Gespräch mit Pfarrer Lagowski „Am Karfreitag sollte Stille herrschen“

Die Katholiken verbringen den Karfreitag in Stille. Jozef Lagowski von der katholischen Pfarrgemeinde Heilige Familie erklärt die Gründe.
28.03.2018, 17:59
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Michael Schön
Ostern ist das theologisch wichtigste Fest der Christenheit. Es erinnert an das Leiden, das Sterben und die Auferstehung Jesu. Warum fällt es denn immer auf ein anderes Datum?

Jozef Lagowski: Das christliche Ostern knüpft an das jüdische Passahfest an, das nach dem babylonischen Mondkalender auf eine Vollmondnacht und damit jedes Jahr auf ein anderes Datum fiel. Während des Konzils von Nicäa im Jahr 325 legte der römische Kaiser Konstantin I. fest, dass das christliche Osterfest am Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn gefeiert werden sollte. Da der Frühlingsanfang seit 1582, Einführung des gregorianischen Kalenders, immer der 21. März ist, kann Ostern frühestens auf den 22. März und spätestens auf den 25. April fallen.

Was an der österlichen Tradition ist eigentlich wirklich von den Christen begründet, was heidnisch? Viele Feiertage haben ja ihren Ursprung in vorchristlicher und vorkalendarischer Zeit.

Ostern hat überhaupt keine heidnischen Elemente. Wenn Sie so wollen, wurde alles, was meinetwegen seinen Ursprung in einer Naturreligion hatte und von den Christen übernommen wurde, geweiht, also seiner religiösen Bestimmung übergeben.

Wie verhält es sich mit Osterhasen und Ostereiern?

Der Hase schläft mit offenen Augen, womit er für eine Mahnung an die Christen steht, wachsam zu sein. Er gilt auch als Auferstehungssymbol, und seine Fruchtbarkeit legt für viele Menschen eine Verbindung zum Frühling nahe. Auch die Eier sind als Symbol für die Entstehung neuen Lebens zu betrachten.

Was unterscheidet das katholische Ostern vom protestantischen? In den römisch-katholischen Kirchen werden bis zur Osternacht die Glocken nicht geläutet, und es ertönt auch kein Orgelspiel. Und Kindern wird erzählt, dass kein Geläut zu hören ist, weil die Klöppel der Glocken nach Rom fliegen.

Karfreitag schweigen die Glocken, denn es ist ja im Gedenken an den Tod von Jesus ein trauriger Tag, doch der Klang der Glocken ist ein feierlicher. Ansonsten bin ich als Katholik der falsche Ansprechpartner, weil ich Ostern noch nie in einer evangelischen Kirche war. Mir fällt dazu aber ein, dass manche Messdiener mit Ratschen klappernd durchs Dorf ziehen. Ein uralter Brauch, der sich in manchen Gegenden erhalten hat. Ich glaube, dass in Bezug auf Ostern Katholiken und Protestanten wenig trennt. Es sind allenfalls Nuancen.

Die Kirche verliert Mitglieder, das Osterfest an Bedeutung. In Bremen wird am Karfreitag Sport getrieben. Dort gab es jetzt auch erneut eine heftige Diskussion, ob die Osterwiese an diesem Tag geöffnet werden sollte oder nicht. Wie denken Sie darüber?

Als ich vor 15 Jahren in Hemmoor meine erste deutsche Pfarrstelle angetreten habe, war ich überrascht, dass Karfreitag hier ein Feiertag ist. Im zu 90 Prozent katholischen Polen wird Karfreitag gearbeitet, und die Kinder gehen zur Schule, um dann am Nachmittag zur Messe zu gehen. Wenn der Karfreitag hierzulande kein Feiertag wäre, könnte ich also recht gut damit leben. Aber wenn wir ihn schon haben, dann sollte am Karfreitag bei allem Respekt Stille herrschen, denn wir feiern ja nicht den Tod, sondern das Wunder der Auferstehung. Tod und Auferstehung gehören zusammen. Interessant in diesem Zusammenhang, dass 80 Prozent der Tschechen nicht getauft sind, dort aber vor einigen Jahren der Karfreitag als gesetzlicher Feiertag eingeführt wurde.

Bei den Katholiken sind mehr Feiertage im Kalender notiert. Sind Feiertage wichtig, möglicherweise jenseits ihrer religiösen Bedeutung?

Mir ist bewusst, dass wir in Europa leben, von der griechisch-römischen Kultur und vom Christentum mit seinen Feiertagen geprägt sind. Diese Feiertage haben einen religiösen Ursprung, der heute vielen Menschen nicht mehr bewusst ist. Ihre Frage zielt sicher auf die Bedeutung des Feiertags für die Familie. Ich bin mir da nicht sicher, ob er immer so genutzt wird, wie es der Tradition des Feiertags entspricht. Die Adventszeit beispielsweise ist eine Zeit der Besinnung, doch ich verbinde sie inzwischen mit dem Gedanken an Hektik, ans schnelle Einkaufen. Die ersten Weihnachtsbäume sind schon im November auf dem Markt.

Drängt sich die Frage an den katholischen Geistlichen auf, was er davon hält, dass die Protestanten ihr Feiertagsdefizit gegenüber den Süddeutschen verringern wollen, indem sie in den norddeutschen Landen den Reformationstag am 31. Oktober zum gesetzlichen Feiertag erheben?

Da habe ich als Katholik keine Meinung. Das ist Sache der evangelischen Kirche und der Politik in den protestantisch geprägten Ländern.

Das Interview führte Michael Schön.

Info

Zur Person

Jozef Lagowski

ist in Krakau aufgewachsen. Vor 15 Jahren trat Lagowski in Hemmoor seine erste deutsche Pfarrstelle an. Die Priesterweihe erhielt der gebürtige Pole am 4. Juni 1989 in der Kathedrale von Tarnów durch Bischof Jerzy Ablewicz. Nach sieben Jahren in der polnischen Heimat ging er Mitte der 90er-Jahre nach Tschechien. Wegen des Priestermangels holte ihn der damalige Hildesheimer Bischof Homeyer 2001 mit weiteren polnischen Geistlichen nach Deutschland. Auf Stationen in Hemmoor und östlich von Hildesheim folgte im Herbst 2011 der Wechsel nach Osterholz-Scharmbeck in die katholische Pfarrgemeinde Heilige Familie. Heute ist er als Pfarrer für 6500 Gemeindemitglieder zuständig. Die Heilige Familie wurde 2013 mit den damals selbstständigen Pfarreien Guter Hirt Lilienthal und St. Birgitta Marßel zusammengelegt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+