Im Gespräch

„Mein Hobby zum Beruf gemacht“

Seit mehr als vier Jahren ist Herwig Wöbse Bürgermeister der Samtgemeinde Harpstedt. Vor ihm liegt noch viel Arbeit. In den nächsten Jahren stehen vier große, millionenschwere Projekte an.
29.01.2019, 17:11
Lesedauer: 9 Min
Zur Merkliste
Von Kerstin Bendix-Karsten

Sie sind seit 2014 Bürgermeister der Samtgemeinde Harpstedt. Wie kam der Entschluss zu kandidieren?

Herwig Wöbse : Das hat sich langsam entwickelt. Ich habe früh mit Kommunalpolitik angefangen. Ich war damals im Gemeinderat in Prinzhöfte, also auf kleiner Ebene in der Mitgliedsgemeinde, wo die Arbeit noch überschaubar ist. Zehn Jahre später habe ich dann das Amt als ehrenamtlicher Bürgermeister von Prinzhöfte übernommen. Zu der Zeit bin ich auch in den Samtgemeinderat gewählt worden. Später kam der Kreistag dazu, außerdem wurde ich stellvertretender Bürgermeister der Samtgemeinde. Ich bin also in die Politik auf der ehrenamtlichen Schiene immer mehr hineingewachsen.

Und dann kam das Amt des Samtgemeindebürgermeisters.

Als mein Vorgänger Uwe Cordes gesagt hat, dass er nicht wieder antritt, war die Frage: Wer kann? Wer will? Da hatte ich angefangen zu überlegen, außerdem wurde ich von anderen angesprochen, die sich das für mich gut vorstellen konnten. Nach Rücksprache mit der Familie habe ich mich zur Wahl gestellt. Letztlich habe ich aus meinem Hobby einen Beruf gemacht. Wobei es eher eine Berufung ist.

Ist es denn auch so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Die Themen kannte ich alle, auch die Strukturen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit waren mir schon viele Personen bekannt. Den Kontakt zu den Bürgern gab es auch schon immer. Was neu für mich war, ist der Blick in die Verwaltung hinein. Die Innensicht bekommt man erst, wenn man in der Verwaltung arbeitet. Ich denke etwa an die Aktenführung, die war mir vorher nicht so vertraut.

Ist die Samtgemeinde eine besondere Herausforderung?

Die hauptamtlichen Kollegen im Landkreis sind froh, dass sie nicht in einer Samtgemeinde sind. Sie kennen es aber auch nicht. Ich bin damit großgeworden. Für uns ist es die richtige Form, damit die Bürger und ehrenamtlichen Mitgliedsgemeinderäte ortsnah eigenverantwortlich unterwegs sind. Für uns ist die Samtgemeinde – auch heute noch – das weitaus bessere Modell als eine Einheitsgemeinde. Manches ist komplizierter, anderes einfacher. Es ist einfach anders. Ich kenne es so und stellt für mich keine besondere Herausforderung dar.

Den Begriff „Wir sind Harpstedter“ gibt es so nicht.

Das ist eben ein Unterschied zu anderen Gemeinden. In der Gemeinde Beckeln gibt es beispielsweise die Groß Köhrener, die Wert darauf legen, dass sie aus Groß Köhren kommen und nicht aus Beckeln. Ich erinnere mich noch, als vor gut 15 Jahren das Ortsschild von Groß Köhren ausgetauscht werden musste, weil es verblasst war. Der Landkreis hatte es erneuert, drauf stand allerdings geschrieben: Beckeln, Orteil Groß Köhren.

Das kam nicht gut an.

Wenn ich mich richtig erinnere, war das Schild zweimal verschwunden. Und es gab Hinweise an den Landkreis, dass er doch lieber schreiben soll: Groß Köhren, Gemeinde Beckeln. Das ist das Schöne bei uns, dass es Mitgliedsgemeinden und Ortsteile gibt, die ihre eigene Identität und Struktur haben.

Wie entwickelt sich eigentlich die Einwohnerzahl der Samtgemeinde?

