Bürgermeister Hollatz: Energiewende hat ihren Preis / Landrat Mielke: Kreis ist bei Windkraft relativ weit vorn Atomausstieg gibt es nicht zum Nulltarif

Lilienthal·Landkreis. Fukushima hat das Vertrauen in die Atomkraft erschüttert. Brände und Explosionen haben die japanischen Reaktoren im Kern getroffen, Stromversorgung und Kühlsysteme lahmgelegt. Aus den strahlenden Ruinen fließt radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Die Mehrheit der Deutschen will die Abschaltung aller Atomkraftwerke so schnell wie möglich. Welche Folgen hätte die Energiewende für den Kreis Osterholz? Mehr Windräder und Biogasanlagen? Die Redaktion hat nachgefragt.
19.04.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Michael Wilke und Cornelia Hagenah

Lilienthal·Landkreis. Fukushima hat das Vertrauen in die Atomkraft erschüttert. Brände und Explosionen haben die japanischen Reaktoren im Kern getroffen, Stromversorgung und Kühlsysteme lahmgelegt. Aus den strahlenden Ruinen fließt radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Die Mehrheit der Deutschen will die Abschaltung aller Atomkraftwerke so schnell wie möglich. Welche Folgen hätte die Energiewende für den Kreis Osterholz? Mehr Windräder und Biogasanlagen? Die Redaktion hat nachgefragt.

Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz glaubt, "dass wir in der Gesellschaft eine neue Akzeptanz in Bezug auf erneuerbare Energien haben werden." Doch das wird in seinen Augen nicht reichen für den beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie. "Die Energiewende ist nicht zum Nulltarif zu haben", sagt Hollatz. "Die Frage wird sein: Was ist der einzelne Bürger bereit zu zahlen für die Veränderungsprozesse?"

Mit dem schnellen Aufbau von Offshore-Windparks im Meer ist es nicht getan. Nötig sind neue Stromleitungen, die den Strom bis nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren, mit neuen Technologien, die auf die starken Schwankungen bei der Stromerzeugung von Windkraft- und Solaranlagen reagieren. Und Stromspeicher, die die verlässliche Versorgung selbst dann sichern, wenn die Sonne nicht scheint und gerade kein Wind weht. Überirdische Stromtrassen mit Masten sind billiger als unterirdische Leitungen, das weiß Hollatz. Der Grüne weiß auch, dass im Energiesparen ein sehr großes Potenzial liegt. Noch gibt die hoch verschuldete Gemeinde Lilienthal Jahr für Jahr über 20000 Euro für die Straßenbeleuchtung aus. Mit moderner LED-Technik ließe sich mehr als die Hälfte davon sparen. Ähnliche Effekte verspricht die energetische Sanierung von Gebäuden durch Wärmedämmung und die Erneuerung von Türen, Fenstern und Heizungsanlagen. "Die Technik entwickelt sich rapide weiter", sagt Hollatz.

Mehr Flächen für Windkraft

Atomausstieg jetzt, die Reaktoren so schnell wie möglich abschalten - und dann? Nach Berechnungen von Greenpeace haben die 17 deutschen Kernkraftwerke eine Gesamtkapazität von 21000 Megawatt, die ersetzt werden müsste. Zum Vergleich: Windkraftanlagen an Land produzieren heute ein bis zwei Megawatt, die großen Offshore-Windräder in der Nordsee fünf bis sechs Megawatt. Die vor der deutschen Nordseeküste geplanten oder im Bau befindlichen deutschen Offshore-Windparks bringen es zusammen auf 1250 Megawatt.

Was tun? "Wenn man in eine Richtung blind vor die Wand gelaufen ist, macht es nicht viel Sinn, sich umzudrehen und gegen die nächste Wand zu laufen", sagt Landrat Jörg Mielke. Noch gebe es keine Klarheit über die Energiepolitik des Bundes und des Landes und darüber, "was sie von uns fordert". Die Vorgaben im aktuellen Landesraumordnungsprogramm hat der Kreis nach Mielkes Worten schon erfüllt. Er weist Flächen für Windkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 50 Megawatt aus. "Was wir jetzt gerade machen, ist eine Verdoppelung der Flächen", sagt der Verwaltungschef im Kreishaus. Im neuen Regionalen Raumordnungsprogramm, dessen Entwurf gerade überarbeitet wurde, sollen Flächen für Windräder mit zusammen 100 bis 166 Megawatt festgeschrieben werden. "Wir liegen damit relativ weit vorn", sagt Mielke.

