Prozess am Amtsgericht Wildeshausen Nur noch bruchstückhafte Erinnerung

Wegen gefährlicher Körperverletzung standen am Mittwoch zwei ehemalige Türsteher der Dico „Five Elements“ in Wildeshausen vor Gericht. Der Geschädigte selbst wusste von dem Abend nicht mehr viel.
23.01.2019, 16:08
Lesedauer: 4 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten

„Solche Situationen erleben wir fünf, sechs Mal am Abend“, sagte der 25-jährige Türsteher. Bei Prügeleien, Pöbeleien oder sonstigen Übergriffen gehen Security-Mitarbeiter in Diskotheken dazwischen. Am 2. Dezember 2017 eskalierte jedoch offenbar in der Diskothek „Five Elements“ in Wildeshausen eine dieser Situationen und endete für den 25-Jährigen und seinen 37-jährigen Security-Kollegen vor dem Amtsgericht Wildeshausen. Weil sie einen 25-jährigen Harpstedter ohne Rechtfertigung körperlich geschadet und Verletzungen billigend in Kauf genommen haben sollen, mussten sich die beiden ehemaligen Türsteher der Wildeshauser Disco am Mittwoch vor Gericht verantworten. Nach knapp 1,5 Stunden stellte die Richterin Reinke das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Geldauflage ein.

Doch was war eigentlich passiert? Übereinstimmend berichteten die beiden Angeklagten, dass sie per Funk in den Blackroom, einen Tanzbereich in der Wildeshauser Diskothek, gerufen wurden, weil sich dort zwei Personen geprügelt haben sollen. Als sie dort ankamen, habe der 25-jährige Harpstedter bereits auf dem Boden gelegen. „Da war er bereits verletzt und hat geblutet“, erklärte der 25-jährige Angeklagte. Als er ihm helfen wollte, habe der junge Mann versucht, ihn zu schlagen. „Das nehme ich ihm gar mal nicht übel. Vermutlich dachte er, dass ich der andere bin“, fügte er hinzu. Aufgrund seiner Aggressivität habe ihn der 37-jährige Türsteher aus dem Tanzbereich wegbringen wollen – und zwar mit einem Transportgriff, nicht im Schwitzkasten, betonte der zweite Angeklagte und widersprach damit dem Wortlaut der Anklageschrift. „Ich komme aus dem Kampfkunstbereich und weiß, wie man jemanden transportiert, ohne ihn zu verletzen“, sagte der 37-Jährige. Immer wieder habe er dem Harpstedter gesagt, dass er sich beruhigen soll, dann passiere ihm auch nichts.

Vom Tanzbereich brachten die beiden Türsteher den Geschädigten schließlich zur Kasse, wo er seine Rechnung auf der Verzehrkarte begleichen sollte. Weil dieser dazu nicht in der Lage gewesen sei, wollte der 25-jährige Angeklagte dessen Portemonnaie nehmen und dies für ihn übernehmen. „Er hätte noch nicht einmal Hausverbot bekommen“, fügte er hinzu. Doch der Harpstedter, der sich noch immer im Klammergriff des zweiten Türstehers befand, habe sich gewehrt. „Drei Mal versuchte er, mich zu boxen“, sagte der 25-jährige Angeklagte. Die Schläge seien zwar ohne Erfolg gewesen, aber in Richtung Gesicht gegangen. „Wenn mein Leib gefährdet ist, muss ich angemessen reagieren“, merkte der Angeklagte an. Die Reaktion waren zwei Schläge mit der flachen Hand, wie er betonte: „Das hat ihn ein bisschen mitgenommen.“ Er sei zu Boden gesackt, aber noch bei vollem Bewusstsein gewesen. Anschließend haben sie den Harpstedter nach eigenen Angaben nach draußen gebracht und den Krankenwagen gerufen.

Diese Version der Geschichte konnte der 25-jährige Geschädigte nicht bestätigen. Wie er vor Gericht aussagte, kann er sich an den besagten Abend nur bruchstückhaft erinnern: „Die Ärztin im Krankenhaus hat gesagt, dass ich eine Teilamnesie habe, weil ich eins auf die Schläfe bekommen habe.“ Er könne sich nur noch daran erinnern, dass er im Kassenbereich von zwei Leuten festgehalten, gewürgt und geschlagen wurde. „Ich konnte danach zwei Wochen nicht richtig schlucken“, erzählte er. Von einer Prügelei im Vorfeld wusste er nichts mehr. Auch wo und wie ihn die Schläge des Türstehers getroffen haben, konnte er nicht sagen. Es habe sich angefühlt wie mit der Faust. „Dann bin ich wie ein Hund vor die Tür geworfen worden.“ Dort hätten ihn andere Gäste angesprochen, was los sei, und die Polizei gerufen.

