Porträt Heinz Rigbers

Der Kinosaal als zweites Wohnzimmer

Schon seit seiner Kindheit dreht sich bei Heinz Rigbers, Betreiber des Lili-Servicekinos in Wildeshausen, alles ums Kino. In 42 Berufsjahren hat er große Veränderungen in der Branche erlebt.
02.05.2019, 07:00
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Der Kinosaal als zweites Wohnzimmer
Von Jochen Brünner
Der Kinosaal als zweites Wohnzimmer

Zeit seines Lebens schlägt Heinz Rigbers' Herz für das Kino. Der Betreiber des Lili-Servicekinos in Wildeshausen stand schon als Zwölfjähriger am Projektor.

Ingo Möllers

Wenn Heinz Rigbers, seit vielen Jahren Betreiber des Lili-Servicekinos in Wildeshausen, an sein erstes Kinoerlebnis denkt, fallen ihm die Karl-May-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker ein. Und auch sein erklärter Lieblingsfilm ist dem Western-Genre zuzuordnen: „Spiel mir das Lied vom Tod“ habe ich bestimmt 30 bis 40 Mal im Kino gesehen“, sagt er. „Die Kameratechnik, die Aufnahmen und die Musik begeistern mich noch heute.“ Aber auch die leicht subversiven Filme Quentin Tarrantinos mag er sehr gern.

Schon seit seiner Kindheit dreht sich bei dem heute 59-Jährigen alles ums Kino, der Saal des Lili-Kinos ist quasi zeit seines Lebens sein zweites Wohnzimmer. „Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen, die die Gaststätte “Lindenhof„ im Erdgeschoss betrieben hat. Und mein Onkel hatte das Kino.“ Schon als Zwölfjähriger stand Heinz Rigbers bei den Jugendvorführungen am Projektor, 1977 – im Alter von 17 Jahren – hat er sein Hobby dann zum Beruf gemacht und eine Stelle als Theaterleiterassistent im ehemaligen Regina-Kino in Bremen-Walle angetreten. Vier Jahre später – mit 21 – leitete der Wildeshauser mit dem Europa, dem City, der Schauburg, dem Modernes und dem Regina bereits fünf Kinos in der Hansestadt.

Das Geschäft lief, bis das CinemaxX und die aufkommenden Multiplex-Kinos dem Europa in den 1990er Jahren 80 Prozent seiner Zuschauer gekostet haben. Mit dem One-Dollar-House im ehemaligen City-Kino und dem Konzept, Filme einige Wochen nach dem Bundesstart zu günstigen Preisen zu zeigen, schuf sich Rigbers eine neue Nische. „Das hat erst richtig gut funktioniert, aber irgendwann haben die Verleiher nicht mehr mitgespielt“, erklärt er.

Ambitionen, ein Multiplex-Kino zu leiten, habe er allerdings nie gehabt. "Ich habe mich in den kleinen Häusern immer wohler gefühlt. Und heute kann ich sagen: zum Glück“, sagt Rigbers. Denn inzwischen machen Streaming-Dienste wie Netflix sowie immer größere und bessere TV-Geräte den Kino-Betreibern das Leben schwer.

Die „Lindenhof Lichtspiele“ in Wildeshausen hat Rigbers 1990 von seiner Tante übernommen und in den ersten Jahren nebenbei betrieben. Damals sollte das Haus eigentlich geschlossen werden. Er hat die Zahl der Plätze von 230 auf 130 reduziert und den Saal zum Servicekino umgestaltet.

Bevor aus dem Haus 1952 ein Kino wurde, gehörte der Saal viele Jahre lang zur Gaststätte. „Unten war die Kneipe, und oben war der Tanzsaal“, erklärt der Kino-Betreiber. Und welchen Stellenwert die Gastwirtschaft Ende des 19. Jahrhunderts hatte, zeigt die Tatsache, dass das Gebäude eines der ersten Häuser in der Wittekindstadt war, das mit elektrischem Licht ausgestattet war. Der erste Film flimmerte 1898 über die Leinwand.

