Kammermusikkonzert

Klangbalance vierer Stimmen

Das Aris Quartett begeistert mit seinen zwei Auftritten in der Kreismusikschule in Wildeshausen das Publikum. Im Programm hatten sie Quartette von Beethoven und Haydn, die virtuos gespielt wurden.
25.10.2020, 16:33
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Günter Matysiak
Klangbalance vierer Stimmen

Nach 2016 noch einmal in Wildeshausen: Dieses Mal ließ das Aris Quartett in einem coronabedingten, zeitlich beschränkten Programm am Sonnabend gleich zwei Mal Quartette von Beethoven und Haydn einander begegnen.

Ingo Möllers

Das Streichquartett ist „die edelste Formgattung, nicht nur der Kammermusik, (…), sondern der Instrumentalmusik überhaupt“. Das meinte ein Musiklexikon im Jahr 1865. Vom hohen intellektuellen Anspruch, den das Streichquartett an den Hörer stellt, spricht auch ein Satz Beethovens, den er in Verbindung zu seinem f-Moll-Quartett op.95 an einen Sir George Smart in London richtete: “Dies Quartett ist geschrieben für einen kleinen Kreis von Kennern und darf nicht öffentlich aufgeführt werden.“ Diese intime, ja fast geheime Kunst mit ihrer dem Wesen der Harmonie optimal entsprechenden Vierstimmigkeit forderte fast jeden Komponisten seit Joseph Haydn, der als Vater und „Erfinder“ des Streichquartetts gilt, zu kompositorischen Höchstleistungen heraus. Auch Komponisten, die ansonsten auf ganz anderem Terrain tätig waren, wie Wagner oder Verdi, sahen sich quasi verpflichtet, wenigstens ein Streichquartett zu komponieren.

Haydn, Mozart und Beethoven können, ohne zu übertreiben, als die Dreieinigkeit klassischer Streichquartettkunst gelten, wobei Beethoven in Haydns und Mozarts Quartetten einem gleichermaßen erdrückenden wie motivierenden Erbe begegnete. Da lag es auch nahe, dass im Kammerkonzert, zu dem der Kulturkreis Wildeshausen am Sonnabend in den Musikschulsaal eingeladen hatte, in einem coronabedingten, zeitlich beschränkten Programm Quartette von Beethoven und Haydn sich begegneten. Eingeladen war zum zweiten Mal seit ihrem ersten Auftritt 2016 das Aris Quartett. Es spielt seit 2009 mit Anna Katharina Wildermuth (Violine), Noémi Zipperling (Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) und hat sich mit vielen Wettbewerbspreisen, darunter fünf Preise beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD, Weltgeltung erspielt. Es gehört auch mit seinen fünf vielbeachteten CD-Produktionen zu den Besonderen ihres Faches. Was den Abend zu einer aufregenden Begegnung mit der Gattung Streichquartett machte.

Das Aris Quartett begann sein Programm mit Haydns Quartett D-Dur, dem vierten aus den sechs Quartetten op. 20, komponiert 1773. Gleich der Beginn des Allegro di molto überschriebenen ersten Satzes begann mit einem geheimnisvollen, ganz zauberhaften „Anklopfen“ und ganz erschreckenden, heftig akzentuierten fortissimo-Akkorden. Was gleich hier zu fesseln wusste, war eine wunderbare Klangbalance, in dem der Unterschied von Haupt- oder Nebenstimme keine Bedeutung mehr hatte, weil jede der vier Stimmen ihre eigene Gewichtigkeit erhielt. Das geschieht auf der Basis einer erstaunlichen Klangfarbigkeit und -sinnlichkeit. Das ließ aus der Affetuoso-Vorschrift des langsamen Variations-Satzes eine nicht weniger als zärtliche Musik werden, an der jede noch so feine melodische Geste schmeichelnd teilhatte. Das ging unter die Haut. Quartett-Brillanz gab es im synkopisch-„verwirrten“ Menuetto alla zingarese, in dem die Violoncello-Achtel wieder für metrische „Ordnung“ sorgen. Witzig-spritzig und hochvirtuos dann der Presto e Scherzando-Schlusssatz. Und sein Ende war wieder ganz zauberhaft wie ein ruhiges Ausatmen nach all dem virtuosen Schwung.

Beethovens letzte Quartette werden gerne als schwer verständlich apostrophiert. Man hat aber das hier gespielte Es-Dur Quartett op. 127 auch „ergreifende Apotheose des Gesanges“ genannt. Und es war gerade die genannte Ausformung jeder einzelnen Stimme, jeder melodischen Geste, die nicht nur den langsamen Satz zu einem Wunder an innigster Kantabilität werden ließ. Dabei wurde gleich im ersten Satz auch mit Ecken und Kanten gespielt, es wurde Beethovens Ruppigkeit deutlich gemacht, in der es immer wieder Momente der Zerbrechlichkeit gab. Im Adagio man non troppo mit seiner atemraubend ruhevollen Ausstrahlung konnte man die Kunst der Tongestaltung fast am einzelnen Ton nachverfolgen. Das Scherzo war Musik für vier Streicher und wohl tausend Klangfarben, und es war Musik voller heftiger Ausbrüche und drängender Energien. Im Allegro-Finale ließ man es Singen und Toben – und es tobte auch im Pianissimo. Alles war eingefangen in organisch-lebendigem, musikalischem Fließen.

Begeisterter Beifall vom zahlenmäßig beschränktem Publikum bei der zweiten Veranstaltung an diesem Sonnabend und Erwin Schulhoffs „Tschechischer Tanz“ als expressionistisch-wilde Zugabe. Zu danken ist dem Kulturkreis Wildeshausen, der die derzeitigen Mühen nicht gescheut hat, Musikern die Gelegenheit zum Auftreten zu geben und seinem Publikum die Gelegenheit, lebendige Musik zu erleben.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+