Es geht zwar mal hoch und runter, aber unter dem Strich stagniert die Einwohnerzahl. Man braucht also eine gewisse Anzahl an Baugebieten, um auszugleichen, dass der Wohnraumbedarf pro Person immer mehr wird. Die Häuser sind nicht mehr mit so vielen Menschen bewohnt, wie es früher der Fall war. Ohne neue Baugebiete würde man deutlich Einwohner verlieren. Wir brauchen sie zur Bestandssicherung. Das haben wir beispielsweise gerade an Winkelsett oder Prinzhöfte gesehen, die keine Baugebiete haben. Dort sind die Einwohnerzahlen um fünf bis sieben Prozent in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen. Es gibt immer mehr Single-Haushalte oder Zwei-Personen-Haushalte, wo die Kinder ausgezogen sind. Dann wohnen in dem großen Haus nur noch die Eltern. Hier bei uns – wie überall – fehlt der kleine Wohnraum für eine oder zwei Personen.

Wie viele neue Baugebiete gibt es in der Samtgemeinde derzeit?

Fünf Mitgliedsgemeinden sind auf dem Weg, neue Baugebiete auszuweisen. Ich bin froh, dass sich da einiges entwickelt. Der Flecken Harpstedt ist schon immer recht aktiv. Dünsen ist auf dem Weg, Ippener hat angefangen und Kirchseelte ist schon länger dabei. Colnrade ist ebenfalls eingestiegen, wobei wir hier eher über eine Bauentwicklung über die nächsten zehn bis 20 Jahre reden, weil die Gemeinde ihren jungen Leute die Möglichkeit bieten will, in Colnrade bleiben zu können. Das letzte Grundstück wird vielleicht erst in 25 Jahren verkauft sein.

Gibt es auch Zuzug in die neuen Wohngebiete, etwa aus Bremen?

Früher, als es die Eigenheimförderung noch gab, ist Harpstedt stark gewachsen. Da gab es viel Zuzug aus dem Bremer Bereich, wo es kaum entsprechende Baugebiete gab. Die Mobilität und das Autofahren waren noch günstig und die Straßen noch nicht so voll, wie sie es heute sind. Heute kommt die Nachfrage überwiegend aus der eigenen Bevölkerung.

Harpstedt ist durch seine Lage an der A1 gut gelegen. Nur die Zugverbindung fehlt.

Stimmt. Wir haben nur unsere Museumseisenbahn Jan Harpstedt. Die ist aber nur für Ausflügler interessant und nicht für die Personenbeförderung. Mobilität ist in ländlichen Regionen mit viel Fläche und wenig Einwohnern ein Problem. Am Auto führt kein Weg vorbei. Wir haben zwar die Buslinie Wildeshausen-Harpstedt, die über Stuhr in Richtung Bremen geht. Die wird durchaus genutzt und auch gebraucht, aber sie muss jährlich mit einem hohen Zuschuss unterstützt werden.

Was ist mit einem Bürgerbus?

Wir haben ein Modell, das ganz interessant ist: das Elektro-Bürgerauto. Das ist im Rahmen eines Landkreisprojekts für Dünsen und Kirchseelte entstanden. Denn ein normaler Bürgerbus wurde wiederholt geprüft, aber es gibt keine vernünftige Linienführung, weil die Samtgemeinde zu weitläufig ist für einen Bürgerbus mit festem Fahrplan. Das Bürgerauto soll mit ehrenamtlichen Fahrern bedarfsabhängig fahren. Damit wollen wir den mobilitätseingeschränkten Menschen weiterhin ein gutes Leben vor Ort und den Anschluss an die Infrastruktur bieten. Vom Ansatz her ist das Neuland. Ich kann mir aber vorstellen, dass es sich gut entwickelt.

Diese Elektroautos sollten schon vor gut einem Jahr da sein. Sind sie denn schon im Einsatz?

Nein, sie sollen frühestens Ende März kommen. Das hat sich leider verzögert, wie bei geförderten Projekten oft üblich.

Wie fällt Ihr bisheriges Fazit im Amt als Samtgemeindebürgermeister aus? Hatten Sie sich vorher eine To-Do-Liste gemacht?

Nur bedingt. Wichtig ist, wie man als Bürgermeister arbeitet. Das heißt im Kontakt mit der eigenen Verwaltung, dem Rat und den Bürgern. In einer Samtgemeinde gibt es viele Mitwirkende, mit allen Seiten muss man in Kontakt sein und sie zusammenzubringen. Bei diesem Zusammenspiel der verschiedenen Seiten muss man als Bürgermeister eine Art Scharnierfunktion erfüllen. Ich habe natürlich schon eine Vorstellung und Ausrichtung gehabt, was ich für richtig und sinnvoll halte. Aber es wäre vermessen, wenn ich mir anmaße, alleine zu wissen, was für die Samtgemeinde gut ist und versuche, das 1:1 umzusetzen. Es ist mindestens genauso wichtig zu hören, was andere für richtig halten. Ich finde es immer gut, wenn die besten Argumente gewinnen und sich im Rat durchsetzen. Das bringt die Samtgemeinde am meisten voran.

