„Die Stiftler“ zeigen amüsante Reise-Revue mit dem Norddeutschen Lloyd und dem Dampfer Kaiser Friedrich Auf der Wümme nach New York

Borgfeld. Christine Renken kann so schnell nichts erschüttern. Schon gar nicht als Kapitän auf dem Dampfer Kaiser Friedrich.
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Von Ulrike Schumacher

Christine Renken kann so schnell nichts erschüttern. Schon gar nicht als Kapitän auf dem Dampfer Kaiser Friedrich. „Wenn Sie morgen in Borgfeld an der Wümme die Freiheitsstatue entdecken“, wirft der Chef an Bord lapidar in die Passagierrunde, „dann sind wir zu weit gefahren.“ Kann ja mal passieren. Dass so ein Käpt‘n den Kurs aus dem Blick verliert. Bei all den Aufgaben nebenher. Immerhin, die meistert der stattliche Seemann locker. Aufgetakelten Damen die Technik erklären, Weltstars den roten Teppich ausrollen, alle Gäste bei Laune halten – kein Problem für den Kapitän auf dem Schnelldampfer nach New York. Die neue Welt lockt, und im Borgfelder Restaurant Fleet schwappen die Wogen über die Reling.

Viel Gedöns brauchen die zwölf Akteure aus der Theatergruppe „Die Stiftler“ nicht, um den alten Kahn noch mal flott zu machen. Ein paar Stühle – mit Armlehne für die erste Klasse, für alle anderen ohne – stehen griffbereit, aus einem Lautsprecher dringt Musik, eine Fahne mit Schriftzug in großen Buchstaben zeigt, wohin die Reise geht: gut hundert Jahre zurück und übers Meer. „Heute an Bord, morgen geht’s fort“, heißt das Motto des Abends. Untertitel: „Schiffsreisen zu Zeiten des Norddeutschen Lloyd“. Es ist das aktuelle Programm, das Regisseurin und Autorin Christine Renken für „Die Stiftler“ und mit ihnen geschrieben hat. Es gab schon einen Krimi, ein Theaterstück über eine Senioren-WG oder eines zur Geschichte Bremens.

Einmal pro Woche wird geprobt

Seit sechs Jahren leitet die umtriebige Theaterfrau diese Gruppe, deren Geburtsstunde vor zwölf Jahren schlug. Damals, zum 50-jährigen Bestehen der Bremer Heimstiftung, brachte eine muntere Gruppe von Schauspielern aus den eigenen Reihen Schwung in den Festakt in der oberen Rathaushalle. Ute Büge, die Leiterin des Borgfelder Stiftungsdorfes, wo die Theatergruppe an diesem Abend im Restaurant auftritt, kann sich noch lebhaft daran erinnern. „Daraus sind dann ,Die Stiftler‘ entstanden“, erzählt sie. Die zwölf Mitglieder der Generationen übergreifenden Theatergruppe seien Mieter, Bewohner und Mitarbeiter der Bremer Heimstiftung und deren Kinder. Einmal pro Woche wird in der Stiftungsresidenz Landhaus Horn an der Schwachhauser Heerstraße geprobt. Aus Borgfeld wirke bislang noch keiner bei den „Stiftlern“ mit. Aber vielleicht ist jemand aus dem Publikum jetzt auf den Geschmack gekommen. Die ersten Passagiere stehen schon an der Pier. „Morgen gehen wir an Bord“, singen sie im Chor und schicken ein beherztes „Yes, we can“ hinterher. Auf Platt, weiß der Kapitän, heißt das „Wi makt dat.“ Doch vorher gibt es noch heimische Länderkunde. „Über diese gewissen Damen im Hafen. Die auf der Bordsteinkante unterwegs sind.“ Alles weitere erzählt die blonde Mähne, die Christine Renken sich im nächsten Moment überstülpt, um zum raumgreifenden Tanz anzusetzen. Später tauscht sie die Käpt‘n-Kluft auch mal gegen Trenchcoat und Schiebermütze, um als Mann von der Zeitung einen Ausflug in die Geschichte der 1851 von Hermann Henrich Meier und Eduard Crüsemann gegründeten Reederei Norddeutscher Lloyd zu unternehmen.

Zur Verwandlungskünstlerin gesellt sich die illustre Gesellschaft an Bord. Aufgerüscht und voller Erwartung. Nicht nur wegen Amerika. Auch, weil Sir Enrico – von den Damen umschwärmt und mit einem Geheimnis auf Tour – mit an Bord sein soll. Erblickt haben sie ihn ja noch nicht, aber man ahnt so etwas. Und dann schmettert der Star tatsächlich eines seiner Lieder, dass alle auf der Stelle dahinschmelzen möchten. Große Konkurrenz für das Bord-Orchester. Das gebe es nämlich auch, verrät der Kapitän und zieht mit den Worten „Hier ist es“ eine Blockflöte hervor. Beim Käpt‘ns-Dinner gibt es Kürbiscremesuppe, und die Stühle an Deck sind hart. Ist halt doch mehr Schein als Sein auf der Kaiser Friedrich, die im Übrigen in ihrer wahren Existenz auch hinter den Erwartungen der Erbauer zurück blieb.

Aber „what shalls“, würden die Passagiere jetzt sagen. Amerika liegt voraus. Der Kapitän erscheint als Freiheitsstatue. Die Reise ist zu Ende. Aber das Borgfelder Publikum hat noch lange ein Grienen im Gesicht.

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