2010 wurde aus den "Lindenhof Lichtspielen" dann das Lili-Servicekino, 2012 haben Rigbers und sein Kompagnon Michael Prochnow auf digitale Projektionstechnik umgestellt. Technisch auf dem neuesten Stand zu sein, ist ihm immer wichtig gewesen: „In den 90er Jahren waren wir das zweite Kino in Niedersachsen mit Dolby-Digital-Sound. Heute sind wir mit dem 4K-Bildstandard und einem 7.1-Sound unterwegs."

In den 42 Jahren, in denen Rigbers inzwischen im Geschäft ist, hat sich das Kino-Geschäft grundlegend verändert. „Dr. Schiwago lief im Regina zwei Jahre am Stück. Heute werden die Blockbuster gegebenenfalls in vier oder fünf Sälen gleichzeitig gezeigt und sind auch schnell wieder verschwunden“, sagt Rigbers. „Früher haben wir mit zwei Projektoren und Überblendung gearbeitet. Alle 20 Minuten musste die Rolle gewechselt werden. Und es war eine elende Schlepperei, denn ein einziger Film wog gut und gerne 25 Kilogramm“, erinnert sich der Kino-Freak, der seit 30 Jahren zu den Stammgästen auf der Berlinale gehört.

Heute läuft alles weitgehend automatisch. Die Filme kommen auf Festplatte, sind verschlüsselt und werden zu den beim Verleih gebuchten Zeiten freigeschaltet. Lediglich einmal in der Woche setzt sich Rigbers noch an den PC, um das Programm zusammenzustellen. Doch auf die Kino-Nostalgie mag der 59-Jährige nicht ganz verzichten: „Die meisten anderen Kinos haben ihre alten Projektoren entsorgt. Wir zeigen drei bis viermal im Jahr mal Film-Klassiker auf 35 Millimeter – etwa „The Big Lebowski“ oder „Die unendliche Geschichte“. Obwohl es immer schwieriger werde, noch an die entsprechenden Kopien zu kommen.

Etwa 25 000 Zuschauer besuchen jedes Jahr das Lili-Servicekino. Vor allem das Filmkunst-Programm hat sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt, sodass die Besucher nicht mehr nur aus Wildeshausen, sondern aus dem gesamten Landkreis kommen. „Auf Blockbuster können auch wir nicht komplett verzichten, aber ich finde es wichtig, auch Filme zu zeigen, die sich nicht unbedingt am Massengeschmack orientieren“, erklärt Rigbers. So beschert das Marvel-Spektakel „Avengers: Endgame“ der Branche gerade das größte Geschäft seit langem. „Den Film haben in Deutschland an den ersten vier Tagen 1,5 Millionen Menschen gesehen“, weiß der Kino-Chef.

Neben Reise- und Dokumentationsfilmen gibt es auch immer wieder Live-Übertragungen, unter anderem von den Bayreuther Festspielen oder aus der Berliner Philharmonie. Die Nordmedia hat das Lili-Servicekino mehrfach für sein außergewöhnliches Gesamtprogramm geehrt, und im März haben Rigbers und Prochnow gerade den Wirtschaftspreis 2018 der Mittelstandsvereinigung Wildeshausen (MIT) entgegen genommen.

„Egal, ob es das Fernsehen oder später das Video-Zeitalter war: Das Kino wurde schon so oft totgesagt und hat bislang trotzdem sämtliche Krisen überstanden“, sieht Rigbers die Entwicklung einigermaßen gelassen. Auch die große Zeit der Multiplex-Kinos ist seiner Ansicht nach inzwischen wohl bereits vorbei. „Der neueste Trend in den Großstädten sind die sogenannten ‚Premium-Kinos’ mit bequemen Ledersesseln und Service am Platz. Und das ist nicht so weit von dem Konzept entfernt, wie wir es in Wildeshausen seit knapp 30 Jahren anbieten.“

Und Rigbers betont: „Es macht immer noch Spaß.“ In diesem Jahr freut er sich unter anderem auf den Elton-John-Film „Rocket Man“, auf „Yesterday“, eine Komödie mit Beatles-Songs sowie die Real-Verfilmung des „Königs der Löwen“. Bevor mit der „Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers“ der Star-Wars-Reihe gegen Ende des Jahres wieder Blockbuster-Freunde bedient werden.

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