Auch an die Stunden vor seinem Disco-Besuch kann sich der 25-jährige Harpstedter nur noch dunkel erinnern. Gemeinsam mit seinem Fußballtrainer und Mannschaftskollegen sei er auf der Weihnachtsfeier im Fitnessstudio „Auszeit“ in Wildeshausen gewesen. Viel getrunken habe er dort nicht, nur ein paar Bier. So genau wusste er das aber auch nicht mehr. Das wurde deutlich, als der Verteidiger nachhakte und ihn mit dessen eigener Aussage gegenüber der Polizei konfrontierte. In dieser hatte er angegeben, ein paar Glühwein getrunken zu haben.

Mehr Licht in das Geschehene versuchte das Gericht mit weiteren Zeugenaussagen zu bringen. Das gelang nur bedingt. Denn zwei der drei geladenen Zeugen tauchten nicht auf, was die Richterin mit einem Ordnungsgeld von jeweils 150 Euro bestrafte. Nur eine 22-jährige Krankenschwester aus Norden war gekommen, um über die Ergeignisse am 2. Dezember 2017 zu berichten. Ob es im Blackroom eine Prügelei gab, konnte sie zwar nicht sagen, da sie nur die Geschehnisse im Ausgangsbereich mitbekommen hatte. Allerdings bestätigte sie, dass der 25-jährige Harpstedter bereits blutete, bevor ihn einer der Angeklagten geschlagen hatte.

„Der eine hatte ihn umschlungen – erst locker. Weil er sich wehrte, hat er dann seinen Würgegriff verstärkt. Der andere schlug danach drei, viel Mal zu“, sagte sie. Dieser habe Handschuhe getragen und mit der Faust zugeschlagen: erst wie in Zeitlupe, dann ganz schnell. Wegen des Würgegriffs habe der Geschädigte keine Luft mehr bekommen. „Er konnte sich nicht richtig bewegen, die Augen sind hervorgetreten und sein Gesicht lief blau an“, berichtete die Zeugin. Sie habe versucht, dazwischen zu gehen, und dem 25-jährigen Türsteher gesagt, dass es nun reiche. Doch dieser reagierte nicht. „Wie ein nasses Handtuch“ hätten sie ihn schließlich raus auf den Parkplatz gebracht, wohin kurze Zeit später auch der Rettungswagen und die Polizei kam. „Er war auch da noch sehr aufgebracht, auch gegenüber der Polizei und den Rettungskräften“, fügte sie hinzu.

Für die 22-jährige Frau war es nicht das erste Mal, dass sie Augenzeugin einer solchen Auseinandersetzung geworden ist. „Ich habe schon zwei, drei Mal Schlägereien miterlebt. Wenn ich so etwa sehe, kann ich nicht tatenlos dastehen“, erzählte sie. Den Verteidiger veranlasste dies zu der Vermutung, dass die Zeugin womöglich Dinge durcheinander gebracht haben könnte. Denn Handschuhe habe sein Mandant überhaupt nicht getragen. „Türsteher sind immer irgendwie die Bösen. Oft wissen die Zeugen aber gar nicht, was vorher geschehen ist“, sagte er. Auch die Aussage des Geschädigten gebe nicht viel her. Der Verteidiger bezeichnete sie als „butterweich“. Er sprach sich deshalb für die Einstellung des Verfahrens aus.

„Es entspricht der Lebenserfahrung, das etwas vorgefallen sein muss. Sonst wird man nicht von der Security rausgebracht“, stimmte die Richterin zu. Diese Ansicht schien auch die Staatsanwältin zu teilen. Nach kurzem Hin und Her über die Höhe der Geldauflage wurde das Verfahren eingestellt. Innerhalb von sechs Monaten müssen beide Angeklagte 450 Euro zahlen, die an den Verein „Brücke“ in Wildeshausen gehen.

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