Tourismusregion Wildeshauser Geest „Eine Glaskugel wäre jetzt nicht schlecht“

Tourismus-Expertin Iris Gallmeister hofft, dass die ohnehin stark betroffene Branche vor einer zweiten Corona-Welle verschont bleibt. Derzeit registriert sie wieder einen erhöhten Gästezulauf.
27.07.2020, 15:57
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jacqueline Schultz
Wie stellt sich die Tourismussituation im Corona-Sommer 2020 im Landkreis Oldenburg dar?

Iris Gallmeister: Wir haben zwar noch keine Umfrage gemacht, ich bekomme aber mit, dass insbesondere die gastronomischen Betriebe mit einem ansprechenden Außenbereich derzeit einen starken Zuspruch haben. Nicht so gut geht es dagegen Betrieben, die nur zum Teil auf touristisch motivierte Gäste setzen, sondern schwerpunktmäßig auf die Bereiche Tagungen, Familienfeiern, Busgruppen und andere größere Veranstaltungen. Also Firmen mit großen Kapazitäten und vielen Mitarbeitern. Um wieder richtig loslegen zu können, fehlt ihnen die Planungssicherheit. Problematisch ist die Situation natürlich auch für Einrichtungen wie Tierparks, Museen, Künstler, Galerien, Cafés und Gästeführer.

Wie geht es denn den Gästeführern?

Die Touren laufen jetzt erst langsam – mit reduzierter Gästezahl – wieder an. Sie mussten ebenso wie alle anderen Dienstleister lange aussetzen, was sehr bedauerlich ist.

Viele Gästetouren finden coronageeignet bevorzugt auf dem Rad statt. Im Landkreis Oldenburg gibt es gerade das neue Knotenpunkt-Leitsystem. Haben Sie dazu schon Rückmeldungen erhalten?

Viele sogar. Das neue Radverkehrsleitsystem mit dem Knotenpunktsystem und den 20 neuen Thementouren wird sehr gut angenommen und auch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Radler unterwegs sind. Auch die Gemeinden im Landkreis Oldenburg und in den Landkreisen Diepholz und Vechta bestätigen die große Nachfrage nach den neuen Radprodukten. Die Gäste können bereits von zu Hause aus online auf www.wildegeest.de ihre individuellen Touren von Knotenpunkt zu Knotenpunkt planen. Passend zum Beginn der Sommerferien sind seit Kurzem auch die beiden neuen Broschüren, das kostenlose Thementouren-Heft sowie die Rad- und Knotenpunktkarte zum Preis von 5,90 Euro, im Kreishaus erhältlich.

Beobachten Sie einen Paradigmenwechsel, also dass die Menschen statt des Mallorca-Urlaubs die Angebote vor der Haustür stärker würdigen?

Ich bin mir sicher, dass es zumindest in diesem Jahr so sein wird und wir – wie viele andere Regionen in Deutschland auch – von diesem veränderten Gästeverhalten profitieren werden. Wie lange dieser Trend anhält, wird sich zeigen und hängt auch davon ab, wie sich das weltweite Infektionsgeschehen weiter entwickelt. Vielleicht wird auch die Flugreise, weil die Preise sich vermutlich stark erhöhen werden, wie früher zu etwas ganz Besonderem, auf das man lange sparen muss. Aber dazu bräuchte ich jetzt die Glaskugel.

Bietet der Zweckverband unterstützende Maßnahmen an, um Betrieben wie Hotellerie und Veranstaltern zu helfen?

Finanzielle Möglichkeiten zur Unterstützung haben wir als gemeinnütziger Verband nicht, dafür sind Bund und Länder zuständig. Aber wir haben beispielsweise im Bereich der neuen Radrouten die Betriebe, die auf der Route liegen, kostenlos erwähnt und werden sie entsprechend vermarkten. Auch im Internet werden sie natürlich weiter von uns beworben. Über sonstige Möglichkeiten der Zusammenarbeit werden wir mit den Betrieben direkt sprechen. Ziel ist es, sich gemeinsam über Projekte auszutauschen, von denen die Betriebe und weitere Beteiligte in der Region profitieren können.

Haben Sie schon von Insolvenzen gehört?

Nein, habe ich nicht und ich hoffe sehr, dass es wenige, besser gar keine Insolvenzen geben wird.

Ab diesem Jahr soll ein neuer Naturparkplan 2030 konzipiert werden: Welche Ideen bringt der Zweckverband für den Landkreis Oldenburg ein? Können Sie schon ein paar konkrete Beispiele nennen?

Die Entwicklung des Naturparkplans ist als ein Prozess zu verstehen, in den sich viele Menschen einbringen sollen und können. Dazu wird es öffentliche Umfragen und weitere Möglichkeiten der Beteiligungen in Fachplenen und Arbeitstreffen geben. Deshalb möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht inhaltlich vorgreifen. Woran wir aber auf jeden Fall intensiv weiter arbeiten werden, ist die Modernisierung unseres Internetauftritts und die Intensivierung der Vermarktung der Themen Rad, Wandern und Kanu.

Außerdem streben wir an, Natur- und Landschaftsführer auszubilden beziehungsweise Interessierte, bereits über die Landeserwachsenenbildung und VHS ausgebildete Gästeführer fortzubilden. Insgesamt möchten wir die Sichtbarkeit des Naturparks innerhalb der Region erhöhen und das partnerschaftliche Netzwerk zwischen Gastronomie, Landwirten, insbesondere Direktvermarktern, Landesforsten, Jägerschaft und den Verantwortlichen für den Naturschutz und der Umweltbildung weiter ausbauen.

Wie ist Ihre Einschätzung: Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie bereits weitgehend überstanden ist, oder fürchten Sie, so wie es einige Virologen tun, dass es eine zweite Infektionswelle geben wird?

Das vermag ich tatsächlich nicht besser zu beurteilen als die Virologen. Ich befürchte aber, dass uns eine zweite Infektionswelle in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht stark treffen würde. Ich versuche, optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Wo und wie machen Sie in diesem Sommer Urlaub?

Ich plane Kurzurlaube in Schleswig-Holstein, auf der Mecklenburger Seenplatte und in der Fränkischen Schweiz. Außerdem unternehme ich Tagesausflüge in der näheren Umgebung.

Das Interview führte Jacqueline Schultz.

Info

Zur Person

Iris Gallmeister (59)

ist seit 15 Jahren stellvertretende Geschäftsführerin des Zweckverbandes Naturpark Wildeshauser Geest. In dieser Funktion entwickelt sie Tourismuskonzepte für die Region.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+