Kunstverein Art-Projekt Worpswede Außer Spesen nichts gewesen

Der Kunstverein Art-Projekt Worpswede bleibt 30000 Euro an Preisgeldern und Rechnungen schuldig, löst sich daraufhin auf, schreibt aber weiterhin unter minimal veränderter Namensgebung Preise aus.
22.12.2017, 15:09
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Regelmäßig warnt die Polizei vor einer üblichen Betrugsmasche: Menschen wird ein Gewinn in Aussicht gestellt, für die Auszahlung sollen sie aber erstmal eine „Gebühr“ bezahlen. Von der zuvor versprochenen Summe sehen sie allerdings nie auch nur einen Cent. So ähnlich scheint auch das Geschäftsmodell des „Kunstverein Art-Projekt Worpswede-Deutschland e.V.“ (APWD) zu funktionieren.

Seit 2016 schreibt er einen hoch dotierten Kunstpreis aus, für die Teilnahme an der Preisverleihung müssen die nominierten Gewinner allerdings Eintritt zahlen. Schlimmer noch: In diesem Jahr zahlte der Kunstverein die ausgelobten Preise – knapp 20 000 Euro – gar nicht aus, im Vorjahr nur in Teilen und verspätet. Auch die Kosten für Gastronomie und Hotelübernachtungen in Höhe von weiteren 10 000 Euro, die im Rahmen der Preisverleihung am 30. September in Einbeck entstanden sind, blieb der APWD schuldig. Mittlerweile befindet sich der Verein in Auflösung, sämtliche Mitglieder, auch der Gründer und Vorsitzende Albin Homeyer, sind ausgetreten. Das hindert ihn – unter leicht veränderter Namensgebung – allerdings nicht daran, bereits jetzt einen Kunstpreis für 2018 auszuloben. Erneut sind Preisgelder von 15 000 Euro angekündigt.

Rückblende: 2010 gründet sich der Kunstverein Worpswede (KVW), mit dabei als zweiter Vorsitzender war Albin Homeyer. Bereits ein Jahr später spaltet sich der Neue Worpsweder Kunstverein (NWWK) – zunächst noch unter dem Namen Kunstverein Village Worpswede – ab. Homeyer wird nun auch im NWWK neuer Vize, gerät aber noch während der Gründungsphase erneut mit seinen Mitstreitern in Konflikt und tritt 2012 aus dem Verein wieder aus. Dann ist es ruhig um ihn in Worpswede geworden, bis der Walsroder 2014 den „Kunstverein Art-Projekt Worpswede-Deutschland e.V.“ gründet. Dessen Sitz ist seinerzeit in Isernhagen, und das Wirken des Projekte hat weder inhaltlich noch praktisch etwas mit dem Künstlerdorf zu tun. Homeyer sagt, er wolle die Strahlkraft Worpswedes nutzen und verspricht, sein Wirken würde positive Aufmerksamkeit für den Ort erzeugen. Eingetreten ist nun das Gegenteil. Rainer Augur, Publikumspreisträger 2017, schreibt in einem Brief an die Kulturbeauftragte der Gemeinde, von einem „immensen Imageschaden“, den Worpswede davontragen dürfte und von „Missbrauch“ des international guten Rufs des Orts.

Er hat sich mit anderen Künstlern, die bis heute nicht nur auf ihre Preise warten, sondern auch selber Kosten für die Teilnahme an der Preisverleihung, Anreise, Übernachtung und Anlieferung ihrer Werke zur Vorab-Ausstellung in Bremen getragen haben, zusammengeschlossen. Sie versuchen ihre Forderungen gemeinsam geltend zu machen. Was ihnen dabei widerfährt, empfinden die Betroffenen als „Abzocke“.

Schon als Augur für die Teilnahme an „seiner eigenen“ Preisverleihung 69 Euro Eintritt zahlen sollte, hätte er stutzig werden müssen, sagt er heute. Ist er aber nicht und hat, wie andere auch, gezahlt. Manche Künstler haben es geschafft, auf Nachfrage dann doch wenigstens Freikarten zu bekommen. Bevor der Preis im Einbecker Automuseum PS-Speicher verliehen wurde, gab es eine Preview-Ausstellung in Bremen. Die Galerie 64 in Schwachhausen zeigte die Werke unter dem Titel „Auto, Macht, Mobilität“. Für Galerist Thomas Wedemeyer eine ambivalente Erfahrung, wie er sagt: Homeyer habe alle Absprachen eingehalten, und er selber habe dabei kein Geld verloren. Verdient habe er auch aber auch nichts. Die Werke seinen zu teuer gewesen, verkaufen ließ sich keines.

