'Wie wäre es, wenn wir hier blieben?' 125 Jahre Landkreis Osterholz und Künstlerkolonie Worpswede

Landkreis Osterholz. Am 9. März 1885 trat zum ersten Mal der Osterholzer Kreistag zusammen; mit der Kreisordnung vom 1. April 1885 wurden die Ämter Lilienthal und Osterholz zu einer Gebietskörperschaft zusammengelegt. Damit begann die Geschichte des Landkreises Osterholz.
18.05.2010, 03:03
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Jäger

Landkreis Osterholz. Am 9. März 1885 trat zum ersten Mal der Osterholzer Kreistag zusammen; mit der Kreisordnung vom 1. April 1885 wurden die Ämter Lilienthal und Osterholz zu einer Gebietskörperschaft zusammengelegt. Damit begann die Geschichte des Landkreises Osterholz, dessen 125-jähriges Jubiläum dieses Jahr gefeiert wird. Zeitgleich nimmt eine andere Geschichte ihren Anfang, die ebenfalls bis heute weiterwirkt und das Image und die Außenwirkung des Landkreises entscheidend mitgeprägt hat - die Geschichte des Künstlerortes Worpswede.

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr vor der folgenreichen Gründungsver-sammlung des Osterholzer Kreistages, am 13. September 1884, besucht der 18-jährige Kunststudent Fritz Mackensen zum ersten Mal Worpswede. Das abgelegene Dorf und die Landschaft des Teufelsmoors beeindrucken ihn so nachhaltig, dass er in der Folge immer wieder hierher kommt und schließlich, fünf Jahre später, auch zwei weitere junge Malerkollegen - ebenfalls Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie - für einen ausgedehnten Sommeraufenthalt mitbringt. Mit diesen 'Malferien' beginnt die eigentliche Geschichte des Künstlerorts Worpswede.

Denn ebenso wie Fritz Mackensen sind die beiden Maler Hans am Ende und Otto Modersohn restlos begeistert von der kargen Schönheit der Moorlandschaft mit ihren dramatischen Wolkenstimmungen und dem magischen Licht, die so viele malerische Möglichkeiten eröffnen. Als sich nun die Tage der Sommerfrische dem Ende zuneigen, haben die Drei plötzlich die zündende Idee: 'Wie wäre es, wenn wir überhaupt hier blieben, zunächst mal sicher bis zum letzten Tage des Herbst, ja, den ganzen Winter? Wir werden Feuer und Flamme, fort mit den Akademien, nieder mit den Professoren und Lehrern, die Natur ist unsere Lehrerin und danach müssen wir handeln. Ja, das war ein denkwürdiger Tag.' So schildert ihn Otto Modersohn in seinem Tagebuch -diesen Moment, der zur Geburtsstunde der Künstlergemeinschaft und Künstlerkolonie Worpswede wird.

Berühmtheit über Nacht

Was in den darauf folgenden Jahren geschieht, lässt sich als eine beinahe unglaubliche Erfolgsgeschichte erzählen. Der kühne Entschluss der drei Maler, sich in Worpswede niederzulassen, lockt weitere Künstler an. Unter ihnen sind Heinrich Vogeler, der 1894 als 22-Jähriger ins Künstlerdorf kommt und 1898 die junge Paula Becker die heute als Paula Modersohn-Becker Weltruhm genießt. Als Paula Becker nach Worpswede kommt, ist der Künstlerort bereits in aller Munde. Denn schon 1895 konnten die Künstler der ersten Stunde ihren Durchbruch feiern - mit einer Ausstellung in der Bremer Kunsthalle und im Münchener Glaspalast, in der sie mit ihren Bildern für Aufsehen und Staunen sorgten. Das bis dahin völlig unbekannte Moordorf Worpswede hatte in der Kunstwelt über Nacht nationale Berühmtheit erlangt.

Die Künstlerkolonie Worpswede zieht in der Folge neben zahlreichen weiteren Malern, die sich ebenfalls dem ursprünglichen Leben und Malen in der Natur widmen wollen, auch Schriftsteller und Intellektuelle an. Unter ihnen ist auch der junge Rainer Maria Rilke, der um 1900 zum engsten Kreis der Worpsweder Künstlerfreunde stößt. Zum Treffpunkt der 'Künstlerfamilie' wird Heinrich Vogelers 'Barkenhoff'.

Bald schon kommen auch die ersten 'Kultur-Touristen' nach Worpswede. Bürger der Bremer Gesellschaft wollen den im Freien arbeitenden Malern über die Schulter schauen und die herrliche Moorlandschaft, die sie von den Gemälden kennen, selbst entdecken. Daran hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht viel geändert: Bis heute ist Worpswede ein herausragender Anziehungspunkt für Künstler und Kunsthandwerker sowie für viele Tausend Gäste aus aller Welt. Im Reigen der europäischen Künstlerkolonien nimmt Worpswede mit seinen rund 150 heute hier lebenden Künstlern und Kunsthandwerkern eine absolute Sonderstellung ein. Denn das Dorf im Teufelsmoor ist als einzige der über 100 historischen Künstlerkolonien bis heute ein lebendiger Künstlerort geblieben.

Masterplan Worpswede

Eine reiche Museumslandschaft, zahlreiche Galerien und Ateliers sowie die landschaftlichen Reize des Teufelsmoors machen Worpswede heute zu einem kulturtouristischen Ausflugs- und Reiseziel mit besonderer Ausstrahlung. Kunst und Künstler stehen dabei im Mittelpunkt: Allein fünf Museen im Ort laden zu ausgedehnten Kunst-Exkursionen ein. Zwei von ihnen - die von Bernhard Hoetger 1927 erbaute Große Kunstschau Worpswede und Heinrich Vogelers Barkenhoff - sind in den vergangenen Jahren aufwändig saniert worden. Und auch die weiteren Museen und die bedeutenden Künstlergärten des Orts werden in den kommenden zwei Jahren im Rahmen des Großprojekts 'Masterplan Worpswede' umfassend restauriert, modernisiert und aufgewertet. Damit beginnt - wieder einmal - ein neues Kapitel in der so reichen Kunst- und Kulturhistorie des Künstlerorts Worpswede.

Kultur schafft Identität

Doch Worpswede hat nicht nur sich selbst immer wieder aufs Neue künstlerisch und kulturell befruchtet - die künstlerische Produktivität des Orts hat auch auf die gesamte Region ausgestrahlt.

So kommt es, dass der Landkreis Osterholz auch jenseits des Künstlerdorfs kulturell besonders viel zu bieten hat. Ob in der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck oder in den weiteren Gemeinden des Landkreises: Überall gibt es zahlreiche kulturelle Aktivitäten und Angebote, für Bewohner ebenso wie für Besucher.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei - das verwundert nicht - die bildende Kunst ein. Aber auch andere Kunstformen kommen nicht zu kurz, so zum Beispiel das intensiv gepflegte (plattdeutsche) Theater oder die Musik.

Diese kulturelle Vielfalt schafft Identität für die Bewohner der Region und macht den Landkreis Osterholz attraktiv - für Neubürger ebenso wie für die vielen tausend Gäste, die jährlich hierher kommen. Und das eigentümlich faszinierende Licht, das schon die Maler der ersten Stunde in seinen Bann zog, verzaubert Bewohner und Besucher - heute wie damals.

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