Revierförster Eberhardt Guba

Gestalter des zukunftsfähigen Waldes

Als Revierförster in Harpstedt muss Eberhardt Guba in die Zukunft blicken. Bei der Auswahl der Baumarten geht es darum, welche dem Klima auch in den nächsten 100 oder 200 Jahren standhalten können.
26.08.2020, 18:03
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Alexandra Wolff

Eberhardt Guba mag Esskastanien. Allerdings nicht so sehr in ihrer gerösteten Form, wie es sie als Maroni auf fast jedem Weihnachtsmarkt gibt, sondern als Baum. Eberhardt Guba ist nämlich Revierförster in Harpstedt. Und als solcher baut er vorzugsweise seltene und klimafeste Mischbaumarten wie Flatterulme, Schwarznuss und Winterlinde an. Von Baumhasel und eben Esskastanie züchtet er sogar mit selbstgewonnenem Saatgut nach.

„In meinem Revier wachsen 33 Baum- und zwölf Straucharten“, sagt er. „Das mag sich nicht nach vielen Arten anhören – ist es aber. Denn in Deutschland gibt es infolge der Eiszeiten nicht so viele Baumarten“, fügt der Revierförster hinzu. Deswegen sei der deutsche Wald auch so anfällig. „Die Bestände zweier von drei Ulmenarten sind massiv zurückgegangen, weil der Ulmensplintkäfer Berg- und Feldulme sehr zugesetzt hat. Nur die Flatterulme, der Baum des Jahres 2019, ist resistent gegen diesen Käfer“, sagt er. „Buchen leiden unter Pilzen und vertragen weder die hohen Temperaturen noch die Trockenheit. Borkenkäfer greifen Fichten an. Die Esche ist wegen eines importierten Pilzesfast vollständig ausgefallen. Und wenn eine Baumart ausfällt, ist es schwer, für sie einen Ersatz zu finden.“

Deswegen pflanzt Guba in seinem rund 2500 Hektar großen Revier ganz unterschiedliche Bäume an. Eiche, Buche, Kiefer und Fichte machen dort zwar jeweils ungefähr 20 Prozent aus, aber zu sechs Prozent wachsen dort auch Douglasien, zu vier Prozent Lärchen und zu 14 Prozent andere Laubgewächse. 76 Prozent seines Forstbestands bilden also klassische Bäume. Für einen Förster, der auf seltene Bäume schwört, ist das aber eine magere Ausbeute. „So kann man das nicht sehen“, korrigiert er. „Ich bepflanze ja keinen Acker, auf dem ich das eine Jahr Weizen und im nächsten Jahr Raps anbauen kann. Die Bäume, die jetzt in meinem Forst wachsen, haben ja meine Vorgänger vor 100 und mehr Jahren gepflanzt.“

Als Förster gelte es, in die Zukunft zu schauen. Welche Bäume brauchen die Menschen in 100, 200 Jahren? Welche Bäume können das Klima in dieser Zeit überleben? Und wie sieht das Klima der Zukunft überhaupt aus? „Deswegen pflanze ich Esskastanien und Baumhasel, weil die aus Regionen stammen, in denen es jetzt so ist, wie es hier einmal sein wird“, erläutert der 64-Jährige. Soll heißen: Sie kommen aus wärmeren Gefilden.

Moment mal: Zuerst zählt der Förster auf, welche eingeschleppten Pilze und Käfer den hiesigen Bäumen den Garaus machen, und jetzt schleppt er selbst Bäume ein? Ganz so sei es nicht, antwortet der leidenschaftliche Naturschützer: „Die Esskastanie ist in der Schweiz und in Frankreich heimisch. Und im Vergleich zu manchen importierten Tieren oder Pflanzen wie der Herkulesstaude oder dem Indischen Springkraut, schaden sie nicht der heimischen Natur. Im Gegenteil: Eine größere Vielfalt garantiert auch das Überleben des Waldes. Denn wenn ein paar Baumarten vielleicht aussterben, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein paar andere überleben, wenn es viele unterschiedliche Bäume gibt.“

