Sandbostel

Ausstellung in Gedenkstätte eröffnet

Sandbostel. In der Gedenkstätte Lager Sandbostel wurde eine neue Dauerausstellung eingeweiht. Sie soll die Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers multimedial aufarbeiten. Zur Eröffnung kamen hochrangige Politiker.
30.04.2013, 05:00
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Von Lars Fischer
Ausstellung in Gedenkstätte eröffnet

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Lars Fischer

Sandbostel. Auf den Tag genau 68 Jahre nach der Befreiung durch britische Truppen weihte die Gedenkstätte Lager Sandbostel eine neue Dauerausstellung ein. Die Geschichte des ehemaligen Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers wird multimedial aufgearbeitet. Staatsminister Bernd Neumann und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil machten die Bedeutung der historisch einmaligen Gedenkstätte in ihren Beiträgen deutlich.

Hans Engel wurde am 29. April 1945 29 Jahre alt. Vergessen hat er diesen Tag sein Leben lang nicht. Als britischer Militärarzt erreichte er damals das Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Sandbostel. Er war beim Feldzug in der Normandie dabei, seine Einheit hatte über 8000 Verwundete zu beklagen, doch die Bilder, die der junge Arzt im Moor bei Bremervörde mitansehen musste, haben ihn nicht mehr losgelassen. 3000 Leichen lagen dort einfach herum. "War der Krieg das Fegefeuer, dann war das die Hölle, das Inferno", beschreibt der heute 97-Jährige seine Eindrücke.

Lange Zeit hat er nicht darüber sprechen können – heute tut er es. Und wenn lange Zeit nur wenige zuhören wollten oder konnten, heute, auf den Tag genau 68 Jahre später, hören ihm nicht nur viele junge Menschen, sondern auch einflussreiche Politiker zu. Zuvor haben in der randvollen, ehemaligen Lagerküche Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, gesprochen. Zu den Ehrengästen gehören neben der niedersächsischen Kultusministerin Frauke Heiligenstadt, Landrat Hermann Luttmann und weiteren Lokalpolitikern auch einige der letzten Überlebenden des "Stalag XB".

Aufarbeitung der Schicksale

Unter dieser Bezeichnung firmierte das Lager in der NS-Vernichtungsmaschinerie von 1939 bis 1945. Wie viele der insgesamt weit über 100000 Gefangenen dort starben, ist umstritten, von 8000 bis 50000 Toten berichten unterschiedliche Quellen. Die Aufarbeitung dieser Schicksale, aber auch die Geschichte der Nachkriegs-Nutzung des Areals wird nun in einer neuen Dauerausstellung weiter voran getrieben. Der Weg dorthin sei ein schwieriger gewesen, betont Projektleiter Andreas Ehresmann und meint damit nicht nur die dreijährige Arbeit an der Ausstellung selber, die mit modernen Medien in eine der "unbelasteten" Nachkriegsbaracken eingezogen ist. Auch die nötige Akzeptanz in der Region herzustellen war kompliziert, noch heute werden Teile des ehemaligen Lagergeländes als Gewerbegebiet genutzt. So sagte auch der Stiftungsvorsitzende Detlef Cordes in seiner Begrüßung, der Gedenkstättenverein sei an diesem Tag einen großen Schritt vorangekommen – am Ziel sei er noch lange nicht.

Erst seit 2005 hat die Stiftung überhaupt begonnen, Teile des ehemaligen Lagergeländes zu erwerben und die Bausubstanz zu sichern – mit bescheidenen Mitteln und gegen große Widerstände. Es gibt kein anderes nationalsozialistisches Gefangenlager von einem vergleichbaren Erhaltungsgrad. Seit sechs Jahren ist auch eine Dokumentationsstätte vor Ort zu besichtigen, zunächst provisorisch und improvisiert.

Mit der neuen Ausstellung, die in zwei Teilen und Gebäuden sowohl die Kriegszeit als auch die Nachnutzung thematisiert, wird Sandbostel jetzt seiner historischen Bedeutung gerecht. In zahlreichen Beiträgen wurde das Engagement zunächst weniger Ehrenamtlicher gewürdigt, die die Grundlagen für die Aufarbeitung der Geschichte gelegt haben. Neumann, der bereits vor vier Jahren die Gedenkstätte besucht hatte und ein "trostloses" Gelände vorfand, sprach jetzt von einem "außergewöhnlichen Ort der Erinnerung". "Aus einem Tatort wurde ein Gedenk- und Begegnungsort", beschrieb der Staatsminister den langen Weg dorthin und mahnte, sich der historischen Schuld zu stellen, statt zu verharmlosen und zu vergessen.

Auch Stephan Weil nutzte seinen Beitrag, um aktuelle Bezüge herauszuarbeiten. Er schlug den Bogen bis zum anstehenden NSU-Prozess. Auch mit Blick auf die nach wie vor ungelöste Frage, wie mit den Teilen des ehemaligen Lagers, die noch gewerblich genutzt werden, verfahren werden soll, sagte er: "Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen" und gab seiner Hoffnung auf eine Erweiterung der Gedenkstätte Ausdruck. Eine solche Rückendeckung von höchsten politischen Stellen ist in der Sandbosteler Gedenkstättenarbeit eine neue Qualität – und das lässt sich ebenfalls über die neue Dauer-Ausstellung sagen.

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