Starthilfe für das Berufsleben

Die Brückenbauer

Der Übergang von der Schule in das Berufsleben ist nicht immer leicht. In Wildeshausen wollen die Paten der Ausbildungsbrücke jungen Menschen bei diesem Schritt helfen. Einer der Ehrenämtler ist Gerold Bruns.
30.10.2018, 15:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Struß
Die Brückenbauer

Sie schlagen eine Brücke von der Schule hinein in das Berufsleben: Ausbildungspate Gerold Bruns (links) und Koordinator Ralph Peter Mallonn. Die Patenschaft kann bis zu fünf Jahre bestehen.

INGO MÖLLERS

Wildeshausen. Geht die Schulzeit ihrem Ende entgegen, stehen junge Menschen vor einer echten Gretchenfrage. Wie soll es weitergehen? Welcher Beruf soll ergriffen werden? Diese Frage beschäftigt gerade auch Gerold Bruns, obwohl dieser als junger Pensionär sein Berufsleben schon beendet hat. Doch es geht nicht um ihn. Bruns ist ehrenamtlicher Pate der „Ausbildungsbrücke“, einer bundesweiten Initiative der Diakonie. Bereits seit zwei Jahren unterstützt er einen Hauptschüler in Wildeshausen. Dieser hat nun sein letztes Schuljahr begonnen und muss sich bald auf Ausbildungsplätze bewerben. Bruns ist optimistisch: „Wir packen das!“

Natürlich wäre es auch für ihn selbst ein Rückschlag, wenn der Schritt nicht gelingt, gibt Bruns zu. Doch diese Aussicht erscheint ihm sehr abwegig, er sieht den Schüler auf einem guten Weg. Dieser hat bereits in das Berufsleben hineingeschnuppert, absolvierte Praktika bei einem Elektrohändler, in einem Handwerksbetrieb und in einem Supermarkt. „Ich kann zwar Kontakte knüpfen, bewerben muss er sich aber selber“, erklärt Bruns. So war es bei den Praktika und so wird es auch bei der Ausbildungssuche sein. „Ich stelle ihm keinen Freibrief aus“, betont Bruns.

Musterbeispiel für gute Patenschaft

Der junge Rentner war zuletzt im Außendienst tätig, hatte viel Kontakt zu Kunden. Diese Erfahrung im Umgang mit Menschen will er nun weitergeben. „Die ersten Treffen hatten etwas von klassischer Verkaufsschule“, berichtet er. Es geht darum, offen auf Menschen zugehen zu können, sich nicht zu verkriechen. „Er tritt nun viel selbstbewusster auf, die Körpersprache ist besser als vor zwei Jahren“, sagt Bruns. Im Fokus steht die Vermittlung sozialer Kompetenzen. Bruns gibt keine Nachhilfe, bessere Schulnoten werden eher indirekt erreicht.

„Diese Patenschaft ist bislang ein echtes Musterbeispiel“, freut sich Ralph Peter Mallonn. Er ist der Koordinator der Ausbildungsbrücke in Wildeshausen, stellt den Kontakt der Paten zu den Schülern her und ist Ansprechpartner für die Schule. „Die Paten müssen aber darauf gefasst sein, dass es nicht so gut läuft und der Kontakt vom Schüler ohne Weiteres abgebrochen wird“, erläutert er. Das sei zwar sehr schade, letztlich beruhe die Patenschaft aber auf Freiwilligkeit.

Die Ausbildungsbrücke verfolgt ein langfristig ausgelegtes Konzept. Die Patenschaft beginnt schon in der 8. Klasse, drei Jahre bevor die Jugendlichen ihren Schulabschluss machen. Die erste Einschätzung macht immer der Klassenlehrer. Dieser beurteilt, ob es die Schüler durch eine problematische Lage in der Familie schwer haben könnten. Diesen Nachteil sollen dann die Paten ein wenig kompensieren. Auch wenn es gelingt, nach der Schule direkt einen Ausbildungsplatz zu finden, bleiben die Paten weiter an der Seite der jungen Menschen. „Insbesondere im ersten Lehrjahr ist die Abbrecherquote sehr hoch“, erklärt Mallonn. Die Patenschaft bleibe deshalb oft noch ein bis zwei weitere Jahre bestehen. Insgesamt könne die Unterstützung bis zu fünf Jahre andauern.

Viele brechen Ausbildung ab

Die geschlagene Brücke ragt also in das Berufsleben hinein. Dass die Ausbildung kein Selbstläufer ist, verdeutlicht ein Blick auf die Zahlen. Im Jahr 2016 lösten in ganz Deutschland 25,8 Prozent der Azubis ihren Vertrag vorzeitig auf. Die Quote liegt so hoch wie zuletzt Anfang der 1990er Jahre. Bei den Auszubildenden mit einem Hauptschulabschluss lag der Anteil der Abbrecher gar bei 38,2 Prozent. Diese Zahlen gehen aus dem aktuellen Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hervor. Die Experten weisen darauf hin, dass eine hohe Abbrecherquote immer dann zu verzeichnen sei, wenn das Angebot an Ausbildungsplätzen für die Berufseinsteiger gut ist.

Die Ausbildungsbrücke ist deutschlandweit in 75 Städten mit 1300 ehrenamtlichen Paten aktiv. In Wildeshasuen sind es 18. Auch in Bremen gibt es das Patenmodell der Diakonie, in Delmenhorst allerdings nicht. „Die Grundlage ist immer eine enge Kooperation mit der Schule“, erklärt Mallonn. Oft sind es engagierte Lehrer, die von dem Modell überzeugt sind und als Koordinatoren die ehrenamtliche Arbeit anstoßen. So war es 2009 auch an der Hauptschule Wildeshausen. Der Lehrer, der damals das Projekt begann, ist inzwischen in Rente. Mallonn übernahm vor drei Jahren die Aufgabe des Koordinators.

Eins ist Mallonn wichtig: „Wir wollen anderen Initiativen keine Konkurrenz machen.“ Denn einige Schulen setzen auch bezahlte Paten ein. So auch die Hauptschule West in Delmenhorst. Diese arbeitet derzeit mit der „Stiftung Grone Schule“ zusammen. Das Konzept ist ähnlich: Die Hilfe beginnt ebenfalls in der 8. Klasse und ist langfristig ausgelegt. „Das ist an sich eine sehr gute Sache. Diese zeitintensive Arbeit können die Lehrer nicht leisten“, sagt Jan Steen, Schulleiter der Delmenhorster Schule. Die enge Verzahnung mit dem Arbeitsmarkt sei das A und O an einer Hauptschule.

Probleme in Delmenhorst

Doch restlos zufrieden ist Steen mit der Berufseinstiegsbegleitung an seiner Schule nicht. Denn diese werde durch Mittel des Bundes finanziert, das Projekt werde stets neu ausgeschrieben. In den vergangenen zwölf Jahren habe die Hauptschule so schon mit drei unterschiedlichen Partnern zusammengearbeitet. „Die Kinder brauchen Vorbilder, da ist die Verlässlichkeit sehr wichtig“, erklärt Steen. Die Paten würden aber häufig wechseln, auch innerhalb der einzelnen Partner. „Die Kontinuität ist nicht gewährleistet“, kritisiert Steen. Hinzu kommt die Unsicherheit, ob der Bund wieder die Mittel bereitstellt.

Bruns ist es gelungen, nach zwei Jahren ein Vertrauensverhältnis zu dem Schüler aufzubauen. Den Kontakt hält er per Whatsapp, alle zwei Wochen treffen sich die beiden in einem Café. „Manchmal geht es auch um ein paar Lebensweisheiten“, verrät er.

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