Was wurde denn umgesetzt?

Wir haben in den letzten vier Jahren an der Oberschule die Westfassade saniert, an der Grundschule die Südfassade. Das dient der Erhaltung und der Sicherung der vorhandenen Infrastruktur. Zwei Straßen konnten ausgebaut werden, der Bremer Weg und der Salzweg in Winkelsett. Ebenso wurden 30 neue Krippenplätze geschaffen für die steigende Nachfrage der Eltern.

Sie meinen die Krippe in Dünsen?

Genau, da sind zwei neue Krippengruppen entstanden. Vorher gab es allerdings eine Diskussion, die auch sehr emotional geführt wurde. Der alte Schulstandort Dünsen hatte immer seine Schwierigkeiten, sodass die Frage war: Hat er eine Zukunft? Diese Diskussion zu begleiten, war durchaus schwierig und herausfordernd. Da kommt man auch mal zu einer Bürgerversammlung mit 200 Bürgern, die einem nicht wohlgesonnen sind, weil sie die Schule erhalten wollen. Diese hatte aber ihre Probleme und hätte sie wohl auch weiter gehabt. Nun haben wir die Variante, dass aus der alten Schule eine neue Krippe geworden ist. Unter dem Strich war das eine gute Entscheidung des Rates, weil wir hier nun nachhaltig eine Einrichtung haben, die auch in den nächsten Jahrzehnten ihre Berechtigung in Dünsen hat. So hat der Ort zwar seine alte Schule verloren, aber eine neue Krippe gewonnen.

Wie gut ist die Samtgemeinde bei den Krippenplätzen damit nun aufgestellt?

Wir sind recht dicht am Bedarf. Wir haben nur eine kleine Warteliste, haben uns aber bereits wieder auf den Weg gemacht, neue Krippenplätze anzuschieben. Denn die Nachfrage wird weiter hochgehen.

Angedacht ist ein Anbau an der Kita „Zwergnase“ in Harpstedt.

Ja. Der Rat hat mit dem Haushalt 2019 die Finanzierung von rund 1,2 Millionen Euro bereitgestellt und damit den Weg für die weitere Planung und Umsetzung frei gemacht.

Was steht noch an Projekten an?

Wir haben eine Bedarfsliste, was noch alles zu tun ist. Diese ist eher länger geworden. Mit dem Tempo, das wir in den letzten Jahren an den Tag gelegt haben, waren wir gut, aber wir müssen noch besser werden. Denn die Bedarfe werden größer. Damit wird es auch in der Finanzierung enger. In den letzten Jahren konnten wir die Verschuldung leicht abbauen. Das, was wir investiert haben, konnten wir aus dem laufenden Geschäft erbringen. Die nächsten Jahre haben wir eine so stark ansteigende Verschuldung eingeplant, dass wir finanziell mehr gefordert sein werden als in der Vergangenheit. Denn Gebäude und Straßen einfach schlecht werden zu lassen, ist keine Lösung. Da muss man früh genug darauf hinwirken, diese Dinge anzupacken, auch wenn sie teuer sind. Im Haushalt, den der Rat im Dezember beschlossen hat, sind vier millionenschwere Projekte drin. Das ist schon außerordentlich viel oder besser gesagt: geballt. Das hatten wir die letzten Jahre so nicht.

Was sind das für Projekte?

Das ist zum einen der Anbau für zwei neue Krippengruppe an der Kita „Zwergnase“ und zum anderen das notwendige neue Feuerwehrhaus in Colnrade. Diese Projekte sind schon konkret auf dem Weg. Perspektivisch haben wir mit der DRK-Kita Waldburg noch eine ganz alte Kindertagesstätte, die keine zeitgemäßen Räume hat. Sie genügt gerade noch den Mindestanforderungen. Die fünfgruppige Einrichtung wird mit rund 3,5 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Und das vierte Projekt?

Wir haben noch eine Samtgemeindestraße von Groß Ippener nach Kirchseelte, die ist in schlechtem Zustand und hat eine hohe Verkehrsbelastung. Das steht perspektivisch an – mit einem Millionenaufwand werden wir diese Straße neu bauen müssen.

Gibt es weitere Projekte, die demnächst anstehen?

Wir haben viele Liegenschaften, wie Schulen und Freibad. Wir können froh sein, wenn wir den Zustand halten können. Bei den Schulen ist die Fassade das eine. Das andere ist die Ausstattung, wie etwa neue innovative Tafeln, die sogenannten Whiteboards. Damit haben wir in der Grundschule angefangen und das wird weiter gehen. In der Oberschule wird auch mehr in die Ausstattung investiert, um die Unterrichtsqualität zu fördern. Da sind noch die Fachräume – Biologie, Chemie und Physik – dran. Die sind schon über 30 Jahre alt. Sie müssen von Grund auf neu aufgestellt werden, was dem Unterricht zugutekommt. Alleine dafür sind rund 400 000 Euro eingeplant.

Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ein Steckenpferd, bei dem ich mich persönlich stark engagiere, ist die Breitbandversorgung. Wir haben in der Samtgemeinde 210 Quadratkilometer Fläche bei 11 000 Einwohnern. Im Verhältnis zu anderen Gemeinden im Landkreis gibt es hier viel mehr weiße Flecken und einen größeren Bedarf. Den abzudecken, ist für die Zukunftsfähigkeit der Samtgemeinde wichtig. Ein Beispiel ist Winkelsett: Bis vor drei Jahren war dort noch nicht einmal ein Mobilfunknetz, und Breitband über Telefon liegt oft nur bei 0,3 bis 0,7 Mbit. Auf den Wohnraum bezogen heißt das: Wenn eine Wohnung leer wird und man einen Nachmieter sucht, ist das fast aussichtslos. Das ist für manche heute ein K.O.-Kriterium, nicht nach Winkelsett zu ziehen.

Bund und Land fördern den Breitbandausbau.

An die Fördermittel von Bund und Land zu kommen, ist extrem verwaltungsaufwendig. Der Landkreis hat sich hier dankenswerterweise mit einem kreisweiten Ausbauprogramm auf den Weg gemacht. Bei dem sind bei uns auch alle Mitgliedsgemeinden mit im Boot. Selbst bringe ich mich auch stark ein. Wenn ein Landkreis plant, kennt weder der Planer noch der Fachexperte die örtlichen Verhältnisse. Ich sorge für den nötigen Transport der örtlichen Gegebenheiten in den Ortsteilen an die Fachleute.

Wie ist der Stand der Dinge?

Die erste Ausbaustufe ist fast umgesetzt, es dauert vielleicht noch einige Monate. Es sind über 20 Teilbereiche in der Samtgemeinde Harpstedt, die Ausbaugebiete geworden sind. Die nächste Planung ist schon angeschoben für weitere Bereiche. Ohne vernünftiges Breitband sind wir sonst irgendwann abgehängt.

Wo sehen Sie die Samtgemeinde sonst noch nicht so gut aufgestellt?

Was bei uns noch fehlt, ist Gewerbeentwicklung. Seit Jahren haben wir in der Samtgemeinde keine freien Flächen, die wir Gewerbetreibenden anbieten können. Das ist schade. Denn die Gewerbesteuer ist eine wichtige Einnahmequelle und natürlich schafft man damit neue Arbeitsplätze. Das Thema liegt bei den Mitgliedsgemeinden, die Samtgemeinde unterstützt hier nur. Wie beispielsweise bei dem interkommunalen Gewerbegebiet mit Wildeshausen, Prinzhöfte und Dötlingen an der B213. Das Problem ist oft die Verfügbarkeit von Grundstücken. Die Flächenpreise sind angestiegen. Grundstückseigentümer zur Abgabe einer Fläche zu bewegen, ist heute schwieriger als früher. Das ist etwas, was bremst.

Hätten Sie Lust zu einer weiteren Amtszeit?

Ich konzentriere mich erst mal auf das, was noch alles zu tun ist. Die anstehende Arbeit bindet genug Kapazität, sodass ich mir noch keine Gedanken gemacht habe, was in zwei, drei Jahren ist. Das ist noch zu früh. Ich habe es bislang nicht bereut, diesen Schritt gewagt zu haben. Es ist für mich etwas sehr Erfüllendes.

Das Interview führte Kerstin Bendix-Karsten.

Info

Zur Person

Herwig Wöbse

ist seit November 2014 Bürgermeister der Samtgemeinde Harpstedt. Es war der nächste Schritt in seiner kommunalpolitischen Karriere, die im Gemeinderat von Prinzhöfte begann.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+