Die Früchte der Ess- oder Edelkastanie haben es Revierförster Guba zwar nicht als geröstete Leckerei angetan, dafür aber in einer anderen essbaren Form. „Die Schweizer haben geröstete Esskastanien zu Mehl verarbeitet“, sagt er, während er seine Frau Manuela bittet, eine Packung zu holen. „In den Bergen konnten sie ja kaum Getreide anbauen.“ Manuela Guba öffnet eine Packung, auf der das Logo eines Biolebensmittelherstellers prangt. Das Kastanienmehl riecht etwas nach Olivenöl. „Wir backen daraus Kuchen“, sagt sie und ihr Mann ergänzt: „Es ist ein sehr gutes Mehl und es enthält auch kein Gluten.“

Viele Lebensmittel der Gubas sind Bioprodukte, bestätigt der gebürtige Seesener auf Nachfrage. „Kartoffeln, Bohnen und andere Lebensmittel bauen wir selbst an“, erzählt er. „Seitdem ich 16 Jahre alt bin, mache ich das so. Mein Nennonkel, ein Bekannter meiner Eltern, hat mich dazu gebracht. Der hat damals schon Lebensmittel in einer Art und Weise angebaut, die man heutzutage als ‚Bio‘ bezeichnen würde. Wohlgemerkt: Das war in den 60er- und 70er-Jahren“, merkt der Revierförster an.

So kam es, dass sich der junge Guba überlegt hat, ob er nicht im Gartenbau arbeiten möchte. „Oder im Lehramt“, erinnert er sich. „Aber seit Generationen hat unsere Familie immer wieder Förster hervorgebracht und deswegen habe ich mich dann für eine Ausbildung im Saupark in Springe bei Hannover entschieden. So habe ich während meiner Ausbildung fast überall in Niedersachsen mal gearbeitet – außer im Harz.“ 1981 ist er dann nach Harpstedt gekommen. Damals erstreckte sich sein Beritt noch auf 839 Hektar. „Ich habe seitdem in verschiedenen Forstämtern gearbeitet, bin aber nie umgezogen“, beschreibt er die Tatsache, dass sein Forstamt dank diverser Verwaltungsreformen mehrere Male umbenannt und mit anderen zusammengelegt wurde.

Seit 2001 bildet Guba regelmäßig Forstanwärter und Trainees aus, 1998 unterstützte er die Einrichtung eines Waldkindergartens im Revier und sorgt bis heute für die notwendigen forstlichen Rahmenbedingungen. Außerdem entwickelte er eigene wirtschaftliche und waldschonende Verfahren zur Wertästung von Nadelbäumen, zur Energieholzgewinnung, zur bodenschonenden Pflanzflächenräumung und für wurzelgerechte Pflanzung. Guba etablierte darüber hinaus Trinkwasserwälder mit zukunftsfähigen Laubbäumen. Besonders kann er sich für Wald-Feldbau-Techniken begeistern: Bei der sogenannten Agroforstwirtschaft werden streifenweise abwechselnd Getreidepflanzen und Nutzbäume angebaut. „Das Laub der Bäume beschattet die Ackerfläche, sodass weniger Wasser benötigt wird. Die Bäume halten den Wind ab, sodass er den Boden nicht so schnell weg wehen kann, also keine Sandstürme entstehen“, beschreibt Guba, was ihn an dieser Agrartechnik so fasziniert. „Umgekehrt zwingt das Getreide den Baum dazu, tiefe Wurzeln zu bilden. Das hilft ihm letzten Endes, bei Trockenheit noch aus tieferen Erdschichten Wasser ziehen zu können“, erklärt er. Das bekannteste Werk Gubas sind aber wohl die Heizholztage, die er seit 1999 alle zwei Jahre organisiert. Und was gibt es dort unter anderem zu essen? Esskastanien.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+