Familie Turken baut Landwirtschaftsbetrieb um Resthof soll Kunst- und Kulturstätte werden

„Wir hatten drei Monate keinen Telefonanschluss – noch nie war ich so produktiv“, sagt der dunkel gekleidete Mann mit der runden Brille in seinem „Winter-Atelier“ und lacht.
22.10.2016, 00:00
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Von Alexandra Penth

„Wir hatten drei Monate keinen Telefonanschluss – noch nie war ich so produktiv“, sagt der dunkel gekleidete Mann mit der runden Brille in seinem „Winter-Atelier“ und lacht. Ein Ofen beheizt den kleinen, jedoch nicht beengend wirkenden Raum. Wenn es nebenan in der Künstlerwerkstatt im alten Kuhstall zu kalt wird, weicht Mathieu Turken zum Arbeiten hierhin aus.

Ein langer Schotterweg führt zu dem ehemaligen Bauernhof, auf dem schon vor 30 Jahren der landwirtschaftliche Betrieb eingestellt worden ist. Geradezu malerisch fügen sich ein weiß gestrichenes Wohnhaus, Ställe und Scheunen, ein ehemaliges Angestelltenhaus und eine Garage mit Backsteinfassade aus den späten 1920er Jahren in die Kulisse aus Laub- und Nadelbäumen ein. Hühner und zwei Pfauen stolzieren über den Hof. Vor sechs Jahren hat die aus den Niederlanden stammende Familie Turken den Resthof in Wohlde gekauft und seitdem viel Arbeit in die Restauration gesteckt. „Wir haben im Umfeld von Hamburg gesucht, weil meine Tochter dort zur Schule geht“, erzählt Mathieu Turken. „Es war der schönste Hof, den wir gefunden haben, aber auch der, an dem am meisten gemacht werden musste.“

Rund 4000 Quadratmeter Gebäudefläche sind vorhanden. Eigentlich zu viel für eine dreiköpfige Familie, möchte man meinen. Wären da nicht die kreativen Pläne, die sich der 40-Jährige und seine Eltern für den Bauernhof ausgemalt haben. Denn in naher Zukunft sollen dort Kulturveranstaltungen, Ausstellungen und Seminare stattfinden können.

Galerie auf altem Heuboden

Über eine knarzende Holztreppe gelangt man auf den Heuboden des alten Kuhstalls. Sonnenstrahlen fallen durch die Dachziegel in den Raum, in dem Mathieu Turken, der in den Niederlanden und Hamburg Bühnenbild und Installationskunst studiert hat, seine Werke ausstellen möchte. Auf den Holzdielen liegen Pappelsamen, die durch die Ritzen des Daches gelangt sind. Deckenstrahler geben den Blick auf neu gestrichene Wände und mühevoll abgebeizte Balken frei. An Drähten sollen die Leinwände und Installationen später von der Dachschräge hängen. In genau einem Jahr möchte Mathieu Turken rund 50 eigene Werke in der Galerie präsentieren, nachdem bereits Bilder der Künstler Dieter Anhuth und Bernd Güldner in die Galerie gezogen waren. Auch zukünftig möchte Mathieu Turken Werke anderer Kunstschaffender ausstellen.

Im Atelier unten im alten Kuhstall liegen kreuz und quer Entwürfe, Zeichnungen, Ideenfetzen. Seine Kunst tendiere zum Surrealismus und befasse sich mit Soziologie und Technik, sagt Mathieu Turken. Vorwiegend schwarzen Hintergrund wählt der 40-Jährige für seine Acrylbilder aus. Auf einer Staffelei lehnt eine große Leinwand, auf der ein auf dem Rücken liegender Menschenkörper zu sehen ist. Er ist von hellen und blauen Flächen durchzogen. „Das sollen später mal Kontinente werden. Bis ich das aber so detailliert habe, wie ich es mir vorstelle, werde ich bestimmt noch zwei Jahre brauchen“, erklärt Turken. Hinzu kommen Wüsten- und Waldregionen, um die Welt als lebenden Organismus darzustellen.

Kunst mit Botschaft

Bei Mathieu Turken geht es immer auch um die Botschaft. „Ohne Inhalt ist es für mich keine Kunst.“ Diese nimmt bei Turken überaus politische Züge an, die Gesetzgebung ist ein zentrales Thema. Dazu greift sich der Niederländer Paragrafen raus, die ihm absurd erscheinen und ihn zum Nachdenken herausfordern. „Ich bin niemand, der auf die Barrikaden geht, aber jemand, der etwas anspricht“, sagt er.

Im Atelier finden sich viele Skizzen von Verästelungen, die an menschliche Knochen erinnern. Innen scheinen sie hohl zu sein. „Das Gesetz ist hohl, erst angewandt gewinnt es an Volumen“, erläutert Mathieu Turken. Ein Brokkoli auf einer anderen Leinwand nimmt Bezug auf eine aktuelle Debatte: „Der Brokkoli ist Eigentum einer Firma, seitdem Monsanto ihn sich beim Europäischen Gerichtshof hat patentieren lassen“, sagt Mathieu Turken und schüttelt den Kopf.

Nur ein paar Meter von dem ehemaligen Kuhstall entfernt steht die frühere Zwiebel- und Kartoffelscheune. In einer unscheinbaren und wenig beleuchteten Ecke lagern historische Geräte wie eine Kartoffelsortiermaschine, die beim Aufräumen zum Vorschein gekommen sind. Eine Hebebühne wartet mitten im Raum auf ihren Einsatz. „Um die Wände neu spachteln und weiß streichen zu können“, erläutert Mathieu Turken. Die Scheune soll ein weiterer Veranstaltungsort für Theaterstücke, Konzerte und Diskussionen werden, der über die warmen Monate genutzt werden soll. Theaterlampen und ein mobiles Podium sollen dort noch Platz finden. Im Zentrum des Hofes liegt das Haus, in dem Mathieu Turkens Eltern wohnen. Dort hat die Familie einen Seminarraum samt Beamer eingerichtet, der das ganze Jahr über für bis zu zwölf Personen gebucht werden kann.

Auf dem Hof ist noch viel zu tun und Künstler Mathieu Turken arbeitet derzeit eifrig an seiner Ausstellung, die im kommenden Oktober fertig sein soll. Und wenn es dabei ein bisschen lauter wird, stört das so schnell niemanden auf dem großen Hof. „Es ist ganz praktisch, wenn man nachts mal die Kreissäge anmachen oder die Musik laut aufdrehen kann“, sagt er und grinst.

„Es war der schönste Hof, den wir gefunden haben, aber auch der, an dem am meisten gemacht werden musste.“ Mathieu Turken
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