, die auf den Pfarrer zukommen werden, wird sich eines sicher nicht ändern. Egal ob in Hude oder der Pfalz – Michael Lupas wird sich seine Zeit der Stille nehmen. Nicht nur einmal im Jahr für ein paar Tage, sondern jeden Tag. Für eine halbe Stunde geht der Pfarrer nämlich jeden Tag in die Stille. Er liest ein Wort, das ihn den Tag über begleiten wird. „So finde ich in den Alltag“, sagt Lupas. Das sei seine bescheidene Art, den Tag zu beginnen.

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