In Einbeck werden dann am 30. September die Preise vergeben. Anders als im Vorjahr, als im Berliner Hotel Adlon-Kempinski auch Worpsweder Bürgermeister Stefan Schwenke auftrat und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil ein Grußwort übersandte, ohne offizielle Vertreter der Verwaltung oder des Landes. Allerdings angeblich mit hochkarätigen Sponsoren wie Banken oder Edelautohäuser. Die Spendenakquise ist aber schon im Vorfeld ins Stocken geraten, das verantwortliche Vereinsmitglied sei laut Homeyer „abgesprungen“. Den ersten Preis, dotiert mit 10 000 Euro, gewinnt das Heilbronner Künstlerkollektiv BMP mit Detlef Bräuer, Karl May und Uli Peter. Auch Detlef Bräuer kommen im Laufe des Abends ernste Bedenken, insbesondere nachdem sich niemand erkundigt, wohin denn das Preisgeld überwiesen werden sollte. Schon im Vorfeld fand er es merkwürdig, dass für die Einreichung eine Gebühr von 35 Euro abgerufen wurde sowie dass der Ort und Termin für die Ausstellung zweimal verschoben wurde.

In den folgenden Wochen tut sich nichts, bis Homeyer am 25. Oktober die Preisträger anschreibt. Er teilt in der E-Mail, die der Redaktion vorliegt, mit, dass in der Vorwoche die beiden stellvertretenden Vorsitzenden und der Schatzmeister des Vereins zurückgetreten seien und er deswegen die Gelder nicht auszahlen könne. Es sei zunächst eine Mitgliederversammlung notwendig, die am 19. November stattfinden solle.

Am 25. November, also eine Woche nach dem Versammlungstermin, schreibt er erneut. Diesmal berichtete er, die Mitgliederversammlung sei nicht beschlussfähig gewesen, weil außer ihm kein weiteres Vereinsmitglied anwesend gewesen sei. Die drei zurückgetretenen Vorständler seien zusammen mit weiteren Mitgliedern ausgetreten, der Verein sei „handlungsunfähig“. Er wolle nun seinen Notar kontaktieren und müsse dessen Rat abwarten. Weiter schreibt er: „Ihre Enttäuschung kann ich mir sehr gut vorstellen. Es ist nicht so, dass der „Kunstpreis Worpswede“ derzeit ein Problem hat, sondern der Kunstverein Art-Projekt Worpswede-Deutschland e.V..“ Neben dem Bedauern spricht er gleichzeitig auch eine deutliche Warnung an die Künstler aus: „Um die gleichwohl aus dem Kunstpreisgewinn resultierenden Vorteile/Effekte nicht zu gefährden (...)‚ bitte ich Sie dringend Stillschweigen in dieser Angelegenheit zu bewahren. Die für Sie aus dem Gewinn des Kunstpreises Worpswede resultierende zusätzliche Reputation würde sonst gegebenenfalls gefährdet werden.“

In einer weiteren Mail vom 2. Dezember schreibt Albin Homeyer dann, dass er in der Zwischenzeit – als letztes verbliebenes Mitglied – selber aus dem Verein ausgetreten sei. Da dieser nun mitgliedslos sei, werde die Auflösung beim Amtsgericht Hannover beantragt. Diese ist allerdings bislang nicht vollzogen. Mit Schreiben vom 8. Dezember teilt das Gericht mit, dass die Lösung aber beabsichtigt sei. Widerspruchsberechtigt dagegen seien nur eventuell noch vorhandene Mitglieder, nicht Dritte, die Forderungen stellen, so die zuständige Rechtspflegerin. Am selben Tag meldet sich Homeyer wieder zu Wort, diesmal schon deutlich schärfer. Der PS Speicher in Einbeck hatte, nachdem ihm bekannt wurde, dass die Preisgelder nicht bezahlt wurden, die Ausstellung vorzeitig abgebrochen, und auch die Nachfolgeausstellung in der Deutschen Bank Hannover wurde abgesagt. Hohmeyer: „Vermutlich wird der ,Informant' nun seine Genugtuung haben, jedoch zulasten aller ausstellenden Künstlern.“ Sein Schlusssatz lautet: „Unter derartigen Voraussetzungen ist es nicht einfach, über eine Kompensation nachzudenken.“

Indes scheint Homeyer sehr wohl darüber nachzudenken, wie er den Forderungen entgehen und sein Spiel weitertreiben kann. In dieser Woche veröffentlichte er auf seiner Webseite die Ausschreibung für den Kunstpreis 2018, ausgelobt vom „Art-Projekt Worpswede-Deutschland (APWD)“ ohne den bisherigen Zusatz „e.V.“. Weiter heißt es: „APWD ist ein Bereich des Der Spieker-Baustil e.V.“. Der Sitz ist unverändert in Ebbingen bei Walsrode, und auch der erste Vorsitzende des Vereins Spieker, der sich vorwiegend mit Fachwerkbauten beschäftigt, ist ein guter Bekannter: Albin Homeyer. Gegründet hat er diesen Verein Anfang 2017, zuvor agierte der als GmbH.

Sowohl der Einbecker Veranstalter als auch die Künstler haben ihre Anwälte eingeschaltet. Sie haben Albin Homeyer eine Frist bis zum 15. Januar gesetzt. Der spricht lapidar von „Anfangsschwierigkeiten“, die normal seien bei der Etablierung eines neuen Preises. Wie die ausstehenden Forderungen beglichen werden soll, lässt er allerdings auch auf Nachfrage offen.

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