Startschuss für Harpstedter Solawi Solidarisch Gemüse anbauen

Nachhaltig, regional und solidarisch: Mit diesen drei Grundprinzipien startet im Frühjahr 2021 die Solawi „Wildes Gemüse Beckstedt“. Am 19. Februar werden die Ernteanteile per Bieterrunde vergeben.
12.02.2021, 14:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Kerstin Bendix-Karsten

Wenn es draußen richtig kalt ist, haben sie Saison: Steckrüben, Rosenkohl, Knollensellerie und Rote Beete. Genau diese Wintergemüse sind es, die auch Irmtraud Keppler seit einigen Wochen in ihrer Gemüsekiste findet, die sie seit rund zehn Monaten jede Woche vom Hollerhof aus Diepholz bekommt. „Rote Beete kann ich langsam nicht mehr sehen“, gesteht die 66-jährige Harpstedterin. Das ändert allerdings nichts daran, dass sie von dem Konzept des Hollerhofes überzeugt ist. Dieser ist als Solawi organisiert – und das steht für „Solidarische Landwirtschaft“.

Das Prinzip einer Solawi ist einfach: Man braucht einen Bauernhof und mehrere Mitstreiter aus der näheren Umgebung, die ihn im Voraus durch einen monatlichen Festbetrag finanzieren. Im Gegenzug erhalten sie das ganze Jahr wöchentlich eine Gemüsekiste mit Produkten aus biologischem Anbau – regional und saisonal erzeugt. Notfalls auch mal mit einer krummen oder zu klein geratenen Gurke. „Der Landwirt muss nicht mehr auf den Markt gehen und damit das Risiko tragen, seine Erzeugnisse dort nicht los zu werden. Er bekommt in der Solawi die Produktion bezahlt, nicht die Produkte. Alle sind am Risiko beteiligt“, erklärt Irmtraud Keppler. Das sei eine Umstellung, weiß die 66-Jährige aus eigener Erfahrung. Denn zuvor habe sie zwar auch schon Bio-Ware gekauft, aber nicht jahreszeitgemäß. „Was es wirklich heißt, wenn es im Winter nur Wintergemüse gibt, war mir vorher gar nicht so bewusst“, erzählt sie.

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Künftig will Irmtraud Keppler ihr Gemüse noch regionaler beziehen als ohnehin schon. Statt aus dem rund 40 Kilometer entfernten Diepholz soll ab April ihre wöchentliche Gemüsekiste aus der Samtgemeinde Harpstedt kommen. Ein Landwirt, der mitmacht, ist bereits gefunden. Rene Dolling aus Beckstedt will Anbauflächen für Ernteanteile auf seinen Äckern und im Gewächshaus für die Solawi-Mitglieder reservieren. Nachdem der hierfür erforderliche Verein – die Solawi „Wildes Gemüse Beckstedt“ – bereits Mitte Januar gegründet wurde, muss nun nur noch eine Hürde genommen werden, damit die Harpstedter Solawi starten kann: die Vergabe der Ernteanteile. Dies ist für kommenden Freitag, 19. Februar, ab 19 Uhr auf dem Koems-Gelände geplant.

Nicht nur für Betuchte

Potenzielle Gemüseabnehmer können auf der Mitgliederversammlung des Vereins in einer Bieterrunde für das kommende Gartenjahr – 1. April 2021 bis 31. März 2022 – einen Ernteanteil erwerben. Sowohl für Familienkisten als auch Ein-Personen-Kisten wird je nach finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Bieter und den Anforderungen des Landwirts in der Bieterrunde ermittelt, wie die benötigte Summe gemeinschaftlich zusammenkommen kann. „Der Richtwert für einen Ernteanteil ist 85 Euro pro Monat“, erläutert Irmtraud Keppler, Vorsitzende des Vereins. Je nach Einschätzung der eigenen finanziellen Lage könne das Gebot über oder unter diesen 85 Euro liegen. „Wenn sich eine Familie die 85 Euro nicht leisten kann, kann sie auch beispielsweise 70 Euro bieten. Ein anderer, der es sich leisten kann, bietet dann vielleicht 100 Euro“, erläutert Keppler das Prinzip. Sie betont, dass die Grundidee der Solidarität mit dem Landwirt und der Ernteteilnehmer untereinander im Vordergrund steht. Die regional und ökologisch angebauten Gemüse sollen nämlich nicht nur einem Kreis von gut Betuchten zugänglich sein, sondern auch Menschen mit geringem Einkommen.

Sollte nach der ersten Bieterrunde nicht die benötigte Summe zusammenkommen, damit der Landwirt rentabel arbeiten kann, wird eine zweite Runde gestartet. Maximal drei Runden soll es geben. „Wenn wir die benötigte Summe dann immer noch nicht erreicht haben, muss man sich überlegen, wie wir damit umgehen. Vielleicht wird einfach weniger in die Kiste gepackt“, merkt die Vereinsvorsitzende an. Doch sie ist zuversichtlich, dass es nicht soweit kommt.

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Die Nachfrage nach den Ernteanteilen war im Vorfeld bereits recht groß. „Uns liegen 35 Interessenbekundungen vor“, verrät Keppler. Ob alle kommen und tatsächlich mitbieten werden, weiß sie nicht: „Es ist natürlich immer auch Schwund.“ Die Zielsetzung ist jedoch klar: Es müssen mindestens 25, aber höchstens 40 Ernteanteile vergeben werden. „Wir wollen es zum Start in einem überschaubaren Rahmen halten – sowohl für uns als auch für den Landwirt“, erklärt die Vereinsvorsitzende.

Von Kartoffel bis Haferwurzel

Wer einen Ernteanteil erwirbt, kann sich auf eine wöchentliche Gemüsekiste freuen. In dieser finden sich je nach Saison rund 50 verschiedene Bio-Gemüse- und Kräutersorten inklusive Kartoffeln, Salate, Tomaten, Möhren, Gurken, Paprika, Zwiebeln sowie verschiedene Kohlsorten. Auch alte Gemüsesorten wie Wilde Rauke, Steckrüben und Haferwurzeln werde es geben. Gesät und gepflanzt wird sowohl auf dem Feld als auch in zwei Folientunneln. Zusätzlich bietet der Beckstedter Landwirt die Möglichkeit, Bio-Eier und Geflügel sowie Honig dazuzukaufen.

Neben dem Gemüse stehen bei der Solawi auch die Mitarbeit, der Austausch und die Gemeinschaft im Vordergrund. Jeder darf sich – nach Lust und Laune – an notwendigen Arbeiten und Planungen beteiligen. „Eine Pflicht der Mitwirkung besteht nicht“, betont der Verein. Auch hier herrsche das Solidaritätsprinzip: Jeder kann sich einbringen, aber keiner muss. Es gibt diverse Arbeitsgruppen innerhalb des Vereins. So soll es unter anderem eine Handwerks- und Kochgruppe geben. Aufgrund der Corona-Krise wird voraussichtlich auch eine Gruppe das Packen der Gemüsekisten übernehmen. Zudem ist eine Homepage geplant, auf der dann zum Beispiel auch Rezeptideen zu finden sein sollen. „Es ist ein breites Feld an Möglichkeiten, wie man sich einbringen kann“, meint Irmtraud Keppler. „Es sind aber auch Nur-Gemüse-Esser willkommen“, fügt sie hinzu.

Weitere Informationen

Teilnahme am Bieterverfahren

Aufgrund der geltenden Corona-Regeln gibt es eine wichtige Einschränkung für die Mitgliederversammlung, an die sich der Verein „Wildes Gemüse Beckstedt“ bei der Bieterrunde am Freitag, 19. Februar, ab 19 Uhr halten muss: Nur Vereinsmitglieder können teilnehmen und einen Ernteanteil erwerben. Um auch Kurzentschlossenen eine Chance für die Bieterrunde zu geben, wird der Verein Eintrittsformulare am Eingang des Koems-Saales auslegen, sodass ein Soforteintritt möglich ist. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 24 Euro pro Jahr.

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