Kirchenmann zieht es ins Kreishaus: Warum Superintendent Hans-Peter Daub 2014 Landrat werden will Aus Betroffenen sollen Beteiligte werden

Vom Kirchenkreis zum Landkreis: Hans-Peter Daub, Superintendent in Rotenburg, möchte als Landrat Nachfolger von Hermann Luttmann (CDU) werden. Johannes Heeg sprach mit dem 54-Jährigen, der keiner Partei angehört, über Motive und Ziele.
23.08.2013, 05:00
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Vom Kirchenkreis zum Landkreis: Hans-Peter Daub, Superintendent in Rotenburg, möchte als Landrat Nachfolger von Hermann Luttmann (CDU) werden. Johannes Heeg sprach mit dem 54-Jährigen, der keiner Partei angehört, über Motive und Ziele.

Sie als Kirchenmann wollen Landrat werden. Wie reagiert Ihr Umfeld?Hans-Peter Daub:

Die Reaktionen, die ich selbst unmittelbar erfahren habe, waren ganz überwiegend positiv. Viele verbinden mit meiner Kandidatur zwei Dinge: Engagement für soziale Fragen mit einer guten Kenntnis der sozialen Wirklichkeit sowie Transparenz und Beteiligung als zentrale Aufgaben im Handeln einer Führungskraft.

Welche Eigenschaften muss ein Landrat Ihrer Meinung nach haben?

Ich denke, ein Landrat sollte kommunikativ sein, aufrichtig, verlässlich, genau und klar in der Kommunikation. Er muss einerseits die Mitarbeitenden einer großen Verwaltung führen und andererseits die Diskussion und Meinungsbildung der Fraktionen und Abgeordneten fördern und zu einem tragfähigen Ergebnis bringen. Ich sehe eine zentrale Aufgabe darin, die Schnittstelle zu gestalten zwischen einer kompetenten Verwaltung und dem politischen Gestaltungswillen von Mandatsträgern, aber auch vielen engagierten Bürgern.

Vermissen Sie das beim derzeitigen Landrat?

Es steht mir nicht zu, ein Urteil über die Arbeit des Amtsinhabers abzugeben. Dazu erlebe ich sie im Grunde auch zu wenig. Wo wir miteinander zu tun hatten und haben, sind wir auch bei Meinungsunterschieden respektvoll miteinander umgegangen. Ich möchte gern, dass das so bleibt. Ich denke allerdings, dass wir schon aufgrund unseres Werdegangs zwei unterschiedliche Profile repräsentieren und damit eine wirkliche Wahl eröffnen. Herr Luttmann kommt aus der Verwaltung, und ich komme von außen.

Was reizt Sie am Job des Rotenburger Landrats?

Ich sehe herausfordernde, spannende Themen: Neben sozialen Fragen wie der Weiterentwicklung als Optionskommune, der Arbeit des Jobcenters, der Schaffung von erschwinglichem Wohnraum für kleine Bedarfsgemeinschaften, der Unterstützung von Familien, der Entwicklung einer Kultur des Willkommens für Menschen, die in den Landkreis kommen, ist es vor allem die Energiepolitik. Fracking und die Verpressung von Lagerstättenwasser bewegen die Menschen, ebenso der Ausbau der Windenergie und die große Zahl der Biogasanlagen im Landkreis. Wie ökologisch sind Biogasanlagen wirklich? Was tragen sie tatsächlich zur CO2-Reduzierung bei? Viele sehen die Mais-Monokulturen kritisch. Zu wenig diskutiert wird aus meiner Sicht auch die Frage, wie viel Fläche können wir der Nahrungsmittelproduktion entziehen, um darauf Energiepflanzen anzubauen? Und zwar vor dem Hintergrund, dass wir Soja aus Südamerika importieren, um in großen Ställen Tiere zu füttern. Die Deponie Haaßel ist ein großes Thema. Immer wieder haben Leute das Gefühl, dass bei wichtigen Entscheidungen Einzelinteressen im Spiel sind und die offene Diskussion fehlt.

Sehen Sie das auch so?

Ich kann das letztlich zu wenig beurteilen, weil auch ich diese Prozesse als zu wenig transparent erlebe. Ich wünsche mir mehr Kommunikation, die Menschen müssten noch viel mehr mit ins Boot genommen werden. Es geht ja nicht darum, den eigenen Kopf durchzusetzen. Wir sollten versuchen, politische Auseinandersetzungen so zu moderieren, dass dabei Ergebnisse herauskommen, die für viele nachvollziehbar sind.

Was befähigt Sie für das Amt des Landrats?

