Alexandre Tharaud in Wildeshausen

Zaubereien eines Anschlag-Genies

Mit dem Franzosen Alexandre Tharaud war am Donnerstag die große Pianistenwelt im kleinen Wildeshausen zu Gast. Und unter den Händen des Anschlag-Sensibilissimus wurde jeder Ton zum Klangereignis.
26.10.2018, 17:56
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Von Günter Matysiak
Zaubereien eines Anschlag-Genies

Auch beim Konzert in Wildeshausen wurde Weltklasse-Pianist Alexandre Tharaud seinem Ruf als Klangzauberer gerecht.

FR/warnerclassics

Wildeshausen. Da war die große Pianistenwelt im kleinen Wildeshausen zu Gast: Der Franzose Alexandre Tharaud gehört zu jenen Pianisten, über die man spricht, und er ist eine Klasse für sich. Er spielt nicht die abgenudelten Hits des Klassik-Repertoires, sondern schaut über den Tellerrand, wo es die Besonderheiten zu entdecken gibt. Da wird er fündig auch abseits der klassischen Genres, trifft sich mit illustren Musikerkollegen zu einem Album mit Chansons von Barbara, der Chanteuse der 1960er Jahre, die bei uns besonders mit ihrem Chanson „Göttingen“ bekannt wurde. Da nimmt er in ähnlichem Kreis Songs der Pariser Roaring Twenties auf. Und da mutet er seinem Publikum zwischen zwei großen Beethoven-Sonaten den pianistischen Mikrokosmos Anton Weberns (1893-1945) „Variationen op. 27“ zu. 1936 komponiert, war und ist sie immer noch eine absolut neue Musik, Vorbild und Antrieb für viele Komponisten nach Webern.

Alexandre Tharaud, ein Anschlag-Sensibilissimus, zauberte aus den drei kurzen, kompositionstechnisch hochkonstruktiven Sätzen, die reinste, zerbrechlichste Melodie hervor. Da wurde jeder einzelne Ton zum Klangereignis, da wurde schon die Folge von zwei Tönen zur großen Melodie. Und jeder der hochdissonanten Zusammenklänge war ein Klangwunder. Die vermeintlich zusammenhanglose Folge von verschiedenen Einzelereignissen in scheinbar ungeordneter rhythmischer Folge wurde hier mit faszinierender Anschlagkunst und gestalterischer Stringenz zu einer Musik, die atemlos machte: Gänsehaut-Musik. Tharaud spielt übrigens nach Noten, lässt also damit symbolisch dem Komponisten bescheiden den Vortritt vor der eigenen Person.

Couperin in besten Händen

Auch die Musik Francois Couperins (1668-1733), mit der Alexandre Tharaud sein Programm im vollkommen ausverkauften Musikschulsaal begann, war bei ihm in besten pianistischen Händen. Hände übrigens, denen man auch gerne beim Spielen zuschaut, dann etwa, wenn sie einen Schlusston mit einem Tastenvibrato versieht und uns den Anschein vermittelt, wir hörten auch ein Vibrato. Tharaud spielte sechs Sätze aus Couperins insgesamt über 250 „Pièces de Clavecin“. Diese Suitensätze sind zwar in gewisser Weise auch Tanzsätze, tragen aber auch eine programmatische Überschrift, die ihren Affektgehalt bestimmen.

So ist das fünfte Stück mit „Les Ombres errantes“ (Die schweifenden Schatten) überschrieben. Tharaud spielte diesen Satz als eine Traummusik mit zauberischem Pianissimo, dabei sehr nachdenklich-zögernd im Ausdruck. Die einleitende „Allemande“ wurde unter Tharauds Händen ein Wunder an Kantabilität, die einherging mit sensibler agogischer (d.h. kleinste Tempoveränderungen betreffende) und dynamischer Gestaltung. Kecke Akzente blitzten auf in „Les Calotines“ (Pfaffenknechte), die „Passacaille“ hatte strahlendes Pathos und Zartheit, begann auch einmal wild zu hüpfen. Pianistisch-brillante Spielfreude gab es im abschließenden „Le Tic-Toc-Choc“, (tonmalerische Darstellung einer Erstürmung des Pariser Rathauses) mit seinen Tonrepetitionen und überkreuzten Händen.

Zwei Sonaten von Ludwig van Beethoven (1770-1827) waren die großen Brocken des Programms. Die Klaviersonate begleitete Beethovens Schaffen ein Leben lang, von den genialen Jugendwerken bis hin zu den oft rätselhaften Werken des späten Beethoven. Dazu gehörte die von Tharaud zuerst gespielte Sonate E-Dur op. 109 aus dem Jahre 1821 wie auch die zum Schluss gespielte c-Moll-Sonate, komponiert 1823. Beide Sonaten sind zu verstehen als „Erforschung der Tiefe der menschlichen Seele.“ Wie bei Webern brachte Alexandre Tharaud das vermeintlich Disparate, die großen Gegensätze, die in diesen Sonaten aufeinandertreffen, zu einem Ganzen zusammen.

Heftige Gegensätze bei Beethoven

Den zärtlich bewegten, mit ätherischem Pianissimo gespielten Anfang der E-Dur Sonate verbindet Tharaud zwingend mit dem Überschwang des zweiten Themas. Und auch in der so dramatischen c-Moll-Sonate stehen sich leidenschaftliche, herabstürzende Verzweiflung und hoffnungsvolle Glückseligkeit als Teil eines Ganzen versöhnlich gegenüber. Und diese Vermittlung heftiger Gegensätze, die Innigkeit der Empfindung, die Vielfalt des Ausdrucks, wie sie etwa der Variationssatz der E-Dur-Sonate fordert, sind verbunden mit makelloser Pianistik, mit Anschlagsfeinheiten unbegrenzter Art. Gedanklicher Tiefsinn, Klangsensibilität und die stupende Virtuosität Tharauds machten beide Sonaten zu einem Ereignis.

Dem folgten Bravos, stehende Ovationen und zwei unterschiedlich virtuose Scarlatti-Sonaten, die Gegensätze auf ihre, auf leichte Weise austrugen. Hier lautete das Motto: Spritzigkeit gegen Kantabilität. Es bleibt dem veranstaltenden „Kulturkreis Wildeshausen“ zu wünschen, dass er weiterhin so ein glückliches Händchen hat und so viel Geschick besitzt, um solche „Events“ auf die Beine zu stellen.

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