Landrat erinnert zum 'Tag der Heimat' an die Nachkriegszeit / 'Am Miteinander führt kein Weg vorbei' Als der Landkreis ein 'Barackenkreis' war

Osterholz-Scharmbeck. Beim diesjährigen 'Tag der Heimat' herrschte im Saal des Hotels Tivoli drangvolle Enge. Der zweite Vorsitzende des BdV-Ortsverbands, Horst Rosenberg, freute sich über 115 Gäste.
19.10.2010, 05:00
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Von Reinhard Bohling

Osterholz-Scharmbeck. Beim diesjährigen 'Tag der Heimat' herrschte im Saal des Hotels Tivoli drangvolle Enge. Der zweite Vorsitzende des BdV-Ortsverbands, Horst Rosenberg, freute sich über 115 Gäste.

Das Motto für 2010 lautet 'Durch Wahrheit zum Miteinander'. Die Vorsitzende des Ortsverbandes Osterholz-Scharmbeck, Ingeborg Ellmers, sagt dazu, für sie setze dies Offenheit und Loyalität im Umgang miteinander voraus.

Ellmers: 'Die meisten hier im Saal kennen die Flucht und Vertreibung mit all ihren schmerzlichen Auswirkungen. Dennoch - oder gerade deshalb - wurde in der Charta vom 5. August 1950 zum Ausdruck gebracht, auf Rache und Vergeltung zu verzichten und mit allen Völkern sowie Nachbarstaaten in Frieden zu leben.' Dieses vor 60 Jahren gegebene Versprechen, so Ellmers, wurde umgesetzt und ein wesentlicher Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands geleistet.

Frieda Krüger und Eva Hülsen nicken zustimmend. Die Erstgenannte stammt aus dem Kreis Neidenburg in Ostpreußen, wohnte später in Hamburg und fühlt sich seit 1965 in Osterholz-Scharmbeck zu Hause. Die 83-Jährige fährt seit vielen Jahren einen Polo. 'Wir können ja zusammen alt werden', lacht die rüstige Rentnerin. Eva Hülsen aus der Ahrensfelder Straße muss in Anbetracht ihrer 83 Jahre gesundheitsbedingt etwas kürzer treten. Sie kommt aus dem Ostseebad Kolberg (Hinterpommern), lebte bereits in Braunschweig und hat ihr Domizil seit 1968 in der Kreisstadt. 'Wir könnten so viel erzählen', sagen beide übereinstimmend.

Die beiden Damen lauschen voller Interesse, als Landrat Dr. Jörg Mielke in seiner Festansprache - vor dem Hintergrund aktueller Fragen nach der Integration neuer Mitbürger - die Geschichte des Landkreises Osterholz nach dem Zweiten Weltkrieg Revue passieren lässt. Mielke: 'Das heutige Kreishaus-Gelände war der Standort eines Durchgangslagers. 1948 hatte der Landkreis den Spitznamen ,Barackenkreis?'. In einem Kreisbericht von damals habe es geheißen, auf einen Wohnraum kamen zwei Menschen. Umgerechnet seien das für jeden Einzelnen 5,6 Quadratmeter Wohnfläche gewesen.

Die Überlastung des Landkreises Osterholz erwies sich in jenen Jahren als Problem. Laut Mielke wurde die Misere überwunden, weil die meisten der Alteingesessenen und der Neuankömmlinge sich den Unbilden gemeinsam stellten. Das belegt nach Meinung des Landrates auch die Fähigkeit des Menschen, in schwierigen Zeiten zusammen Neues schaffen zu können. Jörg Mielke interpretiert das Motto zum Tag der Heimat so: 'In Wahrheit zum Miteinander - am Miteinander führt in Wahrheit kein Weg vorbei.'

Der Kreisvorsitzende der Europa-Union, Marcus Oberstedt, erinnert in seinem Grußwort an die BdV-Charta 1950. Darin heißt es: 'Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.' Dies, so Oberstedt, sei die Grundlage der heutigen EU.

In den nun folgenden Streiflichtern durch die ehemaligen Provinzen Pommern, West- und Ostpreußen sowie Schlesien/Sudetenland lassen Horst Rosenberg, Ingeborg Ellmers und Dr. Hartwig Koziel die Geschichte aufleben; sie garnieren die Erinnerungen auch mit humorvollen Passagen. Unter der Leitung von Christian Geffken sorgen die Harmonika-Freunde Ritterhude in kleiner Besetzung für gekonnte musikalische Unterhaltung. Zum Mitsingen der Nationalhymne muss am Ende niemand eigens ermuntert werden.

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