Als gelernter Pastor konnte ich eine Grundkompetenz entwickeln, was Kommunikation, Empathie und Wahrnehmung angeht. Bevor ich 2003 in Rotenburg Superintendent wurde, war ich acht Jahre als Studienleiter im Evangelischen Bildungszentrum in Bad Bederkesa beschäftigt. Das ist ein wunderbarer Lernort, an dem nahezu alle aktuellen Themen der Regionalentwicklung vorkommen. Ich selbst habe dort Seminare und Tagungen unter anderem über Wohnformen der Zukunft, über Engagementförderung und Veränderungsprozesse in sozialen Organisationen gestaltet. Als Organisationsberater habe ich das "Feuer großer Gruppen" kennen und schätzen gelernt. Dabei geht es um Methoden, die dabei helfen, dass Betroffene Beteiligte werden, die selbst aktiv an der Lösung gemeinsamer Fragestellungen arbeiten. Bei Konflikten geht es darum, die Interessen hinter den Standpunkten sichtbar zu machen, um Kompromisse zu erreichen die alle als Gewinn verstehen können. Ich denke zum Beispiel an das Thema Schulentwicklung im Landkreis: Welche Schulform kommt für welchen Standort in Frage? Da sollte der Landkreis eine moderierende Aufgabe wahrnehmen, die dabei hilft, dass sich die Kommunen nicht in Gewinner und Verlierer teilen. Kurz: Ich traue mir die Aufgabe zu, auch wenn ich Respekt habe vor ihrer Größe. Aber ein Landrat ist ja nicht allein, sondern kann auf die Kompetenz gut ausgebildeter Mitarbeiter, engagierter Abgeordneter und kritisch-konstruktiver Bürger setzen.

Haben Sie ein Vorbild?

Mir imponiert zum Beispiel der Politikstil des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Er steht in meinen Augen für klare, transparente Prozesse.

Sie sind der Wunschkandidat der Kreistagsmehrheit aus SPD, Grünen und Wählergemeinschaft. Treten Sie auch an, wenn die Grünen-Basis Elke Twesten nominiert?

Nein. Ich finde die Argumentation von Frau Twesten zwar nachvollziehbar, dass die Parteien eigene Kandidaten und möglichst Frauen aufstellen sollten. Ich stehe aber für ein anderes Konzept: Als Parteiloser werde ich nicht Kandidat von SPD und Wählergemeinschaft sein.

Sie sind im Nordkreis, im Raum Zeven und Bremervörde kaum bekannt. Wie wollen Sie das ändern?

Da bin ich auf die Mehrheitsgruppe im Kreistag und viele Unterstützer angewiesen, die mich einladen und Gelegenheiten schaffen, Menschen, Einrichtungen und Betriebe dort kennenzulernen. Ich werde in meiner Freizeit Termine im Nordkreis wahrnehmen, wo ich ja nicht Superintendent bin. Zwei Monate vor der Wahl werde ich von meinem Amt beurlaubt, so ist das im Pfarrerdienstrecht geregelt, und mich mit ganzer Kraft dem Gespräch und der Diskussion im ganzen Landkreis widmen.

Der Wahltermin steht noch nicht fest.

Ja, fest steht bisher nur, dass die nächste Amtsperiode des neuen Landrats am 1. November 2014 beginnt. Ich bin nicht dafür, die Wahl des Landrats mit der Europawahl im Mai zusammenzulegen. Europa ist ein so großes und aktuelles Thema, mit dem die Wahlen in den Kommunen nichts zu tun haben. Das sollte sich nicht überlagern. Daher bin ich für einen separaten kommunalen Wahltag im Spätsommer oder Herbst – zusammen mit den Kommunen, die auch 2014 Bürgermeister wählen.

Sollten Sie bei der Landratswahl unterliegen – bleiben Sie dann Superintendent in Rotenburg?

Nein. Nach meiner Überzeugung sollte es an der Spitze großer Organisationen regelmäßig einen Wechsel geben. Das gilt für Landkreise ebenso wie für Kirchenkreise. Als im vorigen Jahr die Gremien des Kirchenkreises meinen Auftrag als Superintendent verlängert haben, habe ich gesagt, dass ich, wenn es die Situation im Kirchenkreis zulässt, eine neue Aufgabe suche. Ich denke, dass das 2014 der Fall ist. Darum hat die Anfrage aus dem Landkreis jetzt auch zeitlich gut gepasst.

Wie sieht Ihr Alternativplan aus?

Ich habe keinen. Ich lebe in dem Vertrauen, dass, wenn eine Tür zugeht, sich eine andere öffnet. Aber bis dahin will ich tun, was mir möglich ist, damit das gemeinsame Ziel der Mehrheitsgruppe für eine beteiligungsorientierte Leitung des Landkreises Wirklichkeit wird.

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