Klimaresistenter Nadelbaum

Harpstedter Zapfen für 350 000 neue Küstentannen

Es war eine klebrige Angelegenheit, bei der viel Babyöl zum Einsatz kam. Im Harpstedter Wald haben Forstleute eineinhalb Tonnen Tannenzapfen geerntet. Sie sollen für 350 000 neue Setzlinge reichen.
04.09.2020, 17:23
Lesedauer: 3 Min
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Harpstedter Zapfen für 350 000 neue Küstentannen
Von Jochen Brünner

Anderthalb Tonnen Küstentannen-Zapfen hat die Forstsaatgut-Beratungsstelle der Niedersächsischen Landesforsten jetzt im Harpstedter Wald ernten lassen. Wie Landesforsten-Sprecher Rainer Städing berichtet, kam für die Aktion diesmal eine selbst fahrende Arbeitsbühne zum Einsatz. Auf Gummiraupen steuerte Forstunternehmer Jan Culemann aus Ebstorf den Hubsteiger unter die fünfzigjährigen Bäume. Vier Spinnenbeine wurden seitlich ausgefahren, um den Steiger exakt auszurichten und die Arbeitsbühne gefahrlos in die 30 Meter hohen Kronen zu heben. „Mit dem Hubsteiger kommen wir auch an die für Baumkletterer zu brüchigen Ast- und Kronenspitzen“, sagt der gelernte Forstwirtschaftsmeister. „Die Zapfenernte ist daher viel sicherer und bis zu dreimal so ergiebig wie beim traditionellen Pflücken.“

Die Zapfenernte muss jetzt, kurz vor der Reife erfolgen. Denn sei der Tannenzapfen erst mal reif, zerfalle er und lasse sich nicht mehr ernten, wie Städing erklärt. Nach Einschätzung des Zapfenbehanges mit dem Fernglas steuert Culemann einen Baum an und nimmt zunächst eine Probe, die er seinem Kollegen am Boden hinunterwirft. Frank Völkel, der als zweiter Mann von unten für die Sicherheit sorgt, schneidet die Zapfen auf und bewertet den Anteil hohler, nicht keimfähiger Samen. „Bei zu viel Hohlkorn wird der Baum nicht beerntet und wir steuern den nächsten Kandidaten an. Manche Zapfen sind vom Fichtenzapfenzünsler befallen, die werden ebenfalls nicht gepflückt.“

Bei den Harpstedter Küstentannen ging die Ernte in diesem Jahr sehr schnell. Binnen drei Tagen wurden 50 Bäume mit durchschnittlich 30 Kilogramm Zapfen beerntet. „Wir pflücken jeden Zapfen mit der Hand. Da die Zapfen sehr harzhaltig sind, säubern wir unsere Hände ständig mit Babyöl, sonst würden uns die Finger zusammenkleben“, erläutert Culemann die Arbeit.

In der Forstsaatgut-Beratungsstelle in Oerrel bei Munster reifen die Zapfen bis Anfang Oktober, dann werden die Samen gewonnen, gereinigt und getrocknet. „Die Samen sollen für 350 000 Setzlinge reichen, die in verschiedenen Baumschulen angezogen werden“, sagt Andreas Preuß, Leiter der Saatgutstelle. „Obwohl diese nordamerikanische Baumart seit 150 Jahren angepflanzt wird und eine sturm- und trockenheitsresistente Alternative zur Fichte sein kann, verzeichnen wir keine steigende Nachfrage. Die Baumart ist niedersachsenweit wohl noch zu wenig bekannt, und sie ist in den ersten Jahren nach der Pflanzung auch empfindlich gegen Wildverbiss“, erläutert Preuß. „Maßgeblich ist, dass die Baumart immer in Mischung mit heimischen Arten wie zum Beispiel der Buche gepflanzt wird. Auch in Mischwäldern mit vielen Baumarten auf gleicher Fläche kann die Küstentanne als sehr flexible Mischbaumart dienen.“

„Wenig bekannt ist, dass zwei Tannenarten im Nordwesten Niedersachsens schon lange verbreitet sind, die die Fichte durchaus teilweise ersetzen können“, sagt Städing. Nämlich die Große Küstentanne aus dem Westen Nordamerikas und die europäische Weißtanne. Während die schnellwüchsige Küstentanne vor dem Hintergrund des immensen Holzverbrauchs Bedeutung hatte, sei die Weißtanne bis vor wenigen Jahren das „Aschenputtel“ unter den Nadelbäumen gewesen – unter anderem, weil sie unter den Schwefel-Immissionen in den 1980er Jahren sichtbar litt und sich erst seit einigen Jahren wieder erholt hat.

Beiden Tannenarten ist gemeinsam, dass sie sich durch ihr Pfahl- und Senkwurzelsystem stabil im Boden verankern und gut versorgen können. „Das ist ein wichtiges Kriterium in einem klimastabilen Zukunftswald, der vermehrt Stürme aushalten muss“, betont der Landesforsten-Sprecher. Dazu seien beide Tannen resistenter gegen Trockenperioden.

Die zuwachsstarke Küstentanne wurde besonders nach dem Sturm 1972 auf die Freiflächen gepflanzt. „So gibt es im alten Oldenburger Land mit Ostfriesland und bis nach Syke mit 530 Hektar Küstentannen-Waldbeständen einen deutlichen Anbauschwerpunkt“, weiß Städing. In der mittelfristigen Planung der Niedersächsischen Landesforsten sei vorgesehen, den Anteil der Küstentannen, die in ihrer Heimat bis zu 60 Meter groß werden können, in den zukünftigen Mischwäldern auf 1,2 Prozent (etwa 3800 Hektar Waldfläche) zu steigern.

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