Konzert in Alexanderkirche

Ein ganzes Spektrum an Leidenschaften

Sopranistin Regula Mühlemann begeisterte am Sonnabend in der Alexanderkirche in der Rolle der „Cleopatra“.
22.09.2019, 16:16
Lesedauer: 3 Min
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Von Günter Matysiak

Regula Mühlemann ist Cleopatra: Die Stolze, die Bittende, die Leidenschaftliche, die Warmherzige. Und sie verkörpert die Vielschichtigkeit der altägyptischen Pharaonentochter und Herrscherin allein mit ihrer faszinierenden Stimme. Wenngleich man nicht verschweigen sollte, dass sie der historischen Cleopatra ähnelt, dass sie bei deren viel gepriesener Schönheit wohl mithalten kann, auch wenn sie am Sonnabend in der Alexanderkirche nicht ganz cleopatraähnlich gestylt war wie auf dem Programmflyer.

Regula Mühlemann trat mit ihrem Projekt „Cleopatra – um jeden Preis“, das sie gemeinsam mit dem La Folia Barockorchester und dessen Leiter, dem Geiger Robin Peter Müller, entwickelt hat, im Rahmen der 33. Niedersächsischen Musiktage auf. Die stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Mut“. Und Cleopatra hat immerhin 80 Komponisten – hier sei einfach mal behauptet, es waren durchweg Männer – dazu verführt, dieser mutigen Frau mit einer Oper ein Denkmal zu setzen.

Das Orchester, das auf alten Instrumenten und in historisch orientierter Spielweise agiert, wird von Robin Peter Müller vom ersten Geigenpult aus geleitet. Es begann den Abend mit der „Sinfonia“ (so nannte man damals die Ouvertüre) aus Carl Heinrich Grauns (1704-1758) Oper „Cleopatra und Cesare“. Es war ein rasanter Anfang. Der Klang des Orchesters war funkelnd, auch mit den in der alten Spielweise üblichen, natürlichen Geräuschanteilen. Auch rhythmisch herrschte Hochspannung mit scharfen Punktierungen, markanten Akzenten, federnden Auftakten. Dabei konnte jeder einzelne Ton seine liebevolle Modellierung erfahren. Auch im fugierten Mittelteil herrschte eine feine Melodieformung voller dynamischer Beweglichkeit.

Regula Mühlemann hatte ihren ersten Auftritt mit der Arie „Tra le porcelle assorto“ aus dieser Oper. Und sie präsentierte sich vom ersten Ton an mit einer Stimme, die unweigerlich Gänsehäute erzeugte. Es gibt ja Leute, die mögen keine Sopranstimmen. Die müssten von einer solchen Stimme eigentlich bekehrt werden. Mit welch warm glänzender Leichtheit da die abenteuerlichsten Koloraturen perlten, leichter sich verströmend noch als bei der großen Koloratur-Sopranistin Cecilia Bartoli. „Höhenflüge“ gerieten mit kraftvoller Sicherheit, auch hier herrschte hohe rhythmische Gespanntheit. Bei aller Leichtigkeit des Singens lud Regula Mühlemann die Musik immer auch mit emotionaler Erregtheit auf.

Ihre sängerische Virtuosität ging auch einher mit lyrischer Wärme und sich verströmender Zärtlichkeit, wie es in Giovanni Legrenzis (1626-1690) Arie „Se tu sarai felice“ aus „Antioco il Grande“ zu erleben war. Als instrumentale Intermezzi zwischen den Cleopatra-Arien waren Antonio Vivaldis (1678-1741) Violinkonzert D-Dur mit dem Titel „Il grosso mogul“ oder die Sinfonia aus Johann Adolf Hasses (1699-1783) „Serenata Marc Antonio e Cleopatra“ geschickt ausgewählt. So konnte Robin Peter Müller sich als Solist mit feinem Ton, artikulatorischer Brillanz und sprechender Expressivität präsentieren. Diese Violinkünste steigerten sich in Francesco Geminianis (1687-1762) „La Follia“-Variationen nach Corellis La Follia“-Violinsonate op.5 zu Teufelsgeiger-Künsten, die eingebettet waren in aufregende Orchesterbravour. Die Hasse-Sinfonia spielte das Orchester mit frühklassischer Eleganz und mit ausstrahlender Spielfreude.

Für die Hasse-Arie und die noch folgenden Arien von Scarlatti, Vivaldi oder Händel bot Regula Mühlemann ein ganzes Spektrum an Leidenschaften von der Extase, immer verbunden mit vokaler Schönheit, bis hin zu tiefer Trauer. All das mit einer Stimme voller Ebenmaß, rein und fast ohne Vibrato, das allenfalls als zarte Verzierung am Ende einer der Legatolinien erschien.

Ein wunderbarer Abend mit Riesenbeifall. Die erste Zugabe war ein geistreicher Spaß: Cleopatras Arie „Quando Voglio“ aus Antonio Sartorios Oper „Giulio in Egitto“ begann wie eine Canzone von Paolo Conte. Katerina Ghannudi sang mit rauem Timbre und begleitete sich an ihrer Harfe. Dann übernahm Regula Mühlemann den Gesangspart und alles war mit Orchester wieder beim Alten. Das Publikum wollte noch mehr und bekam Johann Matthesons „Mein Leben ist hin“ als anrührend schöne Abschiedsmusik.

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