Wie bei Tante Emma: Hepstedts einziges Lebensmittelgeschäft ist der Hofladen von Marlis Jagels Anschreiben erlaubt – außer bei Zi garetten

Er nennt sich „Hofladen Jagels“, ist an sieben Tagen die Woche geöffnet und in Wahrheit ein richtiger Tante-Emma-Laden mit allem, was der Mensch so zum Leben braucht. Sogar selbst gebackenen Kuchen gibt es, erfuhr Johannes Heeg im Gespräch mit der einzigen Mitarbeiterin und Inhaberin Marlis Jagels.
08.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Er nennt sich „Hofladen Jagels“, ist an sieben Tagen die Woche geöffnet und in Wahrheit ein richtiger Tante-Emma-Laden mit allem, was der Mensch so zum Leben braucht. Sogar selbst gebackenen Kuchen gibt es, erfuhr Johannes Heeg im Gespräch mit der einzigen Mitarbeiterin und Inhaberin Marlis Jagels.

Wie läuft der Laden?

Marlis Jagels: Zwischen den Jahren war wenig los. Da sind weniger Pendler unterwegs als sonst, so dass der Brötchenbedarf schlecht zu kalkulieren ist. Aber im Prinzip wird unser Hofladen gut angenommen. Er trägt sich, wirft aber nicht so viel ab, dass ich eine Mitarbeiterin bezahlen könnte. Wenn ich mit meinem Mann im Februar zwei Wochen Urlaub mache, vertritt mich unsere Tochter. Unser Haupttag ist der Sonnabend, da stehen die Kunden schon mal Schlange.

Im August und September war der Hofladen geschlossen. Haben die Hepstedter ihn vermisst?

Ich glaube schon. Jedenfalls hab’ ich das so gehört im Dorf. Wir hatten neun Wochen geschlossen, weil wir das Haus umgebaut haben. In dieser Zeit habe ich auch eine neue Hüfte bekommen.

Wie kamen Sie dazu, einen Hofladen zu eröffnen?

Meine Eltern hatten einen Marktstand auf dem Achimer Wochenmarkt, und ich habe als Kind geholfen, was ich faszinierend fand. Da ist ein eigener Hofladen nur konsequent, zumal es sonst keinen Lebensmittelladen im Ort gibt. 1988 haben wir begonnen, Spargel zu produzieren und auf dem Hof zu verkaufen. Aus dem Spargelverkaufsraum haben wir im Jahr 2000 den Hofladen gemacht. Auf rund 60 Quadratmetern führen wir außer Lebensmitteln und Getränken auch Zeitungen, Zeitschriften, Trauer- und Glückwunschkarten, Körperpflegeprodukte, Olivenöl aus Wilstedt sowie Backwaren von Sammann aus Fischerhude. Wird etwas gewünscht, was es bei uns nicht gibt, besorgt mein Mann das in der Metro. Er muss ohnehin regelmäßig nach Bremen, um Kartoffeln an Restaurants auszuliefern.

Woher wissen Sie, was der Kunde will?

Gute Frage. Wir haben schon mal eine Umfrage gemacht, haben Zettel im Dorf verteilt. Die meisten haben nur geantwortet: Alles gut, macht mal weiter so. Von Kindern kam zum Beispiel der Wunsch nach Sammelkärtchen. Wie schon gesagt, bei den Brötchen ist der Bedarf schwer einzuschätzen. Wenn die um 8 Uhr alle sind, fährt mein Mann nach Tarmstedt und holt Nachschub. Das kommt häufig vor.

Dürfen die Leute bei Ihnen anschreiben?

Ja, außer es geht um Zigaretten. Einer unserer Kunden bezahlt seine Brötchen einmal im Monat, ein anderer einmal die Woche. Und es gibt Menschen, bei denen zum Monatsende hin das Geld knapp wird. Bisher hab’ ich mein Geld immer bekommen – bis auf eine Ausnahme, da hat mich einer hängen lassen.

Schmeißen Sie viel weg?

Nein, das hält sich im Rahmen. Wir versuchen, gut zu planen. Es sieht zwar besser aus, wenn die Obst- und Gemüseregale voll sind, aber wir müssen wirtschaftlich denken. Wir essen auch nicht alles selbst auf, was übrig bleibt, sondern spenden das an die Tafel. Im vorigen Frühjahr hat die Tarmstedter Tafel zum Beispiel 140 Kilo Spargel von uns bekommen.

Würde denn etwas fehlen, wenn es in Hepstedt ihren Laden nicht gäbe?

Klar, die Leute müssten sonst wegen jeder Kleinigkeit nach Tarmstedt fahren. Außerdem hat der Laden auch so etwas wie eine soziale Funktion. Kinder, die bei mir Süßigkeiten kaufen, lernen den Umgang mit Geld. Viele kommen ja auch zum Schnacken rein. Wie beispielsweise ein Rentner, der jeden Morgen um halb zehn seine zwei Brötchen holt. Oder die beiden 85-jährigen Damen, die einmal die Woche zur Kaffeezeit mit ihren Rollatoren reinkommen und ganz vorne sitzen wollen, damit sie alles mitkriegen. Wir sind hier eine Anlaufstelle und Informationsbörse. Wenn im Dorf die Glocke läutet, erfahren die Leute bei uns, wer gestorben ist. Und ich sehe das auch nicht so eng, wenn mal jemand nach Feierabend kommt und dringend Milch oder Klopapier braucht.

Was stammt denn von dem, was sie verkaufen, aus eigener Erzeugung?

Den Kuchen beispielsweise backe ich selbst. Ansonsten kommen die Kartoffeln und der Spargel von unserem landwirtschaftlichen Betrieb. Das Obst beziehen wir aus dem alten Land. In der Saison werden die Erdbeeren, die wir auch in unseren Verkaufshütten in Tarmstedt, Zeven und Hüttenbusch anbieten, täglich frisch geerntet angeliefert. Unsere Wurst kommt von Schlachtern aus Kirchtimke und Nartum. Früher haben wir alle paar Wochen ein Schwein geschlachtet, doch das können wir jetzt nicht mehr machen, weil schlichtweg die Auflagen zu streng geworden sind. Es gibt nicht genügend Kundschaft, um noch mehr Selbstproduziertes anzubieten.

Haben Sie viel mit der Bürokratie zu kämpfen?

Vieles macht Sinn, manches verstehe ich nicht so recht. Der Landkreis kontrolliert die Hygiene, schaut sich regelmäßig den Kühlraum und die Tiefkühlung an. Wir müssen die Temperatur dokumentieren. Merkwürdigerweise dürfen wir im Laden keine elektrischen Fliegenfallen verwenden, erlaubt sind lediglich die Klebestreifen, die von der Decke hängen.

Wie lange werden Sie das noch machen?

Ich werde keine 20 Jahre mehr im Laden stehen, das ist klar. Aber im Moment macht es mir Spaß, sieben Tage die Woche auf Achse zu sein. Irgendwie brauche ich das, ich kann nicht stillsitzen. Natürlich spielt auch die Gesundheit eine Rolle.

Zur Person: Marlis Jagels führt den Hofladen Jagels an der Tarmstedter Straße in Hepstedt. Die 60-jährige Steuerfachgehilfin und Hauswirtschaftsmeisterin stammt aus einer Achimer Landwirtsfamilie.

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