Dabei hat der Kreis die Mindestabstände zur Wohnbebauung nach Bürgerprotesten von 550 auf 800 Meter heraufgesetzt. Damit fällt der in Heudorf geplante Windpark ebenso flach wie die Erweiterung des Windparks in Oberende, was die Bürgerinitiative "Fünf sind genug" mit Genugtuung zur Kenntnis genommen hat. Allerdings könnten die Betreiber die bestehenden Anlagen von 50 auf 100 Meter erhöhen und auf den neuesten Stand der Technik bringen. Das würde die Kapazität der einzelnen Windräder verdoppeln, von 0,8 auf 1,7 Megawatt. Um den Wegfall von geplanten Windparks in der Nähe von Wohnhäusern zu kompensieren, hat der Kreis an anderen Standorten mehr zugelassen. "Wir haben die Gesundheitsbeeinträchtigungen für Menschen etwas höher gewichtet und dafür die naturschutzfachlichen Aspekte etwas geringer", erklärt Mielke.

Auf dem Ausstiegs-Trip ist der Landkreis seit ein paar Jahren. Der Kreis, die Stadt und die Gemeinden haben ein Konzept für systematisches Energiesparen und den Ausbau erneuerbarer Energien entwickeln lassen; Titel: "Energiewende 2030". Die Experten haben ausgerechnet, dass der Kreis und seine Bewohner bei konsequenter Nutzung moderner Technologien 30 Prozent des Strombedarfs und 40 Prozent des Wärmebedarfs sparen könnte. Windkraft, Biogas und Sonnenkollektoren auf Hausdächern könnten den Import von Strom aus großen Kraftwerken überflüssig machen. Biogas, Biomasse und Sonnenkollektoren könnten Heizöl und Erdgas weitgehend ersetzen und den Importanteil von 99 auf 16 Prozent senken.

Energie aus regenerativen Quellen Mielke weiß, dass das theoretisch Machbare nicht eins zu eins umgesetzt werden kann. Der forcierte Bau von Biogasanlagen würde Monokulturen mit Maisäckern bedeuten, Massen an Windrädern würden die Landschaft verschandeln. Es wird also eine Restmenge an Strom und Heizenergie bleiben, die der Kreis importieren muss. Die Interessengemeinschaft "Fünf sind genug" hat sich erfolgreich gegen den Ausbau des kleinen Windparks in Oberende gestemmt.

Die Atomkatastrophe in Fukushima habe erneut gezeigt, wie wichtig geeignete regenerative Energien seien, sagt Dietmar Höhn, einer der Aktiven. Als Gegner der Atomenergie will er sich für regenerative Energien einsetzen. Doch müsse man die Effizienz der Windkraftanlagen prüfen; die Standortwahl dürfe nicht willkürlich sein. Was der Landkreis in Oberende geplant habe, bringe nichts. "Das ist nur ein Abgreifen von Subventionen, die Windräder arbeiten nicht effizient und der Standort ist nicht geeignet", meint Höhn, der in unmittelbarer Nähe wohnt. Die Anlagen in Schwanewede seien mit 1,8 Megawatt deutlich effizienter als die fünf kleinen Windräder mit ihren 800 Kilowatt. In Heudorf waren vier große Anlagen mit 2,3 Megawatt geplant.

Doch die Planung ruht, denn mit dem Regionalen Raumordnungsprogramm hat der Landkreis dem Bau des kleinen Windparks einen Riegel vorgeschoben - auch wegen des Landschaftsbildes und wegen der Kraniche, die dort rasten. Das weiß Ferdi Plate von der Firma Windstrom in Oyten, die mit den Planung der Anlagen in Heudorf betraut war. Dabei war die Gemeinde Worpswede nicht abgeneigt. Der Gemeinde seien die Hände gebunden, sagt Bürgermeister Stefan Schwenke. Seiner Meinung nach wäre der Bau der Anlagen durchaus genehmigungsfähig. "Gerade nach der Katastrophe in Japan müssen wir umdenken", meint Schwenke. Mit dem vom Landkreis vorgesehenen neuen Mindestabstand von 800 Metern zur Wohnbebauung bleibe Worpswede in Sachen Windenergie ein weißer Fleck.

Alternative Möglichkeiten wie die beiden Biogasanlagen und das Blockheizkraftwerk am Worpsweder Hallenbad, das zugleich Strom und Wärme erzeugt, seien ein Schritt in die richtige Richtung. Doch der Vorteil von Windkraftanlagen liege in der deutliche höheren Effizienz, gerade bei großen